ArchivDeutsches Ärzteblatt25/2022Pharmazeutische Dienstleistungen: In fremden Gewässern fischen

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Pharmazeutische Dienstleistungen: In fremden Gewässern fischen

Schmedt, Michael

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Michael Schmedt, Chefredakteur
Michael Schmedt, Chefredakteur

Fragen Sie Ihren Arzt oder Apotheker“ heißt es seit Mitte der 90er-Jahre im Fernsehen, wenn für nicht verschreibungspflichtige Medikamente geworben wird. Eingeführt hatte man den Slogan, um nicht die Fachinformationen der jeweiligen Präparate gänzlich auflisten zu müssen. Bereits damals profitierten eigentlich nur die Apotheken (und Pharmahersteller) davon: Die Werbung für nicht verschreibungspflichtige Präparate wurde prägnanter, die Patienten kauften diese in den Apotheken, deren Geschäft expandierte. Der Ärzteschaft blieb dabei eigentlich nur, ihre Patientinnen und Patienten zu Paracetamol, Ibuprofen oder Sinupret kostenfrei zu beraten.

Jetzt ist ein noch größeres Ärgernis hinzugekommen und es geht – auch – wieder ums Geld. Mit der Einigung von GKV-Spitzenverband und Deutschem Apothekerverband zu fünf neuen pharmazeutischen Dienstleistungen dürfen Apotheken jetzt auch bei ärztlichen Beratungsleistungen mitspielen. Und nicht nur das. Sie bekommen im Gegensatz zu den Vertragsärztinnen und -ärzten ein Vielfaches an Honorar dafür.

Die Kassen zahlen zum Beispiel den Apotheken im Verhältnis zur ärztlichen Honorierung einen Wucherpreis für eine Medikationsanalyse, sprich 90 Euro. Dass die Kassen angesichts ihrer derzeitigen Finanzlage jetzt großflächig finanzielle Mittel an die Apotheken ausschütten, kritisieren zu Recht viele ärztliche Organisationen. Zumal die Erbringung der neuen Leistung für alle Apotheken offen ist, es also keine Einschränkungen nach Organisation, Menge oder Standort et cetera gibt.

„Schuld“ an dieser Entwicklung ist das Apothekenstärkungsgesetz. Der ehemalige Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) hatte die Vor-Ort-Apotheken im Wettbewerb gegen den Versandhandel stärken wollen. Auch als politischer Ausgleich dafür, dass es nicht zu einem Versandhandelsverbot gekommen war.

Aber es geht nicht nur ums Geld. Viel wichtiger ist, dass Apotheken sich nun auf fremdem Terrain bewegen können. Zu oralen Antitumortherapien müssen sich Patienten künftig nicht mehr unbedingt den ärztlichen Ratschlag holen, sondern können dies auch in der Apotheke tun. Das heißt, es entsteht eine große Gefahr, dass sich beide außerhalb des ärztlichen Behandlungsgeschehens und des Therapieregimes bewegen. Die Apotheken fischen in fremden Gewässern.

Wie dies nun Versorgungsdefizite beheben soll, von denen die ABDA-Präsidentin Gabriele Regina Overwiening sprach, ist schleierhaft. Zumal sie die Defizite weder spezifiziert oder gar beziffert hat. Und was passiert im Alltag, wenn der Apotheker die ärztliche Verordnung anders bewertet? Wer haftet? Was heißt das für das Arzt-Patienten-Verhältnis? Eine Verunsicherung könnte wiederum zu vielen Fragen in der Arztpraxis führen.

Das Gesetz von Spahn ist eher ein (Finanz-)Stärkungsgesetz für Apotheken, ohne die medizinischen Folgen zu bedenken. Zudem schürt es – wie bereits bei Impfungen durch Apotheker – die Grabenkämpfe zwischen Ärzte- und Apothekerschaft. Kluges politisches Handeln ist dies nicht.

Dass man aber durchaus gemeinsam zielführende Projekte im Medikationsmanagement umsetzen kann, macht das Modellprojekt ARMIN (Arzneimittelinitiative in Sachsen und Thüringen) deutlich, das allerdings Ende Juni ausläuft. Man sieht, dass auch ohne die Politik gute Versorgung machbar ist.

Michael Schmedt
Chefredakteur

Kommentare

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Avatar #615036
co_ed
am Donnerstag, 30. Juni 2022, 21:10

Kulturell kompetentes Mitgefühl und Mut im deutschen Gesundheitswesen seit 40 Jahren

Der Niedergang der Abendländischen Kultur schreitet durch das Problem der Trittbrettfahrer zweiter Ordnung voran. Lustig ‚trallarallala‘ gibt es Win-Win auf Teufel kommt raus – allem voran die Staatsspitze: „Och, Pech gehabt. Kann doch mal passieren (wenn‘s um die Beziehung zu Herrn P. aus M. Geht), sagt ein Mann, der seit seinem Beginn der Berufstätigkeit nur Berufspolitiker war. Ähh, Strafe oder Buße, mit sowas fangen wir erst gar nicht an!“

Der Trittbrettfahrer zweiter Ordnung ist ein ganz netter Kerl, erspart sich aber Kosten, durch Widerworte unangenehm aufzufallen, es könnte ja was unangenehmes passieren. Trittbrettfahrer zweiter Ordnung sind Heuchler des Mitgefühls und Mutes – eben wie viele der typischen Berufspolitiker in der Abendländischen Kultur des Verfalls. Dem geb ich ein Neinzeichen als Ablehnung.
 
