MEDIZIN: Originalarbeit
Selbstberichtete Reaktogenität nach verschiedenen COVID-19-Impfschemata
Eine Analyse registerbasierter Daten
Self-reported reactogenicity after different COVID-19 vaccination regimens—an analysis of registry-based data
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Hintergrund: In Rheinland-Pfalz werden die meisten COVID-19-Impfungen zentral von der Impfdokumentation Rheinland-Pfalz erfasst, einschließlich selbstberichteter Impfreaktionen (SBIR) und deren wahrgenommener Intensität. Wir analysierten das Auftreten von SBIR, die zwischen 12/2020 und 12/2021 gemeldet wurden, in Abhängigkeit von verschiedenen Impfschemata mit den mRNA-Impfstoffen von BioNTech/Pfizer (BNT) und Moderna (m1273) sowie den Vektorimpfstoffen von AstraZeneca (ChAd) und Johnson & Johnson (Ad26).
Methode: Mit geschlechtsspezifischen logistischen Regressionsmodellen analysierten wir das Auftreten aller lokalen und systemischen SBIR sowie das Auftreten nur der lokalen und systemischen SBIR, die von den Geimpften selbst als „schwer“ eingestuft wurden, in Abhängigkeit vom Impfstoff der Erstimpfung und vom Impfschema der Zweitimpfung (BNT/BNT, ChAd/ChAd, m1273/m1273, ChAd/BNT, ChAd/m1273). Eine Impfung mit BNT beziehungsweise das BNT/BNT-Schema bildeten jeweils die Referenzkategorie für die geschätzten Odds Ratios (OR) mit zugehörigen 95-%-Konfidenzintervallen.
Ergebnisse: Von allen Geimpften machten 40,7 % nach der Erst- und 33,8 % nach der Zweitimpfung valide Angaben zu SBIR. Somit wurden 887 052 Personen in die Analysen eingeschlossen. Deren medianes Alter betrug 60 Jahre, 58 % waren Frauen. Das häufigste Impfschema war BNT/BNT (67,3 %). Die häufigsten SBIR waren Schmerzen an der Injektionsstelle und Müdigkeit. Nach der Erstimpfung war die selbstberichtete Reaktogenität bei BNT am geringsten. Die selbstberichtete systemische Reaktogenität war insbesondere nach Impfung mit einem Vektorimpfstoff erhöht. Nach der Zweitimpfung war die selbstberichtete Reaktogenität nach einem ChAd/ChAd-Schema am geringsten und nach einer m1273-Zweitimpfung am höchsten.
Schlussfolgerung: Bei insgesamt akzeptabler Verträglichkeit zeigten sich Unterschiede in der selbstberichteten Reaktogenität in Abhängigkeit der betrachteten COVID-19-Impfstoffe und Impfschemata.
Um die Auswirkungen der COVID-19-Pandemie einzudämmen, wurde die Impfstoffentwicklung bereits früh priorisiert (1). Geimpfte Personen haben ein geringeres Hospitalisierungs- und Mortalitätsrisiko und ein vermindertes Risiko für einen schweren Krankheitsverlauf (2). Stand 27. Juli 2022 sind etwa 76 % der 4,1 Millionen Einwohner des Bundeslandes Rheinland-Pfalz vollständig geimpft. 63 % haben eine zusätzliche Auffrischimpfung erhalten (3). Die Europäische Kommission hat bisher für fünf COVID-19-Impfstoffe bedingte Zulassungen erteilt: für die mRNA-Impfstoffe BNT162b2 (BNT; Comirnaty, BioNTech/Pfizer) und mRNA-1273 (m1273; Spikevax, Moderna), die Vektorimpfstoffe ChAdOx1 nCoV-19 (ChAd; Vaxzevria, Oxford/AstraZeneca) und Ad26. COV2-S (Ad26; Janssen, Johnson & Johnson) und seit Anfang 2022 auch für den proteinbasierten Impfstoff NVX-CoV2373 (NVX; Nuvaxovid, Novavax) (1).
Nach der Zulassung der Impfstoffe wurden die entsprechenden Impfempfehlungen mehrfach geändert. Zusammen mit zeitweiligen Lieferengpässen bestimmter Impfstoffe führte dies zur Verabreichung heterologer COVID-19-Impfschemata.
Generell sind die zugelassenen Impfstoffe sicher (4, 5). Was die systemischen und lokalen Impfreaktionen nach heterologen Impfschemata betrifft, berichten aktuelle Studien eine tolerierbare Reaktogenität (4, 6, 7). Jedoch besteht kein Konsens bezüglich der relativen Verträglichkeit dieser Schemata verglichen mit verschiedenen homologen Schemata (4).
Für diese Fragestellung können „real world“-Daten Evidenz zur Reaktogenität verschiedener homologer und heterologer Impfschemata mit den in Europa zugelassenen Impfstoffen liefern. Diese Studie nutzt die Daten einer landesweiten Impfkampagne und vergleicht die selbstberichtete Reaktogenität verschiedener COVID-19-Impfstoffe und Impfschemata.
Wir untersuchten
- das Auftreten systemischer und lokaler selbstberichteter Impfreaktionen (SBIR) im Allgemeinen und
- das Auftreten systemischer und lokaler SBIR, die von Geimpften selbst als „schwer“ eingestuft wurden, jeweils in Abhängigkeit vom Erstimpfstoff (BNT, ChAd, m1273, Ad26) und verschiedener Impfschemata nach Zweitimpfung (BNT/BNT, ChAd/ChAd, m1273/m1273, ChAd/BNT, ChAd/m1273).
Material und Methoden
Diese Arbeit basiert auf umfassenden Daten der landesweiten COVID-19-Impfkampagne des Bundeslandes Rheinland-Pfalz über einen Zeitraum von einem Jahr (12/2020 bis 12/2021). Der Geschäftsbereich Impfdokumentation des Krebsregisters Rheinland-Pfalz ist für die Erfassung sämtlicher vom öffentlichen Gesundheitsdienst in Rheinland-Pfalz durchgeführten Impfungen zuständig. Im betrachteten Zeitraum wurden insgesamt 3 210 638 Erst- und Zweitimpfungen registriert. Dokumentiert werden neben dem Impfstatus, Impfdatum und Impfstoff auch personenbezogene Daten, relevante Vorerkrankungen und SBIR.
Die Meldung von SBIR erfolgte freiwillig, unvergütet und mittels einer SBIR-Karte (eAbbildung). Die Geimpften konnten entweder eine oder mehrere SBIR melden oder aber angeben, dass sie nach der Impfung keine SBIR erlebt hatten. Für jede berichtete SBIR konnten die Geimpften deren wahrgenommene Intensität auf einer Skala von „1 – leicht“ bis „5 – schwer“ spezifizieren. Einige SBIR konnten aus einer vorbereiteten Liste ausgewählt werden. Weitere, als Freitextangabe häufig genannte SBIR, wurden nachträglich kodiert. Verbleibende SBIR wurden unter der Kategorie „sonstige“ zusammengefasst. Die Geimpften wurden gebeten, die ausgefüllte SBIR-Karte nach der Erstimpfung zum zweiten Termin mitzubringen oder sie kostenlos per Post nach der Erst- oder Zweitimpfung zurückzusenden. Alternativ konnten SBIR auch über ein Web-Formular gemeldet werden.
Statistische Analyse
Merkmale der untersuchten Population
Die Ergebnisse der Plausibilitätsprüfungen und der Non-Responder-Analyse, sowie deskriptive Charakteristika der in die Analyse eingeschlossenen Personen werden berichtet. Für kategoriale Variablen werden absolute und relative Häufigkeiten, für metrische Variablen Median und Interquartilsabstand angegeben.
Reaktogenität verschiedener Impfprofile
Im Hinblick auf die erste Fragestellung wurden vier binär-logistische Regressionsanalysen durchgeführt, um das Auftreten von systemischen und lokalen SBIR nach Erst- und Zweitimpfung zu untersuchen. Im Hinblick auf die zweite Fragestellung wurden vier binär-logistische Regressionsanalysen durchgeführt, um das Auftreten systemischer und lokaler SBIR, die auf der 5-Punkte-Skala von den Geimpften selbst als „schwer“ eingestuft wurden, nach der Erst- und Zweitimpfung zu untersuchen. In beiden Fällen war die interessierende unabhängige Variable einmal der Impfstoff der Erstimpfung (vier Kategorien: BNT, ChAd, Ad26, m1273) und einmal das Impfschema der Zweitimpfung (fünf Kategorien: BNT/BNT, ChAd/ChAd, m1273/m1273, ChAd/BNT, ChAd/m1273). Alle Analysen wurden für Männer und Frauen getrennt durchgeführt, um entsprechende Unterschiede zu verdeutlichen und waren für das Alter als kontinuierliche Variable adjustiert. Da die meisten Personen ein BNT/BNT-Schema erhielten, wurden eine Impfung mit BNT und das BNT/BNT-Schema als Referenzkategorie nach der Erst- beziehungsweise Zweitimpfung betrachtet. Odds Ratios (OR) und 95-%-Konfidenzintervalle [95-%-KI] wurden auf der Grundlage derjenigen Personen berechnet, die nach der jeweiligen Impfung eine gültige SBIR-Karte abgaben.
Sensitivitätsanalyse 1: SBIR ohne Datum zum Symptombeginn
Berichte über lokale oder systemische SBIR, die kein Datum zum Symptombeginn enthielten, wurden ausgeschlossen. Da diese Meldungen jedoch entweder der Erst- oder Zweitimpfung zugeordnet werden konnten, wurden sie in einer Sensitivitätsanalyse berücksichtigt.
Sensitivitätsanalyse 2: SBIR mit Datum zum Symptombeginn später als acht Tage nach der Impfung
Wir schlossen SBIR aus, bei denen der Zeitraum zwischen dem Impfdatum und dem angegebenen Datum zum Symptombeginn der SBIR mehr als acht Tage betrug, um ein möglichst plausibles Zeitfenster zu gewährleisten (8, 9). Die so ausgeschlossenen SBIR-Berichte wurden in einer weiteren Sensitivitätsanalyse berücksichtigt. Alle Analysen wurden mit dem Statistikprogramm R durchgeführt (10).
Ergebnisse
Merkmale der Studienpopulation
Von den 954 238 geimpften Personen, die mindestens eine SBIR-Karte abgegeben hatten, wurden 7,0 % von der Analyse ausgeschlossen – hauptsächlich aufgrund fehlender oder ungültiger Angaben zu SBIR (Grafik 1). SBIR mit einem gemeldeten Datum zum Symptombeginn vor der Impfung, in der Zukunft oder später als acht Tage nach der Impfung wurden ausgeschlossen. Der dieser Analyse zugrunde liegende Datensatz enthält Informationen zu 887 052 Personen. Von allen registrierten Geimpften gaben 40,7 % nach der Erst- und 33,8 % nach der Zweitimpfung eine gültige SBIR-Karte ab (Tabelle, eTabelle 2). Von allen Personen, die nach der Erstimpfung eine gültige Karte abgaben, berichteten 54,4 % SBIR erlebt zu haben, und 4,9 % stuften die SBIR als „schwer“ ein (Tabelle). Von allen Personen, die nach der Zweitimpfung eine gültige SBIR-Karte abgaben, berichteten 51,6 % SBIR erlebt zu haben und 5,1 % stuften SBIR als „schwer“ ein. Nach beiden Impfungen waren Personen, die SBIR berichteten, jünger und zu einem größeren Anteil Frauen, als diejenigen, die angaben, dass kein Ereignis aufgetreten war (eTabelle 2). Die am häufigsten dokumentierte lokale SBIR war Schmerzen an der Injektionsstelle (42,6 % nach Erstimpfung, 38,7 % nach Zweitimpfung). Die häufigsten systemischen SBIR waren Müdigkeit (24,5 %, 27,4 %) und Kopfschmerzen (17,5 %, 19,0 %). SBIR, die am häufigsten als „schwer“ eingestuft wurden, waren Schüttelfrost (15,1 % aller Berichte über Schüttelfrost) und Gliederschmerzen (14,5 %) nach der Erstimpfung sowie Kraftlosigkeit (13,2 %) und Erbrechen (14,9 %) nach der Zweitimpfung.
Ausgeschlossene Personen und Non-Responder
Personen, die aufgrund unplausibler oder fehlender Angaben zu SBIR ausgeschlossen wurden, unterscheiden sich geringfügig von den in die Analyse einbezogenen Personen, jedoch sind keine größeren Unterschiede hinsichtlich der Verteilung der Impfschemata erkennbar (eTabelle 1). Die analysierte Population war im Durchschnitt älter und beinhaltete einen größeren Frauenanteil als die Non-Responder (eTabelle 2). Darüber hinaus gab es deutliche Unterschiede in den Rücksenderaten zwischen den Impfstoff- und Impfschemagruppen (Tabelle).
Reaktogenität verschiedener Impfprofile
Erstimpfung
Die selbstberichtete Reaktogenität war nach einer Impfung mit BNT geringer als nach anderen Impfstoffen (Grafik 2a). Die selbstberichtete systemische Reaktogenität war insbesondere bei den Vektorimpfstoffen erhöht. Frauen berichteten über eine höhere Reaktogenität nach einer Impfung mit ChAd als Männer. Weiterhin zeigte sich eine erhöhte Chance für systemische SBIR, die von den Geimpften selbst als „schwer“ eingestuft wurden, nach Impfung mit einem Vektorimpfstoff (Grafik 2b).
Zweitimpfung
Bei den Impfschemata ChAd/BNT, ChAd/m1273 und m1273/m1273 war die Chance für SBIR höher im Vergleich zum homologen BNT-Schema (Grafik 2c). Die selbstberichtete Reaktogenität war insbesondere nach einer Zweitimpfung mit m1273 erhöht. Im Gegensatz dazu war die Chance für SBIR nach Erhalt eines homologen ChAd-Schemas niedriger im Vergleich zu einem homologen BNT-Schema. Entsprechend war auch die Chance für SBIR, die von den Geimpften selbst als „schwer“ eingestuft wurden, nach einem homologen ChAd-Schema im Vergleich zu einem homologen BNT-Schema verringert (Grafik 2d). Personen mit einer m1273-Zweitimpfung hatten eine höhere Chance, selbst als „schwer“ eingestufte SBIR zu berichten.
Sensitivitäts-Analysen
Von allen ausgeschlossenen Personen mussten die meisten (65,5 %) aufgrund eines fehlenden Datums zum Symptombeginn der gemeldeten SBIR ausgeschlossen werden (Grafik 1). Der Einschluss dieser SBIR änderte die Ergebnisse nicht merklich (nicht abgebildet). Auch nach der Einbeziehung von SBIR, die später als acht Tage nach der Impfung auftraten, blieben die beschriebenen Effekte bestehen (nicht abgebildet).
Diskussion
Diese Arbeit nutzte umfassende registerbasierte Daten, um die selbstberichtete Reaktogenität verschiedener COVID-19-Impfstoffe und Impfschemata zu vergleichen. Etwa 5 % der eingeschlossenen Personen berichteten über SBIR, die sie selbst auf einer fünfstufigen Skala als „schwer“ einstuften. Dies steht im Einklang mit der bisher berichteten tolerierbaren Reaktogenität der zugelassenen COVID-19-Impfstoffe (4, 6, 11).
Personen, die berichteten, SBIR erlebt zu haben, waren im Allgemeinen jünger und besaßen einen größeren Frauenanteil als diejenigen, die angaben, keine SBIR erlebt zu haben. Diese Ergebnisse stimmen mit bisherigen Arbeiten überein (8, 11−13). Als möglicher Grund für eine geringere Reaktogenität mit zunehmendem Alter wird eine veränderte Entzündungsreaktion angeführt (14). Mögliche Erklärungen für eine erhöhte berichtete Reaktogenität bei Frauen sind eine stärkere Immunreaktion (11, 13, 15), ein höheres Körperbewusstsein und eine höhere Compliance aufgetretene Impfreaktionen zu melden. Nach der Erstimpfung beobachteten wir bei den Vektorimpfstoffen eine erhöhte selbstberichtete systemische Reaktogenität. Dieses Ergebnis steht im Einklang mit den Erkenntnissen anderer Arbeiten (16, 17, 18). Nach der Zweitimpfung war die selbstberichtete Reaktogenität bei den heterologen Schemata im Vergleich zu den BNT/BNT- und ChAd/ChAd-Schemata erhöht. Auch dieses Ergebnis bestätigt bisherige Untersuchungen (6, 7, 12, 16, 19), widerspricht jedoch einigen Studien, die über vergleichbare Reaktogenitätsprofile homologer und heterologer Schemata berichten (17, 20). Eine vergleichsweise hohe Reaktogenität nach der Erst-, jedoch vergleichsweise niedrige Reaktogenität nach der homologen Zweitimpfung mit ChAd wurde wiederholt gezeigt (12, 16, 17, 18, 20).
Auf der Basis unserer Ergebnisse kann zudem von einem ähnlichen Reaktogenitätsprofil des homologen m1273- und heterologen ChAd/m1273-Schemas ausgegangen werden. Personen mit diesen Impfprofilen hatten, verglichen mit Personen in den anderen Schemata, eine höhere Chance SBIR generell und auch selbst als „schwer“ eingestufte SBIR zu berichten. Diese Ergebnisse unterstützen andere Veröffentlichungen (6, 11), widersprechen jedoch einer generellen Aussage über eine höhere Reaktogenität heterologer verglichen mit homologen COVID-19-Impfschemata. Stuart et al. (2022) verweisen auf die höhere mRNA-Dosierung als möglichen Grund für die erhöhte Reaktogenität des m1273-Impfstoffs (6). Es ist weiterhin davon auszugehen, dass ein erheblicher Anteil der SBIR auf Nocebo-Effekte und damit auf Angst und negative Erwartungen in Bezug auf die Impfung zurückzuführen ist (21). Häufige Änderungen der Impfempfehlungen – die heterologe Impfschemata zur Folge hatten – könnten zu einer Verunsicherung in der Bevölkerung geführt haben. Auch kann angenommen werden, dass die Medienberichterstattung über Nebenwirkungen infolge der COVID-19-Impfung die berichtete Reaktogenität in unserer Studie beeinflusst haben. Hier ist insbesondre die Berichterstattung über seltene thromboembolische Ereignisse nach einer Impfung mit ChAd (22) und seltene Fälle von Myokarditis und Perikarditis bei jüngeren Personen nach Impfung mit einem mRNA-Impfstoff (23) zu nennen.
Die Überwachung und Untersuchung der Impfstoff-Reaktogenität bleibt nach wie vor wichtig, insbesondere im Hinblick auf Dritt- oder Viertimpfungen, die häufig einem heterologen Schema folgen. Darüber hinaus bleibt auch die COVID-19-Grundimmunisierung mit zwei Impfstoffdosen von Interesse, insbesondere in Ländern mit schlechter Impfstoffversorgung (24).
Limitationen
Unsere Arbeit besitzt mehrere Limitationen. Alle Angaben zu SBIR erfolgten auf freiwilliger Basis und konnten nicht ärztlich verifiziert werden. Die Daten wurden auf Plausibilität geprüft, um nur jene SBIR in die Hauptanalyse aufzunehmen, die nach Angaben der Geimpften innerhalb der ersten acht Tage nach der Impfung auftraten. Dennoch lassen sich die SBIR nicht zwingend kausal auf die Impfung zurückführen.
Die von Geimpften selbst vorgenommene Bewertung der Intensität von SBIR erfolgte auf einer subjektiven Skala ohne konkrete Verankerung der Werte für „1 – leicht“ oder „5 – schwer“. Die Bewertung entspricht daher weder einer ärztlichen Diagnose, noch ist eine als „schwer“ eingestufte SBIR mit „schweren Nebenwirkungen“ aus klinischen Impfstudien vergleichbar.
Von allen Geimpften gaben 40,7 % nach der Erst- und 33,8 % nach der Zweitimpfung eine gültige SBIR-Karte ab. Weiterhin unterscheiden sich die Impfstoff- beziehungsweise Impfschemagruppen hinsichtlich der Rücklaufquoten. Es ist daher von einem Bias aufgrund von Selbstselektion auszugehen. Einerseits kann das Ausbleiben einer Impfreaktion die Motivation zur Meldung senken. Andererseits können auch eine sehr schwere Reaktion oder eine zeitgleiche Erkrankung Gründe für eine Nichtmeldung sein, wenn sie die betroffene Person stark einschränken. Dennoch gehen wir davon aus, dass unsere Arbeit die „tatsächliche“ Reaktogenität überschätzt. Es erscheint plausibel, dass erlebte Reaktionen häufiger gemeldet werden als ausgebliebene, und dass als „schwer“ empfundene Reaktionen häufiger gemeldet werden als „leichte“. Eine systematische Übersichtsarbeit von Xing et al. (2021) zeigte, dass der Anteil der Personen, die in klinischen Studien eine Impfreaktion erlebten, in der Regel unter 30 % lag (25). In der von uns untersuchten Population berichteten jedoch etwa 53 % der Personen, die eine gültige SBIR-Karte abgaben, von einer SBIR.
