ArchivDeutsches Ärzteblatt17/2000Ansatz für eine kausale Therapie der Suchterkrankung gefunden

POLITIK: Medizinreport

Ansatz für eine kausale Therapie der Suchterkrankung gefunden

Dtsch Arztebl 2000; 97(17): A-1117 / B-950 / C-873

Richter, Eva A.

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LNSLNS Unter Wissenschaftlern wird derzeit ein neuer und viel versprechender Ansatz der Suchttherapie diskutiert. Hierbei wird das Suchtgedächtnis pharmakologisch „gelöscht“ und gewissermaßen neu programmiert. Während bisherige Therapien an den Symptomen der Sucht ansetzen, soll eine Suchterkrankung auf diese Weise kausal behandelbar sein. Der Vorteil: Der Patient hat kein Verlangen mehr nach der Droge. Dies wäre entscheidend, denn auch nach erfolgreicher Abstinenztherapie bleibt die Drogengier, die eine permanente Rückfallgefahr in sich birgt, meist erhalten.
Auf der 13. Wissenschaftlichen Tagung der Deutschen Gesellschaft für Suchtforschung und Suchttherapie e.V. in Würzburg stellte der Berliner Neurobiologe Dr. Jochen Wolffgramm seine „Rückprägungstheorie“ vor. Gemeinsam mit Dr. Andrea Heyne war es ihm gelungen, bei opiatsüchtigen Ratten durch Gabe von Corticocoiden eine erneute Prägung des Suchtgedächtnisses zu induzieren und dann durch eine gezielte Kombination mit einem Opiat fortzuführen. Wie bei einem Computerspeicher werde das bestehende Suchtgedächtnis gelöscht und mit neuen Eintragungen überschrieben, so Heyne.
Wäre das Modell auf den Menschen übertragbar, würde das Rückprägungskonzept eine neue Ära in der Opiattherapie einleiten. Diese Frage ist freilich gegenwärtig noch offen. Nicht zuletzt deshalb werde der Therapieansatz von Wolfgramm und Heyne unter den Experten kontrovers diskutiert, erklärte Rolf Hüllinghorst, Geschäftsführer der Deutschen Hauptstelle gegen die Suchtgefahren e.V. Mit Spannung sehe man den Ergebnissen der klinischen Prüfung entgegen.
Auch Heyne warnt vor zu großen Erwartungen: „Wir können zum jetzigen Zeitpunkt noch nicht sagen, dass das Verfahren ohne Modifikation beim Menschen funktioniert.“ Vermutlich müsse es durch Feinabstimmungen noch optimiert werden. Derzeit wird das patentierte Therapiekonzept in Einzelfallstudien an der Universitätsklinik für Psychiatrie und Psychotherapie in Tübingen erprobt. In diese erste klinische Untersuchung sind 25 Heroinabhängige einbezogen.
Die gesamte Therapie findet vollstationär statt: Einer zwei- bis dreiwöchigen Entgiftungsphase folgt die dreiwöchige Rückprägungsbehandlung. Verabreicht wird in der ersten Woche ein hoch dosiertes Corticoid; in der zweiten Woche wird dazu in einem festen Rhythmus ein (individuell dosiertes) Opioid gegeben. In der dritten Woche erfolgt die alleinige Gabe des Opioids. Nach einer weiteren 14-tägigen Entzugsphase kann der Patient entlassen werden.
Allein gelassen wird der Drogenpatient dann jedoch nicht: Eine Kontrollzeit von 12 bis 24 Monaten, inklusive Drogenscreening, ist ebenso vorgesehen wie begleitende verhaltenstherapeutische Maßnahmen. Mit dieser Kombination könnte, so hofft Heyne, der Weg geebnet werden, der zur Heilung der Suchterkrankung führt. Eine zweite klinische Studie ist für August an der Bayerischen Julius-Maximilians-Universität Würzburg geplant. Dr. med. Eva A. Richter

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