ArchivDeutsches Ärzteblatt17/2000Diskussionsentwurf zu einer Richtlinie der Bundes­ärzte­kammer - Präimplantationsdiagnostik: Auftakt des öffentlichen Diskurses: Wir befinden uns mitten auf der schiefen Bahn

DOKUMENTATION: Diskussion

Diskussionsentwurf zu einer Richtlinie der Bundes­ärzte­kammer - Präimplantationsdiagnostik: Auftakt des öffentlichen Diskurses: Wir befinden uns mitten auf der schiefen Bahn

Dtsch Arztebl 2000; 97(17): A-1126 / B-936 / C-880

Wagner, W.

Zu dem Diskussionsentwurf zu einer Richtlinie der Bundes­ärzte­kammer in Heft 9/2000 und den dazu erschienenen Berichten und Kommentaren in den Heften 9, 10, 14/2000
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LNSLNS Leider lässt dieser Entwurf die Möglichkeit, vonseiten der Ärzteschaft auf PID überhaupt zu verzichten, außer Acht und setzt im Grunde – nach grundsätzlicher Entscheidung für die PID – erst bei einer mehr oder minder restriktiven Regelung des Verfahrens an.
Der unselige Synergismus zwischen ärztlichem Omnipotenzdenken und komplementärer Anspruchshaltung aufsei-
ten der Patienten hat auch hier dazu geführt, dass das Nicht-akzeptieren-Können der „alternativen“ Adoption beziehungsweise Verzicht auf Kinder durch betroffene Paare offensichtlich ausreicht, sich über schwerstwiegende ethische Einwände hinwegzusetzen und Kinder auf Probe zu zeugen – mit der erklärten „Option“, diese im Falle genetischer Defekte nicht weiterleben zu lassen.
Ich frage mich wirklich, ob es noch denkbare Ansprüche vonseiten der Gesellschaft an die Ärzte gibt, die diese auf Dauer und kategorisch zurückweisen. Wenn der dringende Kinderwunsch eines Paares ausreicht, Menschen zu zeugen und nachher im wahrsten Sinne des Wortes wegzuwerfen, warum soll der doch sicher höher zu bewertende dringende Wunsch eines Schwer- oder gar Todkranken, durch Transplantation geholfen zu bekommen, nicht als Rechtfertigung fragwürdiger Organbeschaffung dienen? Was man mit dem (nicht in dem Entwurf, aber andernorts in diesem Zusammenhang verwendeten) Argumentationsmuster:
„Erstens, die Leute wollen es, zweitens, verhindern kann man es sowieso nicht, drittens, sonst gehen sie ins Ausland“ noch alles begründen könnte, will ich hier gar nicht ausmalen. Das zur Zeit noch politisch korrekte kategorische Nein gegenüber dem Klonen von Menschen wird dann mit Sicherheit auch irgendwann einem „Klonen ja, aber in engen Grenzen“ weichen.
Die „deutliche Absage an jede Art eugenischer Selektion und Zielsetzung“ („eugenische Ziele dürfen mit der Präimplantationsdiagnostik nicht verfolgt werden“) ist wohl eher der Versuch eines moralischen Feigenblattes. Präimplantationsdiagnostik mit dem erklärten Ziel, den Embryo nur bei genetischem Normalbefund weiterleben zu lassen, ist eugenische Selektion. Das heißt, wir befinden uns nicht am Rande, sondern bereits mitten auf der schiefen Bahn, mit einem Neigungswinkel, der ein weiteres Abrutschen unausweichlich macht.
Die unbedingte Unverfügbarkeit des Menschen hat offensichtlich ausgedient; man hat eher den Eindruck, dass auf der Basis einer grundsätzlichen Verfügbarkeit die Nicht-Verfügbarkeit erst im Einzelfall begründet werden muss. So wird zeitgemäß konsenstheoretisch argumentiert: „deshalb muss die Gesellschaft im öffentlichen Diskurs entscheiden . . .“, „wenn die Gesellschaft die Präimplantationsdiagnostik mehrheitlich möchte . . .“ usw. Was ist eigentlich, wenn die Gesellschaft mehrheitlich die Positionen eines Peter Singer oder Dieter Birnbacher übernimmt und Geschlechtsselektion durch Abtreibung oder Tötung von Kindern bis zur Geburt und danach wünscht? Sollen wir auch aktive Euthanasie, Klonen von Menschen oder die Tötung Behinderter erlauben? Und unser Gewissen mit der entschuldigenden Feststellung „es gibt kein schuldfreies Arztsein“ (H. Hepp) beruhigen? Ich hoffe sehr, dass wir nicht noch einmal so weit kommen, die Einsicht in grundlegende Menschenrechte (deren Missachtung die Gesellschaft auch mehrheitlich nicht wollen darf) erst über die Erfahrung schlimmster Menschenrechtsverletzungen zurückgewinnen zu müssen.
Priv.-Doz. Dr. med. W. Wagner, Claudiusweg 21, 64285 Darmstadt
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