ArchivDeutsches Ärzteblatt16/2000Investmentfonds: Neuer Wein in alten Schläuchen

VARIA: Wirtschaft - Kapitalmarkt

Investmentfonds: Neuer Wein in alten Schläuchen

Dtsch Arztebl 2000; 97(16): A-1080 / B-917 / C-861

PJ

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LNSLNS Das Investmentgeschäft deutscher Kapitalanlagegesellschaften läuft besser als je zuvor.
Die rund 4 000 in Deutschland zugelassenen Fonds verzeichnen Milliardenzuflüsse.
Anfang der Neunzigerjahre war die deutsche Investmentszene noch überschaubar: Aktien-, Renten- und Immobilienfonds stellten die Basis dar, die um einige wenige Spezialitäten bereichert wurde, beispielsweise Fonds mit Anlageschwerpunkt in Amerika. Berater von Banken und Sparkassen empfahlen die Fondsanlagen allenfalls als Beimischung zu einem gut strukturierten Vermögens-Portefeuille.
Mittlerweile gibt es risikolose Geldmarktfonds mit Schwerpunkt in kurzfristigen Festgeldanlagen, Branchenfonds, die sich auf ganz bestimmte Branchen oder sogar Teile davon spezialisieren, aber auch hochspekulative Optionsschein-Fonds, die über die Hebelwirkung dieser Anlagemöglichkeit überdurchschnittliche Erträge erzielen wollen. Außerdem hat bei deutschen Anlageberatern ein Umdenken eingesetzt. Fonds stehen klar im Mittelpunkt der Werbeanstrengungen, selbst hauseigene Produkte werden vielfach nicht mehr aktiv verkauft.
Die Strategie ist eindeutig: Über den Umweg des Invest-mentsparens können die Finanzdienstleister gut verdienen. Beispiel Rentenfonds: Kauft ein Anleger festverzinsliche Wertpapiere, wird er die Renditen verschiedener Titel vergleichen und – unter Berücksichtigung von Laufzeit und Schuldnerbonität – den Spitzenwert auswählen. Der Kauf kostet ihn 0,8 Prozent Gebühr, meist sogar deutlich weniger. Das Institut macht also allenfalls dann einen guten Schnitt, wenn sich der Kunde für hauseigene Titel entscheidet – die dann aber konkurrenzfähige Konditionen bieten müssen.
Anders sieht es aus, wenn ihm der Berater Rentenfondsanteile verkauft. Hier berechnet die – hauseigene – Kapitalanlagegesellschaft meist drei Prozent Ausgabeaufschlag, hinzu kommen bis zu 1,2 Prozent Verwaltungs- und Depotgebühren pro Jahr und – wie bei der Direktanlage – die bei allen Transaktionen anfallenden Kauf- und Verkaufsspesen. Der Fonds selbst legt seine Mittel oft in Papieren an, die von der jeweiligen Muttergesellschaft emittiert wurden. Bei manchen Instituten reicht dies so weit, dass der Fonds gerade den Betrag in hauseigenen Papieren des jeweiligen Instituts anlegt, für den die Berater Anteile am betreffenden Fonds verkaufen konnten.
Die Konditionen solcher Papiere müssen längst nicht immer am freien Markt bestehen können. Es genügt, wenn der Fonds insgesamt einen Ertrag erwirtschaftet, der ihn im Vergleich zu anderen Fonds gerade noch konkurrenzfähig erscheinen lässt. Spitzenrenditen sind weder erwünscht, noch werden sie angestrebt.
Verlierer ist letztlich jedoch der Anleger, der sich für Fondsanteile statt einer Direktanlage entschieden hat. Dass die Konzepte dennoch Erfolg haben, ist auf die Werbeanstrengungen der Finanzdienstleister zurückzuführen, oftmals verbunden mit Provisionen für die verkaufenden Institute oder sogar die Berater. Zumindest bisher geht die Rechnung auf. Über 400 Milliarden DM sind allein in den deutschen Publikumsfonds angelegt, über 30 Milliarden DM an Zuwachs werden im laufenden Jahr erwartet.
Spielchen um Gebühren
Mittlerweile treiben die Finanzdienstleister das „Spielchen um die Gebühren“ noch weiter. Nachdem sie zunächst eine so breite Palette unterschiedlichster Fonds aufgelegt hatten, dass selbst erfahrene Anleger und manche Berater den Überblick verlieren mussten, starteten sie vor wenigen Jahren die „Vermögensverwaltung mit Investmentfonds“. Der Anleger entscheidet sich nur noch für eine von meist drei bis fünf Strategien, die seiner persönlichen Chance/Risikoklasse entsprechen. Die Fondsgesellschaft wiederum legt fest, welche Investmentfonds den einzelnen Strategien in welchen Volumina entsprechen – wobei nicht selten „Ladenhüter“ mit in das Portefeuille gepackt werden.
Alle Strategiedepots werden einheitlich aufgebaut und umgeschichtet. Werbewirksam publiziertes Ziel ist es, eine attraktive Rendite bei überschaubaren Risiken zu erwirtschaften. Die Folge: Die Kapitalanlagegesellschaften profitieren nicht von den Gebührenerträgen der einzelnen Fonds, sondern können zusätzlich bis zu 1,2 Prozent pro Jahr für das Management der Vermögensverwaltung berechnen.
Seit kurzem hat der Gesetzgeber den Kapitalanlagegesellschaften eine weitere Möglichkeit geöffnet, problemlos Kosten und Gebühren in Abzug zu bringen. Das Dritte Finanzmarktförderungsgesetz erlaubt die Auflegung von „Dachfonds“, die sich ausschließlich in anderen Fonds engagieren.
Meist werden, ähnlich wie bei der Vermögensverwaltung auf Investmentbasis, auch hier drei bis fünf unterschiedliche Strategien offeriert. Konservative Dachfonds investieren dann beispielsweise 80 Prozent ihres Kapitals in Rentenfonds, risikolastige Dachfonds, als „chancenorientiert“ verkauft, legen das Kapital überwiegend in Aktienfonds an. Auch hier das gleiche Spielchen mit den Gebühren: Nur bei Anlage in Fonds des eigenen Hauses entfällt die doppelte Belastung des Ausgabeaufschlags; bei Wahl von Fremdfonds – etwa Kooperationspartnern – kann hingegen doppelt abgerechnet werden.
Anleger können sich jedoch in vielen Fällen diesem „Kartell der Kassierer“ widersetzen. Inbesondere bei strategisch eher einfachen, risikoarmen Anlageformen – beispielsweise festverzinslichen Wertpapieren – sollte der Direktanlage auch dann der Vorzug gegeben werden, wenn damit etwas mehr Aufwand verbunden ist. Selbst die Anlage in Standardaktien ist von etwa 50 000 DM Kapital an problemlos so möglich, dass eine angemessene Risikostreuung gewährleistet bleibt. Alternativ bieten sich zudem kostengünstigere Anlagen an, etwa in Indexzertifikaten. Einen Fonds sollten Anleger nur wählen, wenn sie in eher „exotische“ Märkte investieren oder kleinste Beträge anlegen möchten. PJ
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