ArchivDeutsches Ärzteblatt16/2000Ambulante Versorgung: KBV will valide Daten zum Versorgungsbedarf

POLITIK: Aktuell

Ambulante Versorgung: KBV will valide Daten zum Versorgungsbedarf

Dtsch Arztebl 2000; 97(16): A-1042 / B-867 / C-811

Maus, Josef

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LNSLNS Ein Morbiditätsindex soll das Krankheitsspektrum und die dafür erforderlichen Finanzmittel transparent machen.
Die niedergelassenen Ärzte stecken seit Jahren in einem ausweglos scheinenden Dilemma. Mit nur geringfügig steigenden Budgets sollen sie einen erheblich schneller wachsenden Versorgungsbedarf bedienen. Sie allein tragen das Morbiditätsrisiko, denn die Krankenkassen richten die Gesamtvergütung für die ambulante Versorgung nicht am tatsächlichen Krankheitsgeschehen aus, sondern ausschließlich an der Entwicklung der sozial­ver­sicherungs­pflichtigen Löhne und Gehälter.
Die Folgen dieser strikten Budgetierung waren über einen langen Zeitraum hinweg nur innerhalb der Kassenärzteschaft zu spüren: immer mehr Leistungen für immer weniger Geld. Die Versorgung der Patienten hingegen litt nach außen hin keinen Schaden. Erst die erzwungene Rationierung bei der Verordnung von Arzneimitteln lässt die Gesundheitspolitiker inzwischen aufhorchen (siehe dazu den Leitartikel in diesem Heft).
Dennoch: Die Forderung der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV) nach einer stärkeren Berücksichtung des medizinischen Versorgungsbedarfs der Bevölkerung wurde bislang stets mit dem lapidaren Hinweis auf angebliche „Wirtschaftlichkeitsreserven“ abgetan. Mit anderen Worten: Es ist Geld genug da, es muss nur vernünftig verteilt werden. Vor allem sollten die Ärzte nicht so viele „überflüssige Leistungen“ erbringen.
Dieser perfiden Argumentation der Krankenkassen will die KBV nun harte Zahlen gegenüberstellen. Ein so genannter Morbiditätsindex soll mehr Transparenz in das Leistungsgeschehen und den Versorgungsbedarf bringen. Dabei steht nicht der Arzt, sondern der Patient im Mittelpunkt der Betrachtung. „Trotz der Fülle von Statistiken im Gesundheitswesen“, so Dr. Dominik von Stillfried, Leiter der Abteilung für Grundsatzfragen bei der KBV, „kann gegenwärtig niemand mit Sicherheit sagen, wie viele Patienten in den Praxen niedergelassener Ärzte wegen einer bestimmten Krankheit, zum Beispiel Diabetes mellitus oder Asthma, behandelt werden und welche Leistungen für diese Patientengruppen erbracht worden sind.“ Abgesehen von einzelnen Studien bliebe daher auch unklar, in welchem Umfang etwa die Zahl chronisch kranker Patienten zunehme und wie sich der Versorgungsbedarf im Verhältnis zu anderen Patientengruppen entwickele. Der Morbiditätsindex soll künftig Licht ins Dunkle bringen und Veränderungen des Krankheitsspektrums und der Versorgungsintensität offen legen.
Klassifizierung nach dem Vorbild der USA
Zunächst will die KBV anhand einer Patientenstichprobe feststellen, wie sich die Leistungen in der ambulanten Versorgung auf die Patienten verteilen. Anschließend sollen die Patienten auf der Grundlage der jeweiligen Behandlungsdiagnosen und erforderlichen Behandlungsintensität zu möglichst homogenen Gruppen zusammengefasst werden. Die Gruppenbildung basiert auf der Kostenhöhe nach Morbiditätskriterien. Sie soll ein zuverlässiger Indikator für das Kostenrisiko der jeweiligen Patientengruppen im Folgejahr sein.
Derartige Patienten-Klassifikationssysteme sind in den USA verbreitet. Eines dieser Verfahren soll nun auch hierzulande wissenschaftlich validiert werden. Nach diesen grundlegenden Entwicklungsarbeiten soll der Morbiditätsindex jährlich aktualisiert werden. Er weist dann unter anderem die Veränderungen der Patientenzahlen in definierten Patientengruppen nach. Von Stillfried: „Steigt beispielsweise der Anteil der Patienten in aufwendigen Behandlungsfeldern, etwa bei chronisch behandlungsbedürftigen Zuständen, so steigt auch der Morbiditätsindex.“
Das ambitionierte Projekt verspricht damit zweierlei: Einerseits kann der Morbiditätsindex dazu beitragen, das Versorgungsniveau quantitativ und qualitativ zu definieren, andererseits versetzt er die KBV und die KVen in die Lage, die dafür notwendigen finanziellen Mittel auf der Grundlage valider Daten einzufordern.
Vor die Erhöhung der Versorgungsbudgets hat der Gesetzgeber das Ausschöpfen von Wirtschaftlichkeitsreserven gesetzt. Daran anknüpfend argumentiert von Stillfried: „Wenn künftig mit Hilfe des Morbiditätsindexes verdeutlicht werden kann, welcher Anteil dieser Budgets auf welche Patientengruppe entfällt und welches Leistungsspektrum darin enthalten ist, muss die Frage nach den Wirtschaftlichkeitsreserven konkret beantwortet werden. Dann dürfte klar werden, was der Gesetzgeber bisher immer verschwiegen hat: Die oft unterstellten Wirtschaftlichkeitsreserven sind häufig nichts anderes als ein Leistungsabbau für bestimmte Patientengruppen ohne Lobby.“
Im Umkehrschluss: Wenn der Versorgungsbedarf nachgewiesen ist, kann dessen Finanzierung nicht länger verweigert werden. SPD und Grüne müssten diesem Gedanken grundsätzlich aufgeschlossen gegenüberstehen, denn sie fordern seit langem eine bessere Gesundheitsberichterstattung.
Nachdem sich der Vorstand und der Länderausschuss der Kassenärztlichen Bundesvereinigung bereits für die Entwicklung des Morbiditätsindexes ausgesprochen haben, werden die Delegierten der KBV-Ver­tre­ter­ver­samm­lung das Thema auf ihrer Tagung am 8. Mai im Vorfeld des 103. Deutschen Ärztetages in Köln beraten. Josef Maus
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