ArchivDeutsches Ärzteblatt30/1996Vergangenheit: Auch Namenlose portraitieren

SPEKTRUM: Leserbriefe

Vergangenheit: Auch Namenlose portraitieren

Mirsch, Thomas

Zu dem Beitrag "Wertebild der Ärzteschaft: Lehren aus einer üblen Vergangenheit" von Norbert Jachertz in Heft 25/1996 und dem Post Scriptum in Heft 21/1996 "Zu Ehren von Anton Mertens":
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LNSLNS . . . Der gleiche historische Zeitraum (ab 1936, die Red.) fällt . . . mit einem der düstersten Kapitel der deutschen Medizingeschichte und Geschichte deutscher Pharma- und Chemiekonzerne zusammen. Ich möchte daran erinnern, daß vielfach Toxizität und Wirksamkeit neuer Arzneimittel durch Versuche an Häftlingen in Konzentrationslagern ausgetestet wurden. Im Konzentrationslager-Dokument F 321 für den Internationalen Militärgerichtshof Nürnberg 1945 (erschienen im Verlag Zweitausendeins) berichtet der ehemalige Häftling des KZ Auschwitz, Dr. med. Samuel Steinberg aus Paris: "Im Block Nr. 20 war ein großer Saal mit Tuberkulösen. Die Bayer-Fabriken schickten ein Medikament in Ampullen ohne irgendwelche Bezeichnung. Man gab den Tuberkulösen entsprechende Spritzen. Diese Unglücklichen wurden niemals vergast. Man wartete auf ihren Tod, der sehr rasch eintrat. Alle Tuberkulösen des Lagers bildeten einen besonderen Krankheitsherd, der die besonders rasche Verbreitung der Krankheit infolge der furchtbaren hygienischen Verhältnisse des Lagers begünstigte. 150 jüdische Frauen, die von Bayer der Lagerverwaltung von Auschwitz abgekauft worden waren, wurden in einen Frauenblock außerhalb des Lagers gelegt und dienten Experimenten mit unbekannten Hormonpräparaten. Bei der Totenuntersuchung entnahm man Teile der Lungen und der Luftröhren-Ganglien, die zu Studienzwecken in ein von der Fabrik bezeichnetes Labor gesandt wurden."
Dies ist sicher nur ein Mosaiksteinchen der unvorstellbaren Verbrechen, an denen damals deutsche Mediziner und Pharmafirmen beteiligt waren und an die auch heute so mancher nur ungern erinnert wird. Meiner Ansicht nach entbehrt es nicht einer gehörigen Portion Tragik, daß fast ausnahmslos nur immer die großen Persönlichkeiten mit großen Verdiensten auf Briefmarken, Stempeln, Tagungen usw. geehrt werden und damit zu den Siegern der oft undurchsichtigen Geschichte werden.
Es erscheint nahezu unvorstellbar, daß ein Portrait eines Namenlosen, wie zum Beispiel irgendeines deutschen jüdischen Häftlingsarztes, der in einem Krankenbau in Auschwitz überlebte, den Sonderstempel eines Deutschen Ärztetages zieren könnte.
Thomas Mirsch, Berggrabenweg, 98693 Manebach
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