ArchivDeutsches Ärzteblatt4/1996„Gesundheit in sozialer Verantwortung„: Vorschläge zur Umsetzung des Krebsregistergesetzes

THEMEN DER ZEIT: Tagungsberichte

„Gesundheit in sozialer Verantwortung„: Vorschläge zur Umsetzung des Krebsregistergesetzes

Swart, Enno; Robra, Bernt-Peter; Böhlert, Ingo; Schneider, Frank

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LNSLNS Die gemeinsame Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Sozialmedizin und Prävention (DGSMP), der Deutschen Gesellschaft für Medizinische Soziologie (DGMS) und der Deutschen Arbeitsgemeinschaft für Epidemiologie (DA Epi) fand Ende September in Magdeburg und damit erstmalig in den neuen Ländern statt. Die Tagung stand unter dem Thema "Gesundheit in sozialer Verantwortung". Sie umfaßte wissenschaftliche Sitzungen unter anderem zu Schwerpunkten der Epidemiologie, Gesundheitsökonomie, Qualitätssicherung, soziale Ungleichheit und Versorgungsforschung sowie Arbeitsgruppensitzungen und Workshops. 500 Teilnehmer an drei Konferenztagen belegen Vielfalt und Aktualität des Programms.
Prof. Bernd Badura (Bielefeld) thematisierte in seinem Festvortrag zentrale Aspekte sozialer Verantwortung in unserem Gesundheitswesen. Darunter versteht er in erster Linie die Bekämpfung seiner Intransparenz und die Überwindung der Anbieterdominanz. Er plädierte für eine wissenschaftlich begründete Evaluation des Gesundheitswesens, die den Prozeß der Leistungserbringung zum Ansatzpunkt eines umfassenden Qualitätsmanagements macht. Hinsichtlich der Dominanz von Leistungserbringern und Kostenträgern gelte es, den ganzen Menschen und interaktionsintensive Leistungen wieder in den Mittelpunkt der medizinischen Versorgung zu stellen. Prof. Jörg Michaelis (Mainz) stellte während der Tagung ein Grundsatzpapier seiner Arbeitsgruppe zur Umsetzung des Krebsregistergesetzes (KRG) vor. Das KRG verpflichtet die Bundesländer, spätestens zum 1. Januar 1999 flächendeckend bevölkerungsbezogene Krebsregister einzurichten. Mit einer Ausnahme gibt es zum derzeitigen Zeitpunkt in allen Bundesländern Pläne für Landeskrebsregister. Die Arbeitsgruppe hat in Magdeburg Vorschläge für eine technische Realisierung nach dem sogenannten Michaelis-Modell erarbeitet. Es sieht eine Trennung der Register in eine Vertrauens- und eine Registerstelle vor. Während die Vertrauensstelle für Datenprüfung, Rückfragen an die meldenden Einrichtungen und die Verschlüsselung der persönlichen Daten zuständig ist, erfolgen in der Registerstelle die Langzeitspeicherung, das Record Linkage verschiedener Datensätze, die Routineberichterstattung und die epidemiologische Forschung. Für die abgestimmte bundesweite Arbeit der Register und ihren länderübergreifenden Datenabgleich ist auf Bundesebene eine einheitliche Vergabe von Kontrollnummern unabdingbar. Auf Landesebene sind im Falle mehrerer Vertrauensstellen zusätzlich einheitliche Verfahren und Schlüssel für eine symmetrische Verschlüsselung personenbezogener Datensätze erforderlich.


In Rheinland-Pfalz schon umgesetzt
Im Krebsregister Rheinland-Pfalz ist dieses Konzept bereits weitgehend umgesetzt und hat sich als praktikabel erwiesen. Nachdem die Meldung von Krebsfällen anhand von Meldebogen des Registers, über Nachsorgeleitstellen und klinische Register realisiert ist, sollen zukünftig Pathologen, Melderegister und Gesundheitsämter (Todesbescheinigungen) einbezogen werden.
Nach den Ausführungen von Cornelia Baumgardt-Elms (Krebsregister Hamburg) und Christa Stegmaier (Krebsregister Saarland) sind ohne regelmäßige Abgleichungen zwischen Krebs- und Melderegistern einerseits sowie zwischen den Krebsregistern untereinander andererseits keine validen Schätzungen von Inzidenzen und Prävalenzen möglich.
Ausführlich diskutiert wurde im Plenum die zukünftige Organisation der Epidemiologie in Deutschland. In der sachlich wie emotional geführten Aussprache befürworteten PD Dr. Nikolaus Becker (Heidelberg) und Prof. Ulrich Keil (Münster) die Gründung einer eigenständigen Deutschen Gesellschaft für Epidemiologie an Stelle der DA Epi, die bislang durch die Fachgesellschaften DGMSP und Deutsche Gesellschaft für Medizinische Informatik, Biometrie und Epidemiologie (GMDS) sowie die Deutsche Region der Internationalen Biometrischen Gesellschaft (BG-DR) getragen wird. Begründet wurde dieser Vorschlag mit der bisher fehlenden Mitgestaltungsmöglichkeit vieler Epidemiologen in der DA Epi aufgrund ihres Delegationsprinzips und durch die damit verbundene Konzentration der Kräfte in Richtung auf eine weitere Verbreitung der Epidemiologie in Deutschland. Von anderen Diskussionsteilnehmern – Prof. Heiner Raspe (Lübeck), PD Dr. Maria Blettner (Heidelberg), Prof. Heinz Erich Wichmann (Neuherberg) – wurde hingegen die Arbeit der DA Epi in den vergangenen Jahren gewürdigt. Sie habe dazu beigetragen, die durchaus konkurrierenden Eigeninteressen der Muttergesellschaften zu bündeln. Sie repräsentiere in idealer Weise die Interdisziplinarität des Faches Epidemiologie und könne derzeit die verschiedenen Fachrichtungen der epidemiologisch tätigen Wissenschaftler besser integrieren als eine neu aufzubauende Gesellschaft. Zur Zeit solle sich daher die DA Epi mit Unterstützung der anderen Fachgesellschaften weiter entwickeln, bis zu einem späteren Zeitpunkt bei einer stärkeren Verankerung der Epidemiologie in Deutschland über die Gründung einer eigenen Fachgesellschaft entschieden werden könne. Die Diskussion endete mit einem Kompromiß: Es soll an einer Aufwertung der Jahrestagungen der DA Epi und an einer Schärfung ihres Profils auch auf europäischer Ebene gearbeitet werden. Zudem soll die Satzung der DA Epi hinsichtlich einer breiteren Mitwirkungsmöglichkeit der Epidemiologen umgestaltet werden. Alle Beteiligten erklärten sich zu einer Mitwirkung an diesem Prozeß bereit.

Tarifsystem in GKV und PKV
Schwerpunkte einer Sitzung Gesundheitsökonomie waren Strukturanalysen der gesetzlichen und privaten Kran­ken­ver­siche­rungen und Erfahrungsberichte zu alternativen Tarifsystemen in der GKV. Prof. Jürgen Wasem (Köln) diskutierte Lösungsmöglichkeiten für das Problem der mit dem Alter extrem ansteigenden Prämien in der PKV. Umsetzungsfähig erscheinen vor allem ein Ausbau des Umlageverfahrens analog zur GKV und eine Stärkung des Kapitaldeckungselements auf der Grundlage einer geschätzten Krankheitskostenentwicklung. Aufgrund einer Analyse von Jahresabschlüssen privater und gesetzlicher Kran­ken­ver­siche­rungen kommt Dr. Ingo Böhlert (Magdeburg) zum Schluß, daß weder GKV noch PKV vollständig befriedigende Instrumente zur Lösung der mit steigenden Ausgaben verbundenen Probleme besitzen. Es zeige sich eine Tendenz zur Konvergenz beider Versicherungssysteme. Elke-Maria Schmidt und Eva-Maria Malin (Essen) berichteten von einem Modellversuch Beitragsrückzahlung in mehreren Betriebskrankenkassen. Höheren Verwaltungskosten standen nur geringe Einsparungen bei den Gesundheitsausgaben gegenüber, da die Rückzahlungen vor allem den Versicherten zugute kamen, die bislang schon wenig zum Arzt gingen. Eine Beitragsrückzahlung erscheint daher nicht als wirksames Instrument der Kostendämpfung, sondern als Mittel der Selektion guter Risiken.


Anschrift der Verfasser:
Dr. Enno Swart
Prof. Dr. Bernt-Peter Robra
Dr. Ingo Böhlert
Dr. Frank Schneider
Institut für Sozialmedizin
Medizinische Fakultät der Otto-von-Guericke-Universität Leipziger Straße 44
39120 Magdeburg

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