ArchivDeutsches Ärzteblatt29-30/2022Krankenhäuser: Pädiatrie und Geburtshilfe sollen gestärkt werden

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Krankenhäuser: Pädiatrie und Geburtshilfe sollen gestärkt werden

Haserück, André

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Die erst im Mai dieses Jahres berufene Regierungskommission für eine moderne und bedarfsgerechte Krankenhausversorgung präsentierte kürzlich erste Vorschläge für Reformen – dabei geht es um die besonders drängende auskömmliche Finanzierung von Pädiatrie und Geburtshilfe.

Tom Bschor (links), Leiter der Regierungskommission, übergibt Karl Lauterbach (SPD), Bundesminister für Gesundheit, die erste Stellungnahme der Kommission. Foto: picture alliance/dpa/Bernd von Jutrczenka
Tom Bschor (links), Leiter der Regierungskommission, übergibt Karl Lauterbach (SPD), Bundesminister für Gesundheit, die erste Stellungnahme der Kommission. Foto: picture alliance/dpa/Bernd von Jutrczenka

Der Koalitionsvertrag der aktuellen Bundesregierung konstatiert für die Fächer Pädiatrie (einschließlich der Kinderchirurgie) und Geburtshilfe einen drängenden Bedarf für eine kurzfristige Anpassung der Vergütung. Die Regierungskommission, deren Empfehlungen zu einzelnen Fragen der stationären Versorgung Grundlagen für Krankenhausreformen werden sollen, hat sich daher bewusst zunächst diesen beiden Bereichen zugewandt und entsprechende Empfehlungen erarbeitet.

Man stehe in diesen Bereichen politisch „in der Pflicht“, da hier „die Not am größten“ sei, sagte Bundesgesundheitsminister Karl Lauterbach (SPD). Dies gelte insbesondere für die Pädiatrie – man könne mit den Mitteln, die derzeit zur Verfügung stehen, die qualitativ hochwertige Versorgung, „die Kinder benötigen und auch verdienen, nicht darstellen“. Lauterbach verwies darauf, dass in diesem Bereich die Anzahl der Versorgungsstandorte sowie der Betten in den letzten Jahren gesunken sei, bei zugleich gestiegenem Behandlungsbedarf. Auch in der Geburtshilfe sei die Situation „nicht gut“.

Der Leiter und Koordinator der Regierungskommission, Prof. Dr. med. Tom Bschor, betonte, die Kommission verfolge das Ziel, für Kinder und Gebärende eine bessere medizinische Versorgung wirtschaftlich zu ermöglichen. Dazu müsse kurzfristig der finanzielle Druck gemildert werden. Eine erste Stufe der Vergütungsanpassungen solle deshalb bereits Anfang 2023 greifen. Weitere Stufen werde die Kommission „zeitnah“ vorstellen. Hier solle dann das Ziel verfolgt werden, so die Kommission in ihrer Stellungnahme, beide Fächer gemäß der bevölkerungsbezogenen Bedarfsnotwendigkeit und hinsichtlich einer hochwertigen Struktur-, Behandlungs- und Ergebnisqualität weiterzuentwickeln. Unter anderem werde die Regierungskommission entsprechende Qualitätsvorgaben vorstellen.

Geburtshilfe stärken

Für geburtshilfliche Abteilungen sei laut den Empfehlungen eine Unterstützung – zusätzlich zu den abgerechneten DRGs – vorrangig für jene Abteilungen erforderlich, die nur eine geringe Zahl an Geburten haben, aber bei ihrem Wegfall eine Versorgungslücke für die Bevölkerung hinterlassen würden. Als Orientierung, welche Abteilungen Letzteres betrifft, könne die Festlegung von Abteilungen, denen Sicherstellungszuschläge zustehen, herangezogen werden.

Diese Mittel seien „unabhängig vom Abschluss von Budgetvereinbarungen“ zu gewähren, betonen die Experten. Eine erhöhte Vergütung sollen laut der Kommission etwa die Geburtshilfeabteilungen erhalten, an deren Standort sich auch eine Pädiatrie befindet. Weitere zusätzliche Vergütungen sind für Abteilungen mit weniger als 500 Geburten im Vorjahr vorgesehen. Für Abteilungen mit 500 bis 1 499 Geburten pro Jahr (Vorjahr) soll sich die zusätzliche, leistungsunabhängige Vergütung mit steigender jährlicher Geburtenzahl (zum Beispiel pro 100 weiterer Entbindungen) reduzieren. Abteilungen mit 1 500 oder mehr Geburten würden laut Kommissionsempfehlung keine zusätzlichen Mittel erhalten – diese könnten sich über die leistungsbezogene Vergütung finanzieren, so die Begründung.

Vier Optionen für die Pädiatrie

Für die Entlastung der Pädiatrie schlagen die Wissenschaftler vier Modelle als Optionen vor. Modell A sieht eine Fortschreibung von angehobenen abteilungsindividuellen Erlösen ohne Leistungsbezug vor. Zugrunde gelegt würden die abteilungsindividuellen Erlöse des Jahres 2019. Diese Erlössumme soll für das Jahr 2023 um einen prozentualen Anteil gesteigert und leistungsunabhängig garantiert werden.