Eine weitere Einschränkung stellt das Design der SBIR-Karte dar. Da vorgegebene mögliche Impfreaktionen am häufigsten angegeben wurden, erscheint hier eine Übererfassung plausibel, während bei anderen Ereignissen von einer Untererfassung auszugehen ist. Die auf Freitextfeldern basierenden „sonstigen“ SBIR wurden nicht einzeln, sondern als zusammengefasste Kategorie analysiert. Dementsprechend wurden sehr seltene und schwerwiegende Ereignisse (zum Beispiel Myokarditis) nicht gesondert ausgewiesen.
Neben den betrachteten Impfschemata werden auch weitere Kombinationen aus Erst- und Zweitimpfstoff verabreicht (zum Beispiel Ad26/mRNA), die in dieser Arbeit jedoch nicht berücksichtigt werden konnten, da für sie entweder noch keine Empfehlung ausgesprochen worden war oder die Gruppengrößen zu klein waren. Zukünftige Arbeiten können hier weitere Evidenz schaffen.
Stärken
Dies ist die erste Studie in Deutschland, die umfassende „real world“-Daten verwendet, um die selbstberichtete Reaktogenität zugelassener COVID-19-Impfstoffe zu vergleichen. Die Meldung von SBIR war niedrigschwellig und ließ Raum für die subjektive Bewertung durch die geimpften Personen. Die Ergebnisse liefern einen Einblick in das Rückmeldeverhalten der Bevölkerung bei der Verwendung von SBIR-Karten als Public-Health-Instrument. Häufig gemeldete SBIR wurden systematisch erfasst, sodass wir lokale und systemische SBIR voneinander getrennt betrachten konnten. Alle Analysen wurden für das Alter kontrolliert und für Männer und Frauen separat durchgeführt, um relevante Unterschiede erkennen zu können. Zwei Sensitivitätsanalysen, die die Gültigkeit der Einschlusskriterien prüfen sollten, lieferten mit der Primäranalyse konsistente Ergebnisse.
Resümee
Es zeigten sich Unterschiede in der selbstberichteten Reaktogenität nach der Erst- und Zweitimpfung mit den in Europa zugelassenen COVID-19-Impfstoffen. Wir konnten eine erhöhte selbstberichtete Reaktogenität bei heterologen Impfschemata im Vergleich zu den homologen BNT/BNT- und ChAd/ChAd-Schemata bestätigen. Insgesamt berichteten die meisten Personen, dass sie entweder keine oder lediglich „leichte“ bis „mäßige“ SBIR nach der Impfung erlebten, was die Verträglichkeit der bisher zugelassenen Impfstoffe bestätigt.
Interessenkonflikt
Die Autorinnen und Autoren erklären, dass kein Interessenkonflikt besteht.
Manuskriptdaten
eingereicht: 27.04.2022, revidierte Fassung angenommen: 29.07.2022
Anschrift für die Verfasser
Dr. rer. physiol. Emilio A. L. Gianicolo
Institut für Medizinische Biometrie, Epidemiologie und Informatik
Universitätsmedizin der Johannes Gutenberg-Universität Mainz
Langenbeckstraße 1, 55131 Mainz
emilio.gianicolo@uni-mainz.de
Zitierweise
Pfrommer LR, Schoeps M, Blettner M, Wollschläger D, Stapelberg NH, Mittnacht L, Kachel P, Jahn K, von Loewenich FD, Gianicolo EAL: Self-reported reactogenicity after different COVID-19 vaccination regimens—an analysis of registry-based data.
Dtsch Arztebl Int 2022; 119. DOI: 10.3238/arztebl.m2022.0298
Dieser Beitrag erschien online am 26.08.2022 (online first) unter
www.aerzteblatt.de
►Die englische Version des Artikels ist online abrufbar unter:
www.aerzteblatt-international.de
Zusatzmaterial
eTabellen, eAbbildung:
www.aerzteblatt.de/m2022.0298 oder über QR-Code
Geschäftsbereich Impfdokumentation Rheinland-Pfalz, Krebsregister Rheinland-Pfalz gGmbH, Mainz: Melissa Schoeps, MsE, Dr. Nils Herm-Stapelberg, Lukas Mittnacht, Philipp Kachel
Ministerium für Wissenschaft und Gesundheit Rheinland-Pfalz, Mainz: Dr. Klaus Jahn
Institut für Virologie, Universitätsmedizin der Johannes Gutenberg-Universität Mainz: PD Dr. med. Friederike D. von Loewenich
Institute of Clinical Physiology of the Italian National Research Council (IFC-CNR), Lecce, Italy: Dr. rer. physiol. Emilio A. L. Gianicolo
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