ArchivDeutsches Ärzteblatt PP8/2022Pesso-Boyden-Psychotherapie: Anders wahrnehmen ist anderes wahrnehmen

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Pesso-Boyden-Psychotherapie: Anders wahrnehmen ist anderes wahrnehmen

Weier, Günter

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Das vielschichtige Zusammenspiel von Motorik, Ausdruck, Emotionen, Gedanken, Verhalten, Symptomen und Beeinträchtigungen aller Art haben Diane Boyden-Pesso und Albert Pesso tief beeindruckt, als sie in den 1960er-Jahren begannen, eine psychotherapeutische Methode auszuarbeiten. Sie beobachteten, dass diesen individuellen Einzelphänomenen personal eine Ganzheit zugrunde liegt. So wurde es ihre Lebensaufgabe, auf diese Vielfältigkeit mit einem Behandlungsansatz zu reagieren. Sie nannten ihre Vorgehensweise PBSP (Pesso Boyden System Psychomotor) und verschafften sich seit den 1990er-Jahren im deutschsprachigen Raum Gehör und Anerkennung, bezogen sie doch den Körper in den Behandlungsprozess mit ein. Psychotherapeutisch legten sie den Fokus auf neue symbolische Erfahrungen, initiiert in der Therapiesituation. Defizitäre und traumatische Erlebnisse in Kindheit und Jugend werden mit heilsamen Gegenbildern beantwortet (Antidot) und mit Rollenspielern in Szene gesetzt. Die Wahrnehmung nach innen und außen wird „anders“, vor allem weil anderes wahrgenommen wird.

Das Jahr 2016 brachte tiefe Einschnitte für die PBSP-Community. Nach dem Tod von Diane Boyden-Pesso, Albert Pesso und dem Co-Leiter Lowijs Perquin erfolgte eine Zeit des Suchens und Neu-Erfindens, die mit der internationalen Konferenz in Prag und der Neuauflage des Buches „Bühnen des Bewusstseins“, herausgegeben von Michael Bachg und Serge K. D. Sulz, hoffnungsvoll in die Zukunft blicken lässt.

Der Kern des Buches besteht aus acht Abhandlungen von Albert Pesso, die mit Beiträgen von Perquin, Bachg, Schrenker und Sulz ergänzt werden. In den Arbeiten ist einerseits ein stetiger Wandel zu immer mehr Präzision in der praktischen Vorgehensweise zu erkennen, andererseits werden Lebensthemen und Beeinträchtigungen von Patientinnen und Patienten dargelegt wie Grundbedürfnisse und Kindheitsbedingungen, Wahrnehmung und Erinnerungen, Hoffnung und Motivation in der Psychotherapie, Omnipotenz, sexueller Missbrauch, Suizidalität, das „holes in roles“-Konzept mit der Filmtechnik, oder die Anwendung der Methode bei Kindern und Jugendlichen. Besondere Aufmerksamkeit verdienen zwei Artikel von Sulz, der den PBSP-Ansatz im kleinen Rahmen empirisch untersucht hat. Die Evidenzbasierung steht zwar noch aus, doch sind die ersten Schritte getan.

Seit einigen Jahren wächst das Interesse an diesem psychotherapeutischen Verfahren, das als Mäeutik (Hebammenkunst) zu verstehen ist. Sowohl Fachleute als auch Praktikerinnen und Praktiker in Ausbildungsinstituten und Praxen sind überrascht, dass die PBSP-Methode psychodynamisch, verhaltenstherapeutisch und systemisch „gelesen“ werden kann. In diesem Sinne ist das Buch ein Geschenk und verdient Aufmerksamkeit. Günter Weier

Michael Bachg, Serge K. D. Sulz (Hrsg.): Bühnen des Bewusstseins – Die Pesso-Therapie. Anwendung, Entwicklung, Wirksamkeit. Psychosozial-Verlag, Gießen 2022, überarbeitete und erweiterte Neuauflage, 500 Seiten, kartoniert, 54,90 Euro

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