Dieses Modell sei „vergleichsweise einfach und schnell umsetzbar“, habe aber den Nachteil, dass Leistungs- und Kapazitätsveränderungen in den Pandemiejahren 2020 bis 2022 unberücksichtigt bleiben würden, betonte Bschor. Modell B sieht eine Verteilung der zusätzlichen Finanzmittel nach vorgehaltenen Behandlungskapazitäten vor. Dabei würden die betreibbaren Betten der jeweiligen Abteilung zugrunde gelegt. Für jedes betreibbare Bett soll es dann pro Jahr einen bundeseinheitlich definierten Betrag als Basisvorhaltefaktor geben – unabhängig von erbrachten Leistungen und Budgetverhandlungen. Die Verteilung der Finanzmittel soll laut Modell C nach versorgter Bevölkerungszahl erfolgen. Für jede Abteilung würde die Größe der von der Abteilung fachspezifisch zu versorgenden Bevölkerung anhand bestimmter demografischer Faktoren festgelegt. Die Regierungskommission hat nach eigenen Angaben bereits ein computerisiertes Modell erstellt, mit dem eine solche Zuordnung präzise kalkuliert werden könne. Für jeden versorgten Kopf der Indexbevölkerung soll dann ein Eurobetrag als Basisversorgungsfaktor pro Jahr festgelegt und gezahlt werden.

Modell D sieht laut Bschor „eine Mischung“ der Modelle B und C vor. Die Verteilung finanzieller Mittel würde dann gemäß einem Mix aus vorgehaltenen Behandlungskapazitäten und versorgter Bevölkerungszahl erfolgen. Auch dies sei mit dem von der Regierungskommission erstellten computerisierten Modell kalkulierbar.

Abgesehen von der Auswahl des Entlastungsmodells für die Pädiatrie steht nun der Politik noch die Aufgabe bevor, Umfang und Aufteilung der benötigten finanziellen Mittel zu klären. Darüber solle nun mit den Ländern gesprochen werden, sagte Lauterbach anlässlich der Vorstellung der Stellungnahme. Dies werde im Rahmen der entsprechenden Bund-Länder-Gespräche Ende Juli beziehungsweise „spätestens“ Anfang August erfolgen. Hierbei sehe sich der Bund nicht alleine in der Pflicht – man strebe ein „faires Geben und Nehmen“ an. Über den Beitrag der Länder werde „zu diskutieren sein“, so der Bundesgesundheitsminister. André Haserück

3 Fragen an . . .

Prof. Dr. med. Fred Zepp, Vizepräsident der AWMF sowie langjähriger Leiter der Mainzer Uni-Kinderklinik

Foto: Uni-Medizin Mainz/Peter Pulkowski
Foto: Uni-Medizin Mainz/Peter Pulkowski

Wie bewerten Sie die vier Modelle zur Finanzierung der Pädiatrie?

Das am sinnvollsten erscheinende Modell – so sieht es auch die Deutsche Gesellschaft für Kinder- und Jugendmedizin – ist Modell D. Dabei werden die Modelle B und C kombiniert angewendet. Modell B beschreibt mit der Differenzierung der vorgehaltenen Behandlungskapazitäten nach Grundversorgung, Spezialversorgung und Maximalversorgung den Finanzierungsbedarf am zuverlässigsten und berücksichtigt die Zentralisierung komplexer Leistungen. Modell C orientiert sich prioritär am bevölkerungsbezogenen Versorgungsbedarf. Durch die Verbindung mit den Zielen von Modell B kann die Finanzierung der kostenintensiven komplexen Leistungen auch in zentralisierten Strukturen sichergestellt werden. Das Modell A erscheint strukturell am schwächsten.

Was erhoffen Sie sich über die vorgelegten Vorschläge hinaus?

Die AWMF spricht sich für eine angemessene Zentralisierung von Leistungen aus, bei denen Ergebnisqualität und Leistungsmenge zusammenhängen. Dies gilt auch für Pädiatrie und Geburtshilfe. Zudem gilt es, Qualität in Bezug auf Anzahl und Qualifikation von Personal und technische Ausstattung und Gewährleistung einer Versorgung mit möglichst wenigen Komplikationen vorzuhalten. Ein weiterer Aspekt ist die Verankerung von Fort- und Weiterbildung zur Sicherstellung einer leitliniengerechten Versorgung. Nicht zuletzt spricht sich die AWMF für sektorenübergreifende, interprofessionelle Versorgungskonzepte mit entsprechender Qualitätssicherung aus. Das Ziel ist eine kontinuierliche, patientenzentrierte Versorgung ohne Brüche mit guter Indikations- und Ergebnisqualität. Wir hoffen, dass diese Aspekte bei den weiteren Reformstufen berücksichtigt werden.

Wie bewerten Sie die noch offene Finanzierungsfrage?

Die AWMF begrüßt eine zusätzliche Finanzierung – auch als Vorfinanzierung. Das Verhandlungsergebnis steht unseres Erachtens noch nicht fest. Längerfristig wird es aufgrund des demografischen Wandels, der Auswirkungen der Coronapandemie und der wirtschaftlichen Folgen des Kriegs in der Ukraine erforderlich sein, Vorhaltekosten vor allem über Reallokation von Mitteln zu decken. Dazu kann die Anpassung von Mindestverweildauern beitragen oder eine sektorengleiche Vergütung für bestimmte Eingriffe mit Anreizen für deren ambulante Erbringung. Auch hier muss Qualität und Sicherheit gewährleistet sein.

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