ArchivDeutsches Ärzteblatt17/2000Diskussionsentwurf zu einer Richtlinie der Bundes­ärzte­kammer - Präimplantationsdiagnostik: Auftakt des öffentlichen Diskurses: Orientierung verloren

DOKUMENTATION: Diskussion

Diskussionsentwurf zu einer Richtlinie der Bundes­ärzte­kammer - Präimplantationsdiagnostik: Auftakt des öffentlichen Diskurses: Orientierung verloren

Dtsch Arztebl 2000; 97(17): A-1130 / B-940 / C-884

Haasis, G.

Zu dem Diskussionsentwurf zu einer Richtlinie der Bundes­ärzte­kammer in Heft 9/2000 und den dazu erschienenen Berichten und Kommentaren in den Heften 9, 10, 14/2000
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LNSLNS Mehr noch als der eigentliche Diskussionsentwurf zu einer Richtlinie zur Präimplantationsdiagnostik (PGD) fordert das Vorwort dazu zu einer Stellungnahme heraus. Dem Leser stockt der Atem, wenn indirekt die Frage formuliert wird, ob es sich um eine Ausnahme vom Tötungsverbot handelt oder gar keine Tötung vorliegt. Wie anders soll man es denn nennen, wenn einem Lebewesen die Voraussetzungen zum Weiterleben entzogen beziehungsweise vorenthalten werden? Und wodurch sollte eine Ausnahme vom Verbot – für den Arzt insbesondere – zu töten begründet sein? Tatsächlich kann eine Ausnahme vom Tötungsverbot oder das Nichtvorliegen einer Tötung nur (an)erkennen, wer den Beginn menschlichen Lebens und damit seiner Schutzwürdigkeit entgegen wissenschaftlicher Erkenntnis nicht mit dem Zeitpunkt der Verschmelzung von Ei- und Samenzelle identisch sehen will. Eine Definition aber, wann denn das Leben dann beginnt, steht aus, dürfte heiß umstritten sein und birgt jede Menge Gefahren in sich. Der Konflikt der PGD mit dem Embryonenschutzgesetz (ESchG) wird auf das Verbot von Untersuchungen an Embryonen im Stadium zellulärer Totipotenz und das Verbot der fremdnützigen Verwendung von Embryonen reduziert. Dabei soll doch die PGD für Paare bereitstehen, „für deren Nachkommen ein hohes Risiko für eine bekannte und schwerwiegende, genetisch bedingte Erkrankung besteht“. Das heißt: Embryonen mit „Veränderung des Erbmaterials“, die zur Tötung anstehen, werden zwangsläufig auftreten, sie sind zwar nicht das Ziel der PGD, aber auch nicht „unerwünschte Nebenfolge oder ein Fehlschlag“, wie Prof. Hepp zitiert wird. Die PGD steht daher eindeutig im Widerspruch zum
ESchG § 1 Abs. l Nr. 2 und § 2 Abs. l. Auch eine Konfliktreduzierung durch PGD, indem nämlich „eine Entscheidung über einen eventuellen Abbruch einer fortgeschrittenen Schwangerschaft vermieden“ würde, kann ich nicht erkennen. Es ist derselbe Mensch, der getötet wird, freilich in einer anderen Phase seines Lebens. Seine Gestaltlosigkeit und die mögliche Vielzahl von Embryonen durch IVF täuschen nur eine Konfliktreduzierung vor!
Gänzlich der Nachvollziehbarkeit entzieht sich das Vorwort, wenn von einer „Absage an jede Art eugