ArchivDeutsches Ärzteblatt17/2000Qualität in der Medizin: Keine Repressionen!

POLITIK: Leitartikel

Qualität in der Medizin: Keine Repressionen!

Schäfer, Robert

Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...
LNSLNS Lehren aus den USA für die Qualitätssicherung
im ambulanten und stationären Sektor

Die Möglichkeiten und die zunehmende Komplexität der modernen Medizin gehen mit wachsenden Gefahren und Risiken für die Patienten einher. Eine aktuelle Studie aus den USA von zwei hoch angesehenen Krankenhäusern erbrachte schwere oder vermutet schwere Verschreibungsfehler bei 6,7 Prozent der Patienten.
Bei einer Untersuchung von 30 000 Krankenakten im Staat New York fanden sich bei 3,7 Prozent der Krankenhauseinweisungen Behandlungsfehler, von denen die Hälfte als vermeidbar eingestuft wurde. 13,6 Prozent dieser Behandlungsfehler endeten tödlich. Bei einer Hochrechnung dieser Daten auf die Gesamtbevölkerung der USA ergebe sich, dass jedes Jahr rund 120 000 Amerikaner an den Folgen einer vermeidbar fehlerhaften Krankenhausbehandlung sterben. Derartige Untersuchungsergebnisse sind geeignet, beachtliche Aufmerksamkeit in der Öffentlichkeit zu erlangen. Damit dürfte sich die Forderung verbinden, die gesundheitliche Versorgung der Bevölkerung durch geeignete Maßnahmen sicherer zu gestalten.
Es ist anzunehmen, dass die Forderung erhoben wird, die Überwachung und die Bestrafungsmöglichkeiten zu verschärfen, um die Fehlerquote in der medizinischen Versorgung zu verringern. Wenn Berichte über medizinische Fehlversorgung an die Öffentlichkeit gelangen – oft mit stark emotional gefärbten Beschreibungen über die Leiden der Opfer –, ist die Reaktion meist die Zuschreibung der Schuld an einen der Handlungsbeteiligten und dessen Bestrafung. Diesem Verfahren ist kein dauerhafter Erfolg beschieden.
Wenn von denen, die mit dem Hochrisiko ständig umgehen, eine Lehre aus diesem täglichen Umgang gezogen wird, ist es die Erkenntnis, dass Angst, Repression und Bestrafung keine Sicherheit erzeugen. Sie begünstigen vielmehr defensives Verhalten, Geheimniskrämerei und Angst.
Qualitätsvoraussetzung: Gutes Equipment
Wissenschaftliche Studien über den Umgang mit menschlichem Verhalten, Organisationspsychologie, Arbeitsablaufanalysen (Operation research) und andere belegen, dass in komplexen Systemen Sicherheit nicht durch Ermahnung und Strafe erzielt wird. Vielmehr sind gute Ausrüstung, vernünftige Arbeitsbedingungen, funktionierende Hilfesysteme und leistungsfähige Organisationsstrukturen gefragt.
In den USA ist als Folge dieser Erkenntnisse eine Bewegung entstanden, die die Verbesserung der Versorgungssicherheit im Gesundheitswesen aktiv betreibt. Die American Medical Association hat eine „National Patient Safety Foundation“ gegründet, in der sich führende Kräfte des Gesundheitswesens über geeignete Maßnahmen Gedanken machen und diese umsetzen. Die „Veterans Health Administration“ hat beachtliche Anstrengungen unternommen, in dem Versorgungssystem medizinische Fehler zu vermeiden, und versucht in vier dafür eingerichteten „Centers of Excellence“ die multidisziplinäre Forschung zu fördern, um sicherere Versorgungsformen zu erarbeiten.
Das Institute for Healthcare Improvement Boston hat verschiedene nationale Gemeinschaftsprojekte initiiert, um Fehler in der medizinischen Versorgung beheben zu helfen. Diese Projekte erfreuen sich wachsenden Zuspruchs.
Studien in Australien, Israel und Großbritannien kommen zu Ergebnissen, die denen in den USA ähneln. Insoweit spricht einiges dafür, dass auch in Deutschland vergleichbare Ergebnisse ermittelt werden könnten.
Erfolgreiche Programme
auch in Deutschland
Die Entwicklung und Einführung von Qualitätssicherungsmaßnahmen in Deutschland haben wesentlich zu einer sicheren Patientenversorgung beigetragen. Dies ist jedoch nur dort der Fall, wo Qualitätssicherungsprogramme eingeführt wurden, wie etwa in der Geburtshilfe, der Neugeborenenversorgung und in der Chirurgie, insbesondere in der Herzchirurgie. So konnte eine Senkung der Kindersterblichkeit um mehr als die Hälfte erzielt werden, seit Qualitätssicherungsprogramme in der Geburtshilfe/Neonatologie eingeführt wurden.
Auch die signifikante Senkung der Müttersterblichkeit um mehr als die Hälfte darf als Erfolg dieser Maßnahmen gewertet werden. Allerdings werden dabei vielleicht nicht ausführlich und öffentlichkeitswirksam genug die Konzepte dargestellt, mit denen eine nachweisbare Verbesserung der Versorgungsergebnisse erzielt wurde. So bleibt beispielsweise offen, welche Maßnahmen im Einzelnen dazu beigetragen haben, die Versorgungsergebnisse effektiv zu verbessern.
Es gibt andererseits deutliche Hinweise darauf, dass sich die Verbesserung der organisatorischen Rahmenbedingungen für das einzelne Krankenhaus und damit auch für die Patienten an den Ergebnissen der Qualitätssicherung festmachen lässt.
Anonymisierung
der Daten
Analog zu dem Ansatz, der in den genannten Studien beschrieben wird, stellt die Repressionsfreiheit ein wesentliches Element der Umsetzung von Qualitätssicherungsprogrammen in Deutschland dar. Ein Teilbeitrag zu dieser Repressionsfreiheit ist eine durchgehende Anonymisierung der Daten sowohl der Patienten als auch der Klinik.
Die von Verantwortlichen für die Durchführung der Qualitätssicherung geübte Zurückhaltung, unmittelbar auf die Ergebnisse der
Versorgung Einfluss zu nehmen, rechtfertigt sich durch die ermittelten Ergebnisse. Vertrauen in verantwortungsvolles Handeln der „Leistungsanbieter“ hat sich gerechtfertigt.
Die Umsetzung von Qualitätssicherungsprogrammen stellt einen wesentlichen Beitrag zur sicheren Patientenversorgung dar. Sie sind überall dort anzuwenden, wo nach Meinung der Fachleute zu erwarten ist, dass sie zur Verbesserung der Versorgungsergebnisse beitragen. Qualitätssicherungsprogramme eignen sich nur sehr eingeschränkt als Werkzeug zur Herstellung von mehr Wirtschaftlichkeit.
Ihr Missbrauch als repressive Kontrollinstrumente sollte aufgrund wissenschaftlicher Erkenntnisse unterbleiben. Dr. med. Robert Schäfer
Anzeige

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

Fachgebiet

Zum Artikel

Anzeige

Alle Leserbriefe zum Thema