ArchivDeutsches Ärzteblatt27-28/2022Nataliia Nehria, Radiologin aus Kiew: „Ich will als Ärztin hier arbeiten“

THEMEN DER ZEIT: Porträt

Nataliia Nehria, Radiologin aus Kiew: „Ich will als Ärztin hier arbeiten“

Martin, Mirjam

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Zusammen mit ihrer Tochter ist Nataliia Nehria aus Kiew nach Berlin geflohen. Sie lernt Deutsch, um auch hier schnellstmöglich ihren Beruf als Radiologin ausüben zu können.

Seit Anfang April ist Nataliia Nehria in Berlin. Sie spricht schon einzelne Sätze auf Deutsch. Bis sie als Radiologin in Deutschland arbeiten kann, ist es aber vermutlich noch ein weiter Weg. Fotos: Maybaum
Seit Anfang April ist Nataliia Nehria in Berlin. Sie spricht schon einzelne Sätze auf Deutsch. Bis sie als Radiologin in Deutschland arbeiten kann, ist es aber vermutlich noch ein weiter Weg. Fotos: Maybaum

Etwas zurückhaltend, skeptisch, auch ein wenig unsicher kommt Nataliia Nehria die Treppe zu den Redaktionsräumen des Deutschen Ärzteblattes hoch. Die Unsicherheit ist sicher nicht verwunderlich, wenn man gerade einmal seit etwas länger als zwei Monaten in Deutschland ist, weil im Herkunftsland Krieg herrscht. Das heiße, sonnige Wetter, das seit ein paar Tagen in Berlin herrscht, mag nicht so recht zu dem schweren Schicksal passen, von dem Nehria berichtet.

Sie kommt aus Kiew, ist dort geboren, aufgewachsen, hat dort studiert. Gemeinsam mit ihrer 14-jährigen Tochter ist die Radiologin mit dem Auto nach Deutschland geflohen und am 4. April in Berlin angekommen. Bereits einen Tag nach Kriegsbeginn, am 25. Februar, haben die beiden Kiew verlassen, um sich bei Nehrias Schwiegermutter im Westen der Ukraine in Sicherheit zu bringen.

Viszeralchirurg an der Front

Als ihr Mann eingezogen wurde, riet er Nehria, die Ukraine zu verlassen. „Deutsche Freunde boten uns ihre Hilfe an und wir entschieden zu gehen“, erzählt sie stockend. Es fällt ihr sichtlich schwer, über ihre Familie zu sprechen. „Ich habe jeden Tag Kontakt zu meinen Eltern, meinem Bruder, meiner Schwiegermutter.“ Manchmal spreche sie auch mit ihren Kolleginnen und Kollegen, die noch immer in der Ukraine sind. „Mit meinem Mann habe ich auch Kontakt, aber manchmal gibt es keine Telefonverbindung, dann höre ich ein bis zwei Tage nichts von ihm.“ Zwar wisse sie, wo er sei, dürfe es aber nicht sagen. „Das ist für mich das schwierigste Thema. Im normalen Leben war mein Mann Viszeralchirurg. Jetzt steht er mit Soldaten als Militärchirurg an der Front.“ Nehria braucht eine Pause, um weitersprechen zu können.

Hürde Approbation

Die Bekannten, zu denen Nehria und ihre Tochter nach Deutschland kommen, sind Freunde von Nehrias Ehemann. Die ebenfalls aus der Ukraine stammenden Ärzte nehmen sie und ihre Tochter bei sich auf und helfen dabei, sich in Deutschland zu registrieren und sich beim Jobcenter vorzustellen. „Dort fragte man mich, ob ich mir vorstellen könnte ein paar Stunden zu arbeiten – aber sie wussten schon, dass meine Approbation nicht anerkannt ist.“ Die Freunde von Nehria hätten sogar ihr Medizinstudium in Deutschland wiederholen müssen. Sie selbst muss das nicht. Doch bis sie in Deutschland als Ärztin arbeiten kann, ist es vermutlich noch ein weiter Weg. Denn das ukrainische Medizinstudium und die Facharztweiterbildung sind in Deutschland nicht als gleichwertig anerkannt. Tatsächlich dauere die Facharztweiterbildung für Radiologie in der Ukraine nur eineinhalb Jahre. Anschließend kämen noch verpflichtende Aufbauseminare hinzu, sodass die Weiterbildung zur Radiologin in der Ukraine insgesamt circa zwei Jahre dauere. „Das ist natürlich nicht vergleichbar mit einer fünfjährigen Weiterbildungszeit wie in Deutschland. In der Ukraine ist die Ausbildung dafür aber auch intensiver und belastender.“

Um ihre fachärztliche Qualifikation belegen zu können, muss Nehria zunächst ihre Approbation anerkennen lassen. Dafür muss sie Fachsprachenkenntnisse auf C1-Niveau nachweisen und gegebenenfalls auch eine Kenntnisprüfung ablegen mit Schwerpunkt in den Fächern Innere Medizin und Chirurgie. „Ich glaube nicht, dass ein generelles medizinisches Examen meine Qualifikation als Radiologin widerspiegeln kann.“

Etwas schneller wäre das Arbeiten eventuell mit einer sogenannten vorübergehenden Berufserlaubnis möglich. Doch auch dafür braucht es meist den Fachsprachentest. Nur in Einzelfällen wird die Berufserlaubnis auch ohne die entsprechenden Sprachkenntnisse erteilt.

Als Radiologin arbeitet Nehria seit 13 Jahren. Im Anschluss an das Medizinstudium an der Oleksandr-Bohomolez-Universität 2006 in Kiew begann sie, in einer privaten Praxis zu arbeiten. Hier befundete sie MRT- und CT-Aufnahmen von allen Organen, außer vom Herzen. Sonografien oder Röntgenuntersuchungen wurden in der Praxis nicht durchgeführt. Besonders interessiert sie muskuloskeletale Radiologie, erzählt Nehria nun wieder mit einem Lächeln im Gesicht und strahlenden Augen. „Bis zu Kriegsbeginn leitete ich vier radiologische Zentren in der Ukraine als medizinische Direktorin.“ Die Praxis in Kiew musste bereits schließen. Nehria hofft allerdings, dass sie irgendwann wiedereröffnen kann. Die drei anderen Praxen im Westen des Landes sind weiterhin geöffnet. „Und es kommen Patientinnen und Patienten. Das ist ein großes Glück.“

„Manchmal höre ich ein, zwei Tage nichts von meinem Mann.“
„Manchmal höre ich ein, zwei Tage nichts von meinem Mann.“

Ihre fachliche Qualifikation sollte sich mehr auf die Facharztanerkennung in Deutschland auswirken, findet Nehria: „Wissen und Erfahrung sind wichtiger als reine Studienzeit, und ich bin hoch qualifiziert“ , Neben der Praxisarbeit hat sie Vorträge auf Kongressen gehalten, wissenschaftliche Artikel publiziert und Kurse gegeben. Um die Qualifikation nachzuweisen, könnte sie sich beispielsweise vorstellen, bestimmte Stationen in der Radiologie zu durchlaufen und anschließend nachzuweisen, mit welchen bildgebenden Verfahren sie in dieser Zeit gearbeitet hat. „Ein professioneller Austausch würde es auch vereinfachen, Deutsch zu lernen.“ Die Kenntnisprüfung sollte sich dafür eher an dem jeweiligen Facharzt orientieren und kein generelles medizinisches Abschlusswissen abfragen, so Nehria. „Ich will das nicht nur für mich, sondern auch für meine Kolleginnen und Kollegen. Wenn gut ausgebildete Menschen aus der Ukraine hier arbeiten könnten, würde auch Deutschland davon profitieren.“

Die Zukunft ist ungewiss

Bereits circa eine Woche nach ihrer Ankunft hat Nehria angefangen, einen Deutschkurs zu besuchen, und spricht nun einzelne Sätze. Einige Wörter fallen ihr im Gespräch tatsächlich eher auf Deutsch als auf Englisch ein: „Deutsch und Ukrainisch sind sich ähnlich. Manche Wörter sind die gleichen“, sagt sie. Den Kurs, den sie mit 15 anderen Menschen aus unterschiedlichen Ländern besucht, hat sie sich selbst organisiert. „Ich habe mich auch für einen staatlich finanzierten Kurs angemeldet, doch da hätte ich jetzt erst anfangen können.“

Mittlerweile sind Nehria und ihre Tochter nicht mehr in Reinickendorf bei ihren Freunden untergekommen, sondern haben mit deren Hilfe eine eigene Wohnung in Berlin gefunden: „Ich weiß, dass es ein Wunder ist, eine Wohnung in Berlin zu finden.“ Nun lebt sie mit ihrer Tochter in einer Einzimmerwohnung eines Hinterhauses in Berlin-Charlottenburg. „Ich mag Berlin. Es gibt hier viel Grün und es erinnert mich manchmal an Kiew.“

Ob sie sich vorstellen könne, langfristig in Berlin zu sein, kann Nehria zurzeit allerdings nicht sagen. „Ich habe angefangen, Deutsch zu lernen, weil es der erste Schritt ist, um hier als Ärztin zu arbeiten.“ Es sei außerdem sehr schwierig, zu Hause zu bleiben und nichts zu tun. „Wie meine Zukunft aussieht, kann ich nicht sagen, denn ich weiß nicht, wie lange der Krieg dauern wird“ Dr. med. Mirjam Martin

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