ArchivDeutsches Ärzteblatt25/2022Apotheken: Fünf Dienstleistungen starten

POLITIK

Apotheken: Fünf Dienstleistungen starten

Kurz, Charlotte

Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...
LNSLNS

Ab sofort dürfen Apotheken in Deutschland pharmazeutische Dienstleistungen anbieten, die von den Krankenkassen bezahlt werden. Dazu gehören etwa eine erweiterte Medikationsanalyse oder eine Einweisung in die korrekte Inhalationstechnik. Ärzteorganisationen üben scharfe Kritik.

Neue Beratungsmöglichkeiten: Künftig dürfen die Apotheken in Deutschland fünf verschiedene sogenannte pharmazeutische Dienstleistungen anbieten. Diese werden von den Krankenkassen übernommen. Foto: Eivaisla/iStock
Neue Beratungsmöglichkeiten: Künftig dürfen die Apotheken in Deutschland fünf verschiedene sogenannte pharmazeutische Dienstleistungen anbieten. Diese werden von den Krankenkassen übernommen. Foto: Eivaisla/iStock

Der ehemalige Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) hatte 2020 den Weg für pharmazeutische Dienstleistungen über das Vor-Ort-Apotheken-Stärkungsgesetz geebnet. Die jetzige Regierung, die Ampelkoalition, hat sich laut Koalitionsvertrag zudem vorgenommen, diese künftig besser zu vergüten. Nach Verhandlungen zwischen dem GKV-Spitzenverband und dem Deutschen Apothekerverband (DAV) hat die Gemeinsame Schiedsstelle nun eine Einigung zu den Dienstleistungen in Apotheken bekannt gegeben.

Demnach können die Apotheken künftig fünf pharmazeutische Dienstleistungen anbieten, informierte die Bundesvereinigung Deutscher Apothekerverbände (ABDA). Dazu gehört eine erweiterte Medikationsanalyse, wenn Patientinnen und Patienten fünf oder mehr Arzneimittel einnehmen.

Apotheken können außerdem eine zusätzliche Betreuung bei ärztlich diagnostiziertem Bluthochdruck anbieten, wenn Patienten Blutdrucksenker einnehmen. Diese Leistung beinhaltet eine dreifache Blutdruckmessung. Darüber hinaus dürfen Apotheker und Apothekerinnen künftig Einweisungen zu Medikamenten zum Inhalieren bei Atemwegserkrankungen geben.

Ab sofort dürfen die Apotheken zwei weitere Dienstleistungen anbieten, dazu gehört eine Beratung für Tumorpatienten und für Organtransplantierte, die Medikamente gegen körpereigene Abstoßreaktionen einnehmen.

Nach Informationen des Deutschen Ärzteblattes gibt es für die Medikationsanalyse sowie für die Betreuung von Organtransplantierten und Krebspatienten jeweils 90 Euro netto. Bei den letzteren beiden Dienstleistungen sind zudem 17,55 Euro für ein Folgegespräch nach zwei bis sechs Monaten vorgesehen. Für die Einweisung in die Inhalationstechnik zahlen die Kassen künftig 20 Euro netto, für die Beratung bei hohem Blutdruck gibt es 11,20 Euro netto.

Meilenstein für Apotheken?

ABDA-Präsidentin Gabriele Regina Overwiening begrüßte die Entscheidung: „Das ist ein Meilenstein für die Patientenversorgung. Mit den neuen Leistungen können wir Versorgungsdefizite beheben und die Effizienz der individuellen Arzneimitteltherapie verbessern“, so Overwiening. Der DAV-Vorsitzende Thomas Dittrich ergänzte: „ Jetzt gibt es ein gutes Leistungsportfolio, das die Apotheken auch im Interesse der Patienten umsetzen können, ohne dass es dazu einer ärztlichen Verordnung bedarf.“

„Inhaltlich fragwürdig und teuer“, bewertete hingegen der Vorstandsvorsitzende der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV), Dr. med. Andreas Gassen, die Dienstleistungen. „Offenbar scheinen die Krankenkassen über genügend finanzielle Mittel zu verfügen.“ Aus seiner Sicht wäre es nur folgerichtig, die letztlich fundiertere ärztlich-medizinische Betreuung mindestens auf das den Apotheken zugestandene finanzielle Niveau anzuheben.

Bundesärztekammer-Präsident Dr. med. (I) Klaus Reinhardt betonte: „Die Beratung in der Apotheke kann die ärztliche Diagnose und Therapieempfehlung nicht ersetzen, auch nicht ansatzweise.“ Er sieht die Dienstleistungen als Substitution ärztlicher Leistungen und fordert deshalb die Überarbeitung des Gesetzes zur Stärkung der Vor-Ort-Apotheken. Seiner Ansicht nach sollten deshalb die Regelungen zu pharmazeutischen Dienstleistungen in Apotheken ersatzlos gestrichen werden. Auch der Vorsitzende des Deutschen Hausärzteverbands, Ulrich Weigeldt, übte scharfe Kritik: „Das wird mit Sicherheit nicht helfen, ein besseres Medikationsmanagement zu gewährleisten.“

Der GKV-Spitzenverband wollte den Schiedsspruch auf Nachfrage des Deutschen Ärzteblattes noch nicht inhaltlich bewerten und zunächst prüfen. Der AOK-Bundesverband äußerte allerdings Kritik. Laut der Vorstandsvorsitzenden Dr. Carola Reimann sollten die Dienstleistungen regional und dezentral erfolgen. Die angesetzten Honorare seien zudem „viel zu hoch angesetzt“. Das stünde in keinem Verhältnis zu den Vergütungen der niedergelassenen Ärzte für entsprechende Leistungen. Allerdings seien die Honorare der Ärzte keinesfalls unterfinanziert, so Reimann.

Charlotte Kurz

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

Fachgebiet

Zum Artikel

Der klinische Schnappschuss

Alle Leserbriefe zum Thema

Stellenangebote