ArchivDeutsches Ärzteblatt29-30/2022Fachkräftemangel: Ein Dauerproblem

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Fachkräftemangel: Ein Dauerproblem

Schmedt, Michael

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Michael Schmedt, Chefredakteur
Michael Schmedt, Chefredakteur

Die Bürokratie sei eine Fessel, man agiere gegen die Belastungen in der Krankenpflege nur symptomatisch mit der Anwerbung ausländischer Pflegekräfte und dringend bedürfe es Gehaltsverbesserungen für Pflegekräfte. Diese Analyse ist mehr als 40 Jahre alt. Man las sie 1980 im Deutschen Ärzteblatt im Artikel „Krankenpflege im Krankenstand“. Die Probleme, wegen der Pflegekräfte aktuell in Nordrhein-Westfalen an sechs Universitätskliniken seit mehr als elf Wochen streiken, sind alles andere als neu.

30 Jahre später wollte der damalige Bundesgesundheitsminister Philipp Rösler (FDP) 2011 zum Jahr der Pflege machen. Auch die folgenden Bundesgesundheitsminister versuchten, mit Kampagnen, Pflegegipfeln und Konzertierten Aktionen die mangelnde Wertschätzung der Pflegekräfte auszugleichen und dem virulenten Pflegenotstand Herr zu werden.

Der Erfolg ist mäßig. Zwar haben die Krankenhäuser in den vergangenen Jahren mehr Pflegekräfte eingestellt, der Mangel bleibt aber. Und es geht nicht nur um ausreichend Beschäftigte in der Pflege, diese müssen auch gute Arbeitsbedingungen haben. Was passiert, wenn dies nicht der Fall ist, hat man in der Pandemie zu spüren bekommen, als viele Pflegekräfte ihren Beruf aufgegeben haben. Dass zudem seit Jahren die verfügbare Arztzeit sinkt, macht das ganze Dilemma im Gesundheitswesen deutlich. Schaut man nochmals auf die Analyse von 1980, dann ist es noch heute so, dass meist nur „symptomatische Therapieansätze“ verfolgt werden, um dem Fachkräftemangel zu begegnen.

Ja, es muss mehr Medizinstudienplätze geben. Der Versorgung hilft dies aber erst in einem guten Jahrzehnt. Auch das jetzt vorgestellte Pflegepersonalbedarfsbemessungsinstrument (PPR 2.0) ist ein guter Ansatz, um die richtigen Personalressourcen zu ermitteln (Seite 1287). Ebenso können Entlastungstarifverträge, für die an den nordrhein-westfälischen Universitätskliniken gestreikt wird, helfen, die Arbeitsbedingungen zu verbessern. Wie wichtig diese sind, zeigt allein schon, dass erstmals nicht für mehr Geld, sondern eben „nur“ für bessere Bedingungen gekämpft wird.

Aber selbst wenn der Personalbedarf ermittelt ist und Entlastungstarife beschlossen sind, werden wegen des leer gefegten Arbeitsmarktes immer noch Pflegekräfte fehlen. Der Wettbewerb zwischen den Krankenhäusern mit den besten Arbeitsbedingungen wird auch diese Ressourcen steuern. Das Verhältnis zwischen Krankenhausbetten, Patientenzahlen und Fachkräften ändert sich aber nicht. Eine am Bedarf ausgerichtete Krankenhausplanung fehlt weiterhin. Ohne eine zügige Strukturveränderung wird sich der Fachkräftemangel nicht lösen lassen. Vor allem muss dies passieren, bevor der kalte Strukturwandel die Krankenhauslandschaft vollends bestimmt. Umso wichtiger ist die Rolle der neuen Krankenhauskommission der Bundesregierung.

Eine gute Krankenhausplanung und die Forcierung der Ambulantisierung sind entscheidend für die Bekämpfung des Fachkräftemangels. Sie müssen zweifelsohne von Einzelmaßnahmen begleitet werden. Aber ohne eine sinnvolle Grundstruktur und Patientensteuerung wird sich vor dem Hintergrund der steigenden multimorbiden Patienten, weniger Beitragszahlern und fehlenden Pflegekräften die gute Patientenversorgung nicht aufrechterhalten lassen. Symptomatisch in dieser Gemengelage ist die mediale Wertschätzung: In der Tagesschau wird mehr über die Personalausfälle bei der Lufthansa als in den Krankenhäusern berichtet.

Michael Schmedt
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