ArchivDeutsches Ärzteblatt16/2000Toxische Kontaktdermatitis durch Paederus sabaeus („Blasenkäfer“): Eine Epidemie in Afrika südlich der Sahara

MEDIZIN: Kurzberichte

Toxische Kontaktdermatitis durch Paederus sabaeus („Blasenkäfer“): Eine Epidemie in Afrika südlich der Sahara

Krippner, Reinhard; Dzikouk, Guillaume

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Im Jahr 1998 führte eine ungewöhnliche Vermehrung des Käfers Paederus sabaeus zu einem epidemischen Auftreten einer toxischen Kontaktdermatitis in Afrika südlich der Sahara. In der Hämolymphe enthaltene Zellgifte, die beim versehentlichen Zerdrücken des Käfers auf die Haut gelangen, verursachen epidermale Blasenbildung und Nekrose. Die Dermatitis heilt in der Regel in sieben bis zehn Tagen komplikationslos ab. Ausgeprägtere Entzündungserscheinungen, zum Beispiel im Gesicht („Nairobi Eye“) und Sekundärinfektionen kommen vor. Die Behandlung erfolgt symptomatisch.
Schlüsselwörter: Blasenkäfer, toxische Kontaktdermatitis, bullöse Dermatitis, Coleoptera, Staphylinidae, Paederus sabaeus

SUMMARY
Epidemic Toxic Contact Dermatitis
In 1998 an unusual increase in numbers of the beetle Paederus sabaeus led to an epidemic of a toxic contact dermatitis in subsaharan Africa. Cell toxins in the beetle’s haemolymph cause epidermal blistering and necrosis, when accidentally crushing the beetle on the skin. The dermatitis usually heals after seven to ten days. More pronounced inflammation for example in the face (“Nairobi Eye”) and secondary infection may occur. Treatment is symptomatic.
Key words: Blister beetle, toxic contact dermatitis, blistering dermatitis, Coleoptera, Staphylinidae, Paederus sabaeus


