ArchivDeutsches Ärzteblatt30/1996Publikationspolitik der Arznei­mittel­kommission: „Bewertete Information - das ist unsere Stärke“

POLITIK: Das Interview

Publikationspolitik der Arznei­mittel­kommission: „Bewertete Information - das ist unsere Stärke“

Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...
LNSLNS Die Arznei­mittel­kommission der deutschen Ärzteschaft informiert regelmäßig zu Fragen der Arzneimitteltherapie und -sicherheit – vor allem in Bekanntgaben und Beilagen. Im Interview erläutert ihr Vorsitzender, Prof. Dr. med. Bruno Müller-Oerlinghausen, die Publikationspolitik des Gremiums: weshalb man auf ein Buch wie "Arzneiverordnungen" auch im Zeitalter elektronischer Medien nicht verzichten kann und warum man in "Arzneiverordnung in der Praxis" keine Leserbriefe findet. Müller-Oerlinghausen (60) ist als Klinischer Pharmakologe an der Psychiatrischen Klinik der Freien Universität Berlin tätig.


DÄ: Die Arznei­mittel­kommission gibt seit Jahren mehrere Publikationen heraus (siehe Kasten). Wie werden sie genutzt?
Müller-Oerlinghausen: Darüber wüßten wir gerne mehr – was der Arzt tatsächlich mit unseren Informationen anfängt.
DÄ: Aber es ist schwierig für Sie, das herauszufinden?
Müller-Oerlinghausen: Verbindliche Informationen darüber haben wir nicht. Wir planen deshalb eine Befragung. Andererseits registrieren wir, daß es zu bestimmten Informationen eine Vielzahl von Rückfragen gibt. Es gehen dann teilweise auch mehr Meldungen ein zu unerwünschten Arzneimittelwirkungen. Oder wenn wir die Ärzte einmal etwas direkter angehen, dann klingelt bei der Arznei­mittel­kommission das Telefon. Daran merken wir: Unsere Veröffentlichungen werden gelesen. Die "Therapieempfehlungen" zum Beispiel haben sofort eine große Resonanz gefunden, weil das offenbar etwas war, das die Ärzteschaft erwartet hat.
DÄ: Stichwort "Befragung": Ist das ein konkretes Projekt?
Müller-Oerlinghausen: Ja. Wir werden vermutlich im September-Heft der Beilage "Arzneiverordnung in der Praxis" die Ärzte befragen, wie sie zu dem Bulletin stehen: ob es ihnen gefällt, ob sie es regelmäßig lesen usw. Wir wollen später Fragen zu den "Therapieempfehlungen" nachschieben.
DÄ: Sie greifen in der letzten Zeit auch aktuelle Themen auf.
Müller-Oerlinghausen: Die Ärzte können inzwischen bestimmte Informationen über Fax-Polling abrufen. Außerdem geben wir Pressemitteilungen heraus, beispielsweise zum Thema Pillen der 3. Generation oder Schlankheitsmittel. Im letzten Fall haben wir uns sozusagen direkt an die Bevölkerung gewandt, und das möchten wir auch in Zukunft.
DÄ: Was heißt das konkret?
Müller-Oerlinghausen: Wir haben vor, uns mit Verbraucherverbänden zusammenzutun. Diese Möglichkeit haben wir bisher nicht sehr intensiv genutzt. Es könnte die Stiftung Warentest oder eine andere solche Organisation sein.
DÄ: Zurück zu Ihren aktuellen Aktivitäten. Sie hatten während der jüngsten Sitzung der Arznei­mittel­kommission über die Neuauflage des Buchs "Arzneiverordnungen" berichtet, die in Vorbereitung ist. Zwei Jahre bis zur Neuerscheinung sind ein langer Zeitraum. Braucht man ein solches Buch noch, wenn es andere Publikationen gibt, zum Beispiel Beilagen?
Müller-Oerlinghausen: Doch, die "Arzneiverordnungen" braucht man, weil wir uns nicht nur an die Ärzteschaft wenden, sondern auch an Medizinstudenten. Das Buch wird oft im pharmakologischen Unterricht benutzt. Ein Arzt sitzt auch nicht wie ein Sachbearbeiter den ganzen Tag an seinem Computer und surft durchs Internet. Wir denken schon über CD- ROM-Versionen für Ärzte mit Praxis-PC nach, ja. Aber ein Arzt ist nach wie vor jemand, der schnell etwas nachlesen will. Von daher ist ein Buch immer noch sinnvoll – aber es muß ergänzt werden.
DÄ: Im Fall von neu zugelassenen Medikamenten sind die Ärzte doch besonders an Informationen interessiert. Wenn Sie industrieunabhängige Information bieten wollen, müßten Sie hier doch schnell reagieren.
Müller-Oerlinghausen: Wir müßten sicher in "Arzneiverordnung in der Praxis" häufiger zu neuen Medikamenten Stellung nehmen. Das ist aber auch ein finanzielles Problem, denn wir können die Beilage nur in vier bis sechs Ausgaben pro Jahr herausbringen. Wir überlegen, ob die Ärzte so interessiert sind, daß sie diese Mitteilung abonnieren würden. Dann ginge manches schneller.
Noch mal zum Buch. Also, so groß ist der Fortschritt bei Arzneimitteln in zwei Jahren aus der Sicht des Allgemeinmediziners nun auch nicht. Und wir arbeiten ja für die niedergelassene Ärzteschaft und nicht für den hochspezialisierten Kliniker. Neue Substanzen müssen sich in der Praxis erst mal bewähren.
DÄ: Aber zu neuen Medikamenten gibt es wohl die meisten Fragen ...
Müller-Oerlinghausen: Wir wollen nicht einfach die Informationen der pharmazeutischen Hersteller abdrucken, sondern geben fast immer Informationen heraus, die innerhalb der Arznei­mittel­kommission in einem Konsensusverfahren entstanden sind. Dafür müssen wir dann mehrere Fachmitglieder befragen, erkundigen uns bei den Fachgesellschaften, der Vorstand selbst und die Geschäftsstelle bringen ihren Input ein. Wir geben immer bewertete Information heraus. Darin liegt unsere Stärke.
DÄ: Was sagen Sie zu dem Vorwurf, das dauere alles viel zu lange?
Müller-Oerlinghausen: Die Artikel für "Arzneiverordnung in der Praxis" – also das ist teilweise schon ein sehr langwieriges Verfahren. Das kann auch mal ein Jahr dauern oder mehr, weil wir Artikel hin- und herschicken, bis wir alle zufrieden sind. Wir stimmen nicht mehrheitlich ab, weil wir es uns nicht leisten können, etwas bekanntzugeben, und ein Vorstandsmitglied sagt dann später: Also damit bin ich nicht einverstanden.
Ich glaube aber, gerade weil wir uns Zeit nehmen und qualifizierte Information herstellen, erzielen wir eine Wirkung. Und wir haben bei der Ärzteschaft, zumindest bei dem Teil, bei dem sie überhaupt etwas bewegen können, doch eine hohe Reputation.
DÄ: Aber ginge es nicht doch manchmal etwas schneller?
Müller-Oerlinghausen: Wenn man meint, wir sollten mehr arbeiten oder schneller, dann soll man uns auch mehr Personal zur Verfügung stellen. Und letztlich können wir einfach nicht die Rolle einer Bild-Zeitung spielen – wir sind die FAZ.
DÄ: In der Sitzung der Kommission haben Sie gesagt: Wir bekommen Leserbriefe, aber wir sehen nicht ein, daß wir eine Leserbriefseite einrichten. Wie schlagen sich dann Rückmeldungen in Ihrer Arbeit nieder?
Müller-Oerlinghausen: Zum Beispiel in Briefen und in Telefonanrufen. Zu der ersten Ausgabe der "Therapieempfehlungen" beispielsweise haben wir eine Fülle von Briefen bekommen. Da hatten wir den Eindruck, daß es sich gelohnt hat, die Aufmachung zu verbessern. Die "Therapieempfehlungen" waren einfach auch inhaltlich so gut, daß auch ganz kritische Kollegen sie hervorragend fanden. Andere schrieben so in etwa: Wir haben gar nicht gemerkt, daß es die Arznei­mittel­kommission und ihre Beilagen überhaupt noch gibt. Das war dann natürlich ein Schlag ins Kontor.
DÄ: Aber warum kein Abdruck von Leserbriefen?
Müller-Oerlinghausen: Daß wir keinen Leserbriefkasten in den "Arzneiverordnungen" einrichten wollen, hat etwas mit unserem Selbstverständnis zu tun und mit der Verbindlichkeit unserer Information. Wir wollen nicht, daß der Eindruck entsteht, man könne das beliebig so oder so sehen. Wir reagieren schon, wenn jemand eine andere Meinung hat – aber nicht in der Beilage selbst.
DÄ: Setzen Sie sich nicht der Gefahr aus, daß die Ärzte das für arrogant halten? Vergrätzen Sie nicht Leser, weil die das Gefühl haben, mit Einwendungen nicht durchzudringen?
Müller-Oerlinghausen: Das Risiko nehmen wir dann in Kauf. Jeder, der sich an uns wendet, bekommt persönlich eine Antwort. Nach der Diclofenac-Bekanntgabe beispielsweise haben wir Hunderte Telefonate geführt und Briefe beantwortet. Da ging ein Sturm der Entrüstung durch die Lande, wir wollten den Orthopäden die Voltaren-Injektion madig machen. Wir haben damals geduldig erklärt, was genau unsere Meinung ist.
Ein anderes Beispiel: Wir haben viele Reaktionen auf eine bestimmte Bekanntgabe im Deutschen Ärzteblatt bekommen. Daraufhin haben wir in einer Ausgabe der "Arzneiverordnung" das Thema noch einmal aufgegriffen mit der Einleitung "Aufgrund der vielen Reaktionen zu ...". Das Ganze hat auch wieder einen ökonomischen Aspekt: Wir kämpfen um jede Seite Text, die ja Geld kostet. Deshalb können wir kein Diskussionsforum bieten.
DÄ: Sie hatten ja betont, daß Veröffentlichungen auch Zeit brauchen, weil man den Konsens sucht. Ich kann nicht glauben, daß bei Ihnen immer alle zu einer Meinung finden.
Müller-Oerlinghausen: Deswegen dauert es oft lange, bis wir zu einem gewissen Konsens kommen. Da muß der eine oder andere Kollege auch mal Federn lassen und mal nachgeben – und das tut er auch. Wir haben aber als Ziel, daß wir den niedergelassenen Kollegen, die ratlos oder total verwirrt sind, eine verbindliche Information geben wollen.
DÄ: Werden Ihre Publikationen denn eher aus dem wissenschaftlichen Lager heraus angegriffen oder eher von den praktisch tätigen Ärzten?
Müller-Oerlinghausen: Beides. Wir werden aber manchmal von Klinikern angegriffen, die zum Beispiel einwenden, mit einem potenten Medikament müsse man nur richtig umgehen können. Das ist nicht unser Problem. Unser Problem ist: Kann man dem Arzt draußen, dem Allgemeinmediziner, dieses spezifische Mittel zumuten? Kann er damit umgehen? Es gibt Medikamente, die gehören nicht in die Hand des niedergelassenen Allgemeinarztes.
DÄ: Eine weitere Publikationsform sind die Mitteilungen und Bekanntgaben im Deutschen Ärzteblatt.
Müller-Oerlinghausen: Bei den Bekanntgaben und Mitteilungen ist auch wichtig, daß wir sozusagen der Vermittler der Informationen sind, die das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte den Herstellern gibt und die wir dann der Ärzteschaft weitergeben. Im Rahmen des Stufenplans sind wir ja quasi beauftragt, den Ärzten zu vermitteln, was die Meinung des Amtes ist.
DÄ: Um diese Informationsweitergabe hat es ja unlängst Ärger gegeben. Die Firma Knoll hatte eine einstweilige Verfügung gegen das Erscheinen einer Ausgabe des Ärzteblattes erwirkt aufgrund einer Mitteilung der Kommission zu Cordichin – und vor Gericht auch recht bekommen.
Müller-Oerlinghausen: Um die Sicherung dieser Aufgabe muß in Zukunft verstärkt gestritten werden, das hat uns das Urteil in Sachen Cordichin gezeigt. Da müssen die gesetzlichen Grundlagen etwas präzisiert werden. Es geht nicht an, daß wir der Ärzteschaft die Informationen vorenthalten sollen, die eigentlich von ihr stammen. Die Ärzte liefern doch die Informationen über das Risiko eines Arzneimittels. Daraus ergeben sich unter Umständen bestimmte Maßnahmen – und wir werden daran gehindert, die Ärzteschaft frühzeitig darüber zu informieren, daß möglicherweise ein Risiko vorliegt.
DÄ: Sind sich bei Ihnen in der Kommission alle einig, ab wann man die Ärzteschaft über Arzneimittelrisiken informieren sollte?
Müller-Oerlinghausen: Also in der Kommission sind wir uns da relativ einig, auch im Vorstand. Der Kurs ist sicher ein bißchen anders als zu früheren Zeiten.
DÄ: Inwiefern?
Müller-Oerlinghausen: Wir sind sicher kein Vorstand, der dazu tendiert, die Öffentlichkeit aufzuscheuchen, wenn man noch gar nichts Richtiges weiß. Auf der anderen Seite meinen wir, daß wir andere Aufgaben haben als die Behörde. Wir alle in der Kommission wollen die Freiheit behalten, die Ärzteschaft dann informieren zu können, wenn wir das für richtig halten.
Ein Beispiel: Wenn wir einen Todesfall infolge einer Medikation gemeldet bekommen, dann wissen wir, daß die Behörde noch gar nichts unternehmen kann. Das dauert dort seine Zeit. Wir meinen, daß wir ruhig darüber berichten sollten, damit die Ärzte stimuliert werden, besonders aufmerksam zu sein: sich vielleicht bestimmte Laborwerte eines Patienten genauer anzuschauen oder ähnliches. (Die Fragen stellte Sabine Dauth)

Anzeige

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

Fachgebiet

Zum Artikel

Anzeige

Alle Leserbriefe zum Thema

Stellenangebote

    Interviews