ArchivDeutsches Ärzteblatt17/2000Gesundheitsratgeber: Nutzen für die ärztliche Praxis

THEMEN DER ZEIT: Aufsätze

Gesundheitsratgeber: Nutzen für die ärztliche Praxis

Merten, Aloysia

Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...
LNSLNS Fast unüberschaubar ist inzwischen die Zahl der Gesundheitsratgeber in Buchform. Gute Ratgeber lassen sich
als Medium in der Arzt-Patienten-Beziehung nutzen.

Als Nebeneffekt der diversen Gesundheitsreformen hat sich inzwischen die Übereinkunft herausgebildet, dass Gesundheit weder zum materiellen noch zum immateriellen Nulltarif zu haben ist. Bei der Frage, was der Einzelne in seine Gesundheit zu investieren bereit ist, geht es um Geld und um mehr. Wer Rechte genießen will, der muss zumeist auch Pflichten übernehmen. So korrespondiert mit den Patientenrechten zumeist die Verpflichtung, sich an der Co-Produktion der eigenen Gesundheit zu beteiligen.
Die Entwicklung der eigenen Wissensressourcen, das heißt die Investition in Humankapital, stellt insoweit auch eine Investition in die Gesundheit dar. Wollen allein dürfte bei diesem Vorhaben nicht ausreichen. Patienten müssen auch können, also die notwendigen Wissensressourcen vorhalten oder entwickeln. Dem Wunsch nach „sprechender Medizin“ darf die Grundlage für eine Mitsprache nicht fehlen. Zwischen Zeitstress im Praxisalltag und dem Kommunikatonsbedürfnis vieler Patienten ist ein vermittelndes Medium in seiner Rolle noch nicht vollständig erschlossen: der schriftliche Gesundheitsratgeber.
Informationsmangel stellt in der heutigen Informationsgesellschaft für die meisten kein Problem dar; entscheidend ist es, die richtige Information zum richtigen Zeitpunkt und in der richtigen Qualität zu erhalten. Buchhändler registrieren mit Erstaunen, dass trotz aller konkurrierenden Informationsangebote das Buchsegment Ratgeber, insbesondere das der Gesundheitsratgeber, an Terrain gewinnt.
Steigende Nachfrage
Im Allgemeinen wird Rat dort erteilt, wo sich Beratungsbedarf äußert oder zumindest vermutet wird. Wer nicht weiß, wie er mit einem Problem umgehen soll, sucht aktiv Hilfe und nimmt angebotene Informationen besonders gut auf. Viele empfinden Informationsdefizite in bestimmten Situationen wie starke Stressoren – zum Beispiel wenn vor einer wichtigen Operation Auskünfte über die Vorgehensweise vorenthalten werden. Die steigende Nachfrage nach Ratgebern wird daher einen wichtigen Grund haben: den Mangel an Informationen trotz eines Informationsüberschusses. Gerade im Umfeld professioneller Beratung entstehen Informationsdefizite. Gründe liegen unter anderem darin, dass vielen Experten hinlängliche Vermittlungsfähigkeiten fehlen, dass Informationen trotz hoher Informationsdichte wenig verständlich sind (Fachvokabular/Darbietungstempo). Zudem können – resultierend aus einer Schieflage der komplementären Beziehung Arzt–Patient – Appellallergien und Berufsroutinen Patienten „taub“ für Empfehlungen (Non-Compliance) machen.
Aber nicht nur aus der Arzt-Patienten-Beziehung resultieren Defizite. Weitere liegen in Rollenanforderungen von Mediatoren und Multiplikatoren begründet („Die Familie hat Schnupfen, Mutti hat . . .“), in dem Wunsch nach Selbstbehauptung oder dem Wunsch nach Selbsthilfe („Was man über das Leben mit einem Frühchen wissen sollte“). Diese Auswahl der Lese-Motive zeugt auch von dem Bedürfnis, die Wissensdistanz zu Experten zu vermindern, und von der Angst vor Klientelisierung. Auch ein Überangebot an Informationen wird oft als Stressor empfunden; dies führt insgesamt zu geringerer Aufmerksamkeit. In der Welt der massenmedialen Bilder und schnellen Schnitte und des enormen Darbietungstempos erhält man von dem, was tatsächlich interessiert, oft nur Häppchenkost: Der Informationsfülle folgt daher der Wunsch, in Ruhe Näheres zu erfahren und genauere Antworten und Erläuterungen zu erhalten. Auch das Sensationelle, das Neueste und Unwahrscheinliche provoziert die Neugierde, da man „Bahnbrechendes“ nicht verpassen möchte.