 
Der Freiberuflichkeit verpflichtet

Heft 1 vom 3. Januar 1980   DEUTSCHES ÄRZTEBLAT
https://www.aerzteblatt.de/pdf.asp?id=140938

Verband der niedergelassenen Ärzte:
Deutliche Appelle nach innen und nach außen

Saubere ärztliche Arbeit

„Saubere ärztliche Arbeit mit
verstärkter Zuwendung des Arztes
zum einzelnen Patienten müssen
den Bürgern unseres Landes die
Überlegenheit freiberuflicher
Tätigkeit über alle anderen
bestehenden oder denkbaren
Versorgungssysteme im Bereich
der ambulanten ärztlichen Versorgung
deutlich machen.“
Avatar #615036
co_ed
am Dienstag, 28. Juni 2022, 21:04

Fehlermanagement in Körperschaften: Impulse von außen sind wichtig

Krankenkassen teurer: 0,3% mehr Zusatzbeitrag / BÄK kriegt hohle Augen: Wucherpreis für eine Medikationsanalyse in Apotheken

Wie lassen sich Körperschaften dazu bewegen, stärker und nachhaltig von modernen Fehlerberichts- und Lernsystemen anstelle des veralteten CIRS, Critical Incident Reporting Systems Gebrauch zu machen? Was sind die Hürden zur Einführung oder Nutzung solch neuer Systeme wie der „Hudson Ladder?

CIRS war ja nur was für Arztpraxen; mit sowas wollten Körperschaften erst gar nicht anfangen. Damit das auch jedem recht schnell klar wurde, wurden kritische Eingaben etwa an rheinische Vertragsärztliche Vereinigungen erst gar nicht beantwortet: kein Client Relation Management (CRM) im Rheinland und sonstwo auch nicht – Null-CIRS in der Bürokratie.

Nicht nur für CIRS, sondern auch für so manche Strukturen in den Administration werden Abwrackprämien gefordert. Der Irrgarten der Überregulierung (maze of overregulation) zusammen mit fortschreitender Demographie und retardierter Siechen-Demokratie vernichten die Zukunft der jungen Generation.

Trittbrettfahrer zweiten Grades verbreiten die trügerische Illusion von Win-Win – das Anagramm ist C-DPS.
Avatar #615036
co_ed
am Sonntag, 26. Juni 2022, 20:25

Work-Justice-Balance

Der Begriff Work-Justice-Balance steht für einen Zustand, in dem Arbeitseinsatz und Gerechtigkeit miteinander in Einklang stehen. Die Begriffsbildung Work-Justice-Balance stammt aus dem Englischen: Arbeit (work), Gerechtigkeit (justice), Gleichgewicht (balance).

In Intensivstationen herrscht zunehmenden Personalmangel, als Ursache wird eine Work-Justice-Balance festgestellt. Medizinische Wochenzeitschriften spotten dann: „Ich bin dann mal weg!“

Das Neinzeichen als Vorschlag für ein neues Satzzeichen markiert Ablehnung und warnt, dass bei fortgesetzter Verletzung von Interessen (hier Gerechtigkeit) ein Abbruch der Kooperation droht.

In Deutschland wird der soziale Frieden zunehmend durch eine Jelliotisierung in Gefahr gebracht. („Inflation. Wer zu wenig Geld hat, soll doch Überstunden machen!“ – mit Jelliot von ‚to yell‘ krakeelen und ‚yellow‘ ist gelb).

Das leibhaftige Gesundheitswesen zeigt, das „Reporting“ des Critical Incident Reporting System (CIRS, deutsch „Berichtssystem über kritische Vorkommnisse“) ist veraltet und wirkungslos. Fehlermanagement bedeutet: Politik und Verantwortliche müssen sich beizeiten der Probleme annehmen, d.h. «bottom-up ‘pull’ rather than top-down ‘push’», (Patrick Hudson: Culture ladder, „Hudson Ladder“) und gerechte Lösungen vorlegen.
Avatar #615036
co_ed
am Freitag, 24. Juni 2022, 10:17

Aus Triage wird Quartage

1. …
2. …
3. …
4. Wenden Sie sich doch an Apotheker, Barbier oder Chaos-Politik! (ABC der Quartage)

Das ABC der Quartage wird zur konsequenten WANZ-Anwendung von SGB V, § 12:
W (irtschaftlich), A (usreichend), N (otwendig ) und Z (weckmäßig)

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