ArchivDeutsches Ärzteblatt16/2000Vorwürfe gegen Augenärzte: Schlimm genug

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Vorwürfe gegen Augenärzte: Schlimm genug

Dtsch Arztebl 2000; 97(16): A-1025 / B-873 / C-793

Gerst, Thomas

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LNSLNS Die Beurteilungen könnten unterschiedlicher nicht sein: Die Düsseldorfer Staatsanwaltschaft ermittelt wegen des Verdachts der vorsätzlichen Körperverletzung. Die Ärztekammer Nordrhein konstatiert einen Verstoß gegen das ärztliche Berufsrecht und möglicherweise gegen das Arzneimittelgesetz. In der Presse werden „1 300 Patienten als Versuchskaninchen“ gehandelt. Der Berufsverband der Augenärzte Deutschlands sieht hingegen derzeit keinen Anlass, „am korrekten Handeln der Düsseldorfer Kollegen zu zweifeln“.
Am 15. März infizierten sich sieben Patienten in einem Düsseldorfer Krankenhaus bei Operationen am grauen Star mit Bakterien; zwei Patienten haben in der Folge ein Auge verloren. Mehr zufällig erfuhr die Staatsanwaltschaft bei den Ermittlungen, dass die beiden behandelnden Augenärzte im Rahmen einer multizentrischen klinischen Studie rund 1 300 Augenoperationen vorgenommen hatten. Dabei ging es um die Frage, ob die Verwendung eines Antibiotikums in der Spülflüssigkeit statistisch signifikante Unterschiede in der Kontaminationsrate nach sich zieht.
Offenbar gab es vor den Operationen keine hinreichende Patientenaufklärung; die Patienten wurden nicht darüber informiert, dass sie Gegenstand einer klinischen Studie waren. Die Staatsanwaltschaft geht von einem höheren Infektionsrisiko bei Nichtverwendung von Antibiotika aus; in Verbindung mit der mangelhaften Aufklärung ermittelt sie deshalb wegen vorsätzlicher Körperverletzung in rund 650 Fällen. Damit scheint sie jedoch den Bogen zu überspannen. In der Forschung wird die Wirksamkeit der Zugabe von Antibiotika zur Infusionslösung kontrovers diskutiert; zurzeit werden in den Augenkliniken verschiedene Methoden der Infektionsprophylaxe eingesetzt. Die Nachteile von übermäßiger Antibiotika-Verwendung sind
inzwischen bekannt. Gleichwohl können die beiden Augenärzte nicht aus der Verantwortung entlassen werden. Auch wenn sich der Vorwurf der vorsätzlichen Körperverletzung nicht aufrecht-erhalten lässt, bleibt der berufsrechtliche Vorwurf der unzureichenden Patientenaufklärung bestehen. Und das ist in der gegenwärtigen Diskussion um den geeigneten Sachwalter von Patientenrechten immer noch schlimm genug. Dr. Thomas Gerst
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