Ratgeber für co-produzierende Patienten
In der ärztlichen Praxis scheinen Gesundheitsratgeber als Begleitmedium der Behandlungsprozesse wenig reflektiert. Eine patientenorientierte Praxis dokumentiert mit Ratgeber-Lesestoff den Dienstleistungswillen und das Partizipationsangebot an Patienten. Gesundheitsratgeber können im optimalen Fall das persönliche Gespräch vorbereiten, begleitend ergänzen, nachbereiten und unter Umständen ersetzen. Im optimalen Fall liefern Ratgeber ein Wissensnetz, mit dem ärztliche Informationen besser eingefangen und verankert werden können. Sie nehmen die Funktion eines Advance Organizers ein. Wer versteht, was der Arzt sagt, dürfte zufriedener sein mit der Beratung, da so Dissonanzen auf der deklarativen Wissensebene seltener sind.
Gute Ratgeber lassen sich als Medium im Arzt-Patient-Gespräch nutzen. Schaubilder, Tabellen, Grafiken ergänzen die mündlichen Erläuterungen und erhöhen die Verständlichkeit. Im optimalen Fall kann ein schriftlicher Ratgeber die Schwächen eines persönlichen Gesprächs ausgleichen: Wenn Inhalte in der Eile vergessen wurden, bei zu hohem Informationstempo, wenn Fachbegriffe nicht erklärt wurden oder bei nervösen Patienten. Patienten lernen mitzudenken und nicht nur am Tropf der ärztlichen Erkenntnis zu hängen.
In der Nachbereitungsphase einer ärztlichen Behandlung können Ratgeber zum Handeln motivieren. Sie lassen sich zum Aufbau neuer Handlungsroutinen einsetzen. Ratgeber wirken so gegen das Vergessen und für die Anwendung des Erlernten: Rezepte, Kontaktadressen von Selbsthilfegruppen, Anschlussberatung, begriffliche Erläuterungen oder auch Hinweise auf Handlungsrisiken können hier Anwendungsinteressen befriedigen.
Zu vielen Patientenfragen lässt sich im Praxisalltag sicherlich nicht Stellung nehmen, schon zeitökonomische Gründe sprechen dagegen. Ein Ratgeber kann für Randthemen und Spezialthemen, für Interessen der „fortgeschrittenen Patienten“ oder für die häufig gestellten Fragen die Selbstinstruktionsbasis liefern. Zwar mag die Nachhaltigkeit von schriftlichen Ratgebern der interaktiven Arzt-Patient-Beziehung nachstehen. Vorteil eines Ratgebers kann für einen Patienten aber darin liegen, gerade nicht einem Face-to-Face-Stress ausgesetzt zu sein. Zudem sind Ratgeber zumeist erschwinglich, ihr Einsatz ist nicht an spezielle Orte und Zeiten gebunden, und sie enthalten zumeist „verdauliche Kost“, die nicht überfordert. Der vom Arzt empfohlene Ratgeber dürfte in der Gunst ganz oben rangieren.
Wenngleich fast jeder seinen Ratgeber im Bücherschrank hat, werden diese zuweilen mit wissenschaftlichem „Naserümpfen“ betrachtet. Profis bemängeln die populärwissenschaftliche Seite, Laien ab und an Verständlichkeit und Handlungsrelevanz. Ratgeberautoren haben zwischen Dolmetscherfunktion und wissenschaftlichem Anspruch einen Balance-Akt zu bewältigen. Den Dolmetscheranspruch und die Harmonisierung widerstreitender Lehrmeinungen dürfen sie aus didaktischen Erwägungen nicht so weit treiben, dass der wissenschaftliche Anspruch auf Kosten von Verständlichkeit/Verkäuflichkeit verschwindet. Die Qualität einer Ratgeberschrift hängt vor allem von der erfolgreichen Bewältigung dieses Spagats ab.
Schreiben ist initiierte Textkommunikation und führt den Dialog mit Hilfe der Medien Bild und Schrift. Mit dem Schreibakt korrespondiert das Lesen als Interpretationsakt und die Konstruktion neuer, zunächst virtueller Realitäten. Jeder Leser versteht einen Text anders und aktiviert individuelle Vorstellungsbilder und psycho-mentale Modelle. Bestenfalls werden durch lautloses Selbstgepräch und begleitende „Autosuggestion“ Kräfte der Selbstheilung, -hilfe und -instruktion ausgelöst. Im Lesen können sich also Heilungskräfte entfalten. (Fall-)Beispiele von anderen Menschen liefern uns Modelle, wie wir Probleme bewältigen können oder uns mit Unabänderlichkeiten zu arrangieren haben.
Viele Leser stellen verblüfft fest, dass ein Ratgeberautor stellvertretend formuliert, was sie fühlen und denken, also dort Worte findet, wo sie bislang sprachlos waren. Da Sprache Gefühle und Ereignisse gut zum Ausdruck bringen kann, treten Ratgeberleser gedanklich an die Stelle des Ratgeberautors. Innerlich nehmen sie so zum Gelesenen Stellung, stellen sich Fragen und sprechen über das Gelesene. Auf diese Weise gewinnen sie neue Erkenntnisse. Ratgeber können so auch die Kommunikation über Tabu-Themen eröffnen (Kinderlosigkeit), bei der Bewältigung von Krankheiten helfen, Modelle liefern zur Identifikation und Nachahmung, Trost spenden und Orientierung geben. Sie erweitern das Potenzial zur Bewältigung anstehender Probleme.
Ratgeber entfalten im optimalen Fall Handlungsrelevanz (prozedurales Wissen) – zumeist enthalten sie den Anspruch, lebenspraktische Hilfe zu bieten. Einem Ratgeber zur richtigen Ernährung bei Zöliakie oder Sprue dürfen die alltagspraktischen Er­näh­rungs­emp­feh­lung­en nicht fehlen. Einem Ratgeber für die Nachsorge nach einer Kurmaßnahme für adipöse Kinder dürfen Anleitungen für Multiplikatoren (Eltern) nicht fehlen. Ratgeber bieten zumeist Nachschlagemöglichkeit für nicht Verstandenes oder Vergessenes und halten damit die Wissensspirale der Leser in Gang. Da die Grenzen der Sprache die Grenzen der Welt darstellen, hilft der Aufbau eines Vokabulars, sich in der Sprechstunde und andernorts adäquat zu artikulieren.
Im Ratgebermarkt koexistieren in friedlichem Nebeneinander Seriöses und Unseriöses. Unseriöse Nutzenversprechungen springen den kritischen Lesern schon von den Titelseiten ins Auge – aber bekanntlich sind nicht alle Leser kritische Leser. Ohne Sorgfalt hastig zubereitete Fast-Food-Produkte liegen neben aufwendig recherchierten Schriften mit reflektierter Beratungsethik. Leider stehen hohe Beratungsethik und Auflagenhöhe vielfach in Konkurrenz. Der Ratgebermarkt reguliert sich frei von staatlicher Interventionspolitik. Das Marktangebot ist vielfältig und intransparent, Wildwuchs allenthalben das Problem. Wie lässt sich Transparenz gewinnen, und welche Qualitätskriterien können im Schnellverfahren angewandt werden? Die nebenstehende Kriterienmatrix bietet neben dem Nutzerurteil – der Patient als Rezensent – ein Raster für ein „Blitzurteil“. Drei Kriterienbündel werden hier aus der Vielfalt der Beurteilungsgesichtspunkte hervorgehoben:
c Die Expertenkomponente, die Seriosität und wissenschaftliche Fundierung der Schrift ins Visier nimmt,
c der Leseraspekt, der für die didaktische Qualität, die „Dolmetscherfunktion“, steht,
c die tutoriell-navigierende Komponente, die an den Gesprächsstufen eines persönlichen Beratungsgesprächs orientiert ist. Bei der Navigation durch ein schriftliches Beratungsgespräch mögen sich Stufen überschneiden, überspringen lassen oder entfallen.
Das Ratgeber-Thema dürfte noch an Aktualität gewinnen, da immer mehr neue Medien mit ihren enormen Wissensressourcen Einzug in die Privathaushalte halten. Beratung goes online heißt es immer häufiger. Wenngleich mit den elektronischen Medien die vorhandenen Printmedien nicht verschwinden, so dürfte die Auseinandersetzung mit der Frage, wie sich aus den riesigen Daten- und Informationmengen der globalen Informationsmärkte Wissen oder gar Können bei Patienten entwickeln lässt, an Bedeutung gewinnen. Der Gefahr des Verhungerns am vollen Fleischtopf der neuen Medien und der „Dummheit auf hohem Niveau“ gilt es gegenzusteuern.

Zitierweise dieses Beitrags:
Dt Ärztebl 2000; 97: A-1118–1120
[Heft 17]

Anschrift der Verfasserin
Dr. Aloysia Merten
Fachhochschule Münster
Fachbereich Oecotrophologie
Josefstraße 2, 48151 Münster
E-Mail: Merten@FH-Muenster.de
Anzeige

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

Fachgebiet

Zum Artikel

Anzeige

Alle Leserbriefe zum Thema