Durchfallerkrankungen, Malaria, HIV und andere Infektionskrankheiten sind Reisenden und ihren beratenden Ärzten in Deutschland als Gesundheitsrisiken bei Reisen in tropische Länder weitgehend bekannt. Wenig bekannt sind jedoch Dermatitiden, verursacht durch Insekten wie zum Beispiel Käfer der Art Paederus, die im Jahr 1998 in weiten Teilen Afrikas südlich der Sahara zum Teil epidemisch auftraten. Nicht wenige in Afrika lebende Ausländer haben in diesem Jahr die unangenehme Bekanntschaft mit den Insekten gemacht, vermutlich blieben auch Reisende nicht von ihnen verschont.
Unscheinbarer, nachtaktiver Käfer
Insekten können durch Stich, Biss oder ihre Haare zu Verletzungen, lebensbedrohlichen Intoxikationen oder allergischen Reaktionen führen. Auch der Kontakt der intakten Haut mit Körperflüssigkeiten bestimmter Käfer kann unangenehme Hautverletzungen zur Folge haben. Paederus ist ein circa 7 bis 13 mm langer, schlanker Käfer, der zur Familie der Staphylinidae (Kurzflügler) gehört und weltweit vorkommt. Durch die orangerote und sehr dunkel grün beziehungsweise blaue metallische Farbe seines Körpers lässt er sich leicht erkennen (Abbildung 1 und 2). Erstmalig wurde 1901 über eine Paederus-verursachte Dermatitis auf der Insel Java berichtet. Bis heute wurden Ausbrüche auf allen Kontinenten bekannt (5).
Die Gattung Paederus umfasst mehr als 500 Arten, von denen etwa 30 medizinisch relevant sind. So kommt zum Beispiel in West- und Zentralafrika Paederus sabaeus, in Ostafrika P. eximius vor. Epidemisches Auftreten von Paederus-verursachten Dermatitiden wurde aus Namibia, Sudan, Kenia, Uganda, Malawi, den beiden Kongos, Gabun, der Zentralafrikanischen Republik, Nigeria und Sierra Leone berichtet (7, 8). Auch in Kamerun ist der Käfer gut bekannt. Über die Ökologie des Käfers existieren nur fragmentäre Informationen. Er lebt als Jäger kleinerer Insekten im feuchten Milieu unter Vegetation und an Wasserläufen. Dies erklärt auch sein Auftreten in tropischen Regionen während der Regenzeit. Paederus ist ein nachtaktives Insekt und wird durch Licht, vor allem von Neonröhren, angezogen. Er sitzt an Mauern und Decken, insbesondere auch auf Terrassen, die in den Tropen am Abend gerne zur Entspannung aufgesucht werden. Die Käfer kriechen dann über die hell erleuchtete Haut oder lassen sich von der Decke auf das Opfer fallen. 1998 kam es zu einer außergewöhnlich intensiven Vermehrung und Verbreitung von Paederus südlich der Sahara im Vergleich zu den Vorjahren (B. Bouchité, Centre Pasteur Orstom, Yaounde, Kamerun; persönliche Mitteilung). Unklar ist, was diese explosionsartige Vermehrung mit der Folge epidemischer Zunahme der Dermatitiden auslöst.
Dermatitis durch toxische Hämolymphe
Als Verursacher der Dermatitis wurden die hochtoxischen Alkaloide Pederin und in geringerem Maße Pseudopederin identifiziert, die in der Hämolymphe des Insekts enthalten sind (2). In Zellkulturen bewirken bereits Konzentrationen von 1 bis 1,5 ng/ml eine Hemmung des Zellwachstums (5). Histologisch führen die Toxine zur intra- und subepidermalen Blasenbildung, epidermalen Nekrose und Akantholyse (1).
Der bloße Kontakt mit dem Insekt führt, wie auch eigene Erfahrungen bestätigen, nicht zur Dermatitis (Abbildung 2). Erst das absichtliche oder wohl meist unbeabsichtigte Zerdrücken des Käfers auf der Haut hat die Verletzung zur Folge (Abbildung 3):
c Erythem: Etwa 12 bis 24 Stunden nach Kontakt mit der toxischen Hämolymphe kommt es zu einer langsam zunehmenden, juckenden oder brennenden, leicht erhabenen Rötung der Haut.
c Blasenbildung: Nach circa ein bis zwei Tagen lassen sich kleinste, stecknadelkopfgroße Bläschen, gefüllt mit seröser Flüssigkeit, erkennen, die konfluieren können. Über die folgenden Tage nimmt die Reaktion an Intensität zu. Der die Läsion begrenzende Rand ist intensiv entzündlich gerötet (Abbildung 3).
c Desquamation: Fünf bis acht Tage nach Beginn der Dermatitis beginnen die Bläschen auszutrocknen und die darüber liegende Haut löst sich allmählich ab (Abbildung 4). Übrig bleibt ein zunächst deutlich gerötetes Hautareal. Eine anschließende Hyperpigmentierung kann monatelang bestehen bleiben.
Vermutlich kleidungsbedingt sind Hals und Gesicht Prädilektionsorte für das Auftreten der Hautläsionen. Handflächen oder Fußsohlen sind aufgrund der dickeren Hornhautschicht nicht von der Dermatitis betroffen.
Sehr heftige und auch etwas schneller auftretende Reaktionen kann man am Nacken, im Gesicht und besonders um das Auge beobachten, die die Patienten häufig beunruhigen. Nicht selten finden sich noch am Handgelenk der wegwischenden Hand Herde (Abbildung 4 und 5, gleicher Patient).
Das Vorkommen in Nairobi gab der periorbitalen Läsion den Namen „Nairobi Eye“ (Abbildung 6). Auch wenn die entzündlichen Veränderungen und die begleitende Schwellung erheblich sein können, wurde eine Erblindung als Folge bisher nicht bekannt. Allgemeinerscheinungen sind die Ausnahme. Gelegentlich klagen Patienten über eine begleitende Abgeschlagenheit und Kopfschmerzen, über Arthralgien wurde berichtet (5).
Lässt man das betroffene Hautareal in Ruhe, so heilt die Dermatitis meist komplikationslos ab. Auch wenn Juckreiz oder ein Gefühl des Brennens dazu verleiten, sollte man nicht kratzen, da dies zur Infektion mit möglich nachfolgender Narbenbildung führen kann.
Der Kontakt mit dem Käfer weist auf die Ursache der Erkrankung hin. Nicht selten nimmt die Dermatitis eine streifige Form an (Abbildung 4, schulternah), entsprechend der Wischbewegung der Hand zur Entfernung des Insektes. Sie können Hinweis auf die Genese der Dermatitis sein, wenn der Betroffene sich an keinen Kontakt mit einem Käfer erinnert. Die Tatsache des Aufenthalts in einem tropischen Land während der Regenzeit kann bei gerade zurückgekehrten Reisenden auf die Spur führen.
Die Läsion erinnert an eine thermische oder chemische Verbrennungswunde. Die vergleichsweise geringen Beschwerden (Gesichtsläsionen ausgenommen) und die fehlende Unfallanamnese deuten allerdings auf eine Ursache anderer Genese. Die Unterscheidung von einem Herpes simplex oder Herpes zoster kann im vesikulären Stadium schwierig sein. Eine allergische Kontaktdermatitis ist ebenfalls in die differenzialdiagnostischen Überlegungen einzubeziehen.
Zwei weitere Käferfamilien verursachen toxische Dermatitiden. Oedemeridae und Meloidae produzieren das Gift Cantharidin, das eine bullöse Hautläsion verursacht. Abgesehen von grobblasigeren Veränderungen, unterscheidet sie sich von der Paederus-Dermatitis durch eine kürzere Latenzzeit nach Toxinkontakt (3, 6).
Symptomatische Behandlung
Ist es bereits zur Dermatitis gekommen, so können topische Corticoide – bei Zeichen einer bakteriellen Infektion in Kombination mit topischen Antibiotika als Creme, Lotion oder Spray Linderung verschaffen. Möglicherweise verkürzen sie auch die Dauer der Abheilung. Empfohlen wird auch die lokale Anwendung von Antihistaminika und im englisch-sprachigen Teil Afrikas Calamine Lotion (Zinkoxid) oder Flamazine (Silbersulphadiazin) (4, 9).
Sofern es nicht zum Beispiel durch Kratzen zur Infektion kommt, heilt die Wunde jedoch auch ohne Behandlung in etwa einer Woche ab. Bei Dermatitis im Gesicht, insbesondere bei periorbitaler Ausbreitung, wird man allerdings wegen der heftigen Reaktion mit erheblicher Schwellneigung meist geneigt sein, von Beginn an mit einer topischen Corticoid-Antibiotika-Kombination zu behandeln. Kommt es zu einer Sekundärinfektion, muss die orale Antibiotikagabe erwogen werden.
Fettsalben sollen wegen der Fettlöslichkeit des Toxins die Blasenbildung fördern.
Ob Repellentien auch gegen Paederus wirksam sind, ist nicht bekannt. Beim Aufenthalt abends im Freien während der Regenzeit ist die Nähe zu Neonlampen zu meiden. Bemerkt man einen Käfer auf der Haut, so sollte man ihn auf keinen Fall mit der Hand zerdrücken oder abstreifen. Von Arm oder Bein lässt sich das Insekt abschütteln, ansonsten ist es besser, den Käfer mit dem Finger wegzuknipsen.
Eventuell bereits auf der Haut befindliches Toxin kann durch Waschen mit Wasser und Seife beseitigt werden.

Unser Dank gilt der abgebildeten Patientin für die Genehmigung zur Veröffentlichung ihres Fotos.
Zitierweise dieses Beitrags:
Dt Ärztebl 2000; 97: A-1072–1074
[Heft 16]

Literatur
1. Borroni G, Brazzelli V, Rosso R, Pavan M: Paederus fuscipes dermatitis. A histopathological study. Am J Dermatopathol 1991; 13 (5): 467–474.
2. Habermehl GG: Gift-Tiere und ihre Waffen. 4. Auflage. Berlin: Springer 1987;
54–62.
3. Karras DJ, Farrell SE, Harrigan RA, Henretig FM, Gealt L: Poisoning from “Spanish fly” (cantharidin). Am J Emerg Med 1996; 14 (5): 478–483.
4. Martindale: The Extra Pharmacopoeia. 31st Edition. London: Royal Pharmaceutical Society 1996; 273 u. 1083.
5. McCrae AW, Visser SA: Paederus (Coleoptera: Staphylinidae) in Uganda. I: Outbreaks, clinical effects, extraction and bioassay of the vesicating toxin. Ann Trop Med Parasitol 1975; 69 (1): 109–120.
6. Nicholls DS, Christmas TI, Greig DE:
Oedemerid blister beetle dermatosis: a review. J Am Acad Dermatol 1990; 22 (5 Pt 1): 815–819.
7. Okiwelu SN, Umeozor OC, Akpan AJ: An outbreak of the vesicating beetle Paederus sabaeus Er. (Coleoptera: Staphylinidae) in Rivers State, Nigeria. Ann Trop Med Parasitol 1996; 90 (3): 345–346.
8. Penchenier L, Mouchet J, Cros B et al.: Invasions de Paederus sabaeus (Coléoptère: Staphylinidae) en Afrique Centrale. 1. Aspects entomologiques et épidémiologiques. Bull Soc Pathol Exot 1994; 87 (1): 45–48.
9. Williams AN: Rove beetle blistering – (Nairobi Eye). J R Army Med Corps 1993; 139 (1): 17–19.

Anschrift für die Verfasser
Dr. med. Reinhard Krippner
Arzt für Innere
Medizin/Tropenmedizin
c/o Botschaft Jaunde
Auswärtiges Amt
11020 Berlin
E-Mail: reinhard.krippner@camnet.cm

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