ArchivDeutsches Ärzteblatt26/2022Prävention: Fataler Dreiklang

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Prävention: Fataler Dreiklang

Schmedt, Michael

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Michael Schmedt, Chefredakteur
Michael Schmedt, Chefredakteur

Die ersten Hitzewellen des Jahres ziehen durchs Land, die Freibäder sind nach coronabedingten Schließungen und Besuchseinschränkungen wieder rappelvoll. Insbesondere Kinder sind froh, an den heißen Tagen ins kühle Nass springen zu können. Eigentlich eine gute Entwicklung nach der tristen Pandemiezeit für die junge Bevölkerung.

Ob sie aber nach dem Sprung vom Einmeterbrett wieder sicher an den Beckenrand kommen, ist nicht immer gewährleistet. In Berlin hat sich zum Beispiel der Anteil der Kinder, die am Ende der dritten Klasse noch nicht schwimmen können, von 16,6 Prozent (2018/2019) auf zuletzt 36,28 Prozent mehr als verdoppelt. Bäder waren geschlossen, dementsprechend fiel der Schwimmunterricht aus. Zwei Jahrgänge hätten den Schwimmunterricht in den Schulen nicht uneingeschränkt absolvieren können, berichtet der Sprecher der Deutschen Lebens-Rettungs-Gesellschaft (DLRG) der Tageszeitung Die Welt. Das seien bundesweit rund 1,5 Millionen Kinder.

Dass die Unfallgefahr damit steigt, muss man eigentlich nicht erwähnen. Mindestens genauso schlimm ist, dass sich Kinder und Jugendliche einfach weniger bewegt haben. Zusammen mit einer ungesunden Ernährung und einem extensiven Medienkonsum ist Übergewicht eine schlimme Folge der Pandemiezeit.

Fast jedes sechste Kind in Deutschland hat seit dem Beginn der Coronapandemie an Gewicht zugelegt. Bei den Zehn- bis Zwölfjährigen betrifft das mit 32 Prozent sogar fast ein Drittel, wie eine Forsa-Umfrage für die Deutsche Adipositas-Gesellschaft (DAG) und das Else Kröner-Fresenius-Zentrum für Ernährungsmedizin (EKFZ) an der Technischen Universität (TU) München ergab. Zudem isst etwa ein Viertel mehr Süßigkeiten als vor der Pandemie.

Weniger Bewegung, schlechte Ernährung, Übergewicht. Dieser fatale Dreiklang führt auch bei Kindern und Jugendlichen schnell zu Bluthochdruck, Fettleber oder Diabetes. Gerade die sogenannten Zivilisationskrankheiten verursachen im Gesundheitssystem enorme Kosten. Dass es Kosten spart, nicht krank zu werden, ist wohl so einfach, dass die Politik immer wieder vergisst, hier anzusetzen.

Doch es ist auch ein strukturelles Problem. Schon seit Jahren werden Schwimmbäder geschlossen, Sportunterricht gestrichen und städtebaulich wird die Umgebung für körperliche Aktivitäten reduziert. Die Pandemie hat diese Mängel nochmals extrem befeuert, die sportlichen Aktivitäten junger Menschen gingen nicht nur zurück, sie kehrt auch nicht so einfach wieder. Von 500 befragten Jugendlichen und jungen Erwachsenen haben 51 Prozent während der Pandemie weniger Sport getrieben. Und trotz der gefallenen Beschränkungen sind nur 37 Prozent wieder genauso aktiv wie vorher. Bei Kindern sind es sogar nur 56 Prozent, wie eine Umfrage der Allianz vergangene Woche ergab.

Man darf nicht aufhören davor zu warnen, dass die vielen Kilos der jungen Generation Folgen für deren Gesundheit, aber auch für die Gesundheitskosten haben. Und es ist ja nicht so, dass es keine Rezepte gäbe: mehr frei zugängliche Sportstätten, Werbebeschränkungen für ungesunde Arzneimittel für Kinder, Besteuerung von zuckerhaltigen Getränken, Ernährung im Schulunterricht und so weiter. Es ist endlich Zeit, die Prävention gerade bei den Jüngsten zu forcieren.

Michael Schmedt
Chefredakteur

Kommentare

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Avatar #615036
co_ed
am Freitag, 29. Juli 2022, 20:52

Leiden durch Mutlosigkeit als Mangel an Zivilcourage (moral courage)

KORREKTUR:

alt:
das wird zu Leiden der Mutlosigkeit von Trittbrettfahrern zweiter Ordnung.

neu:
das wird zu Leiden durch die Mutlosigkeit von Trittbrettfahrern zweiter Ordnung.

Durch Win-Win auf Teufel komm raus haben deutsche Politiker üble Erfahrung damit gesammelt. Zwar wurde um Entschuldigung gebeten. Doch ohne Buße sollte Entschuldigung nicht gewährt werden.

Buße ist es den Europarat zu bitten, einen Review über den aktuellen wissenschaftlichen Stand von Kooperation zu bitten, damit wir alle lernen können und ein klares Ziel für die Zukunft haben. Das kann selbst ein Deutscher Bundespräsident. Die Ausrede „keine Einmischung in die Politik“ zöge dann nicht.
Avatar #615036
co_ed
am Dienstag, 5. Juli 2022, 11:23

Bürokratie viel zu träge Demographie D. – Deutschland halbtot

“Our lives begin to end the day we become silent about things that matter.” (Martin Luther King)

„Unser Leben beginnt an dem Tag zu enden, an dem wir über Dinge, die wichtig sind, schweigen.“ (Martin Luther King)

Selbst wenn die Leiden der Kinder und Jugendlichen nach Art des Deutschen Gesundheitswesens bürokratisch in Zahlen gefasst würden, änderte sich nichts am schicksalhaften Verlauf der jungen Generation.

„Der hat das richtig gemacht!“, sagte ein Rheinschiffer und meinte den Landtagsabgeordneten Frank Börner (SPD). Dann fügte hämisch hinzu: „Der ist Politiker geworden“ Für sein politisches Wirken gab es große Ablehnung; früher sei ein Rücktritt fällig gewesen.

Damit wir es scheinbar besser verstehen, werden Probleme in Zahlen gefasst. Bei der Landtagswahl NRW 2022 erreichte Börner in seinem Wahlbezirk des Duisburger Nordens eine Wahlbeteiligung von 38,1% (2017 51,2%)

Der WDR glaubt das sei „Politikverdrossenheit“ und nicht Meidung als kostengünstige Bestrafung von Trittbrettfahrern zweiten Grades bei gescheiterter Kooperation. Das „reporting“ des WDR nach CIRS-Art ist ein hohler, halbtoter Journalismus des bürokratischen Daherleierns von Fakten. Es ist ein Merkmal unserer Zeit, dass Versäumnisse gehegt werden und der Mut zur Innovation siecht. Keiner erprobt neue, realitätsnahe Strukturen für ein zeitgemäßes, höheres Niveau der Kooperation – das wird zu Leiden der Mutlosigkeit von Trittbrettfahrern zweiter Ordnung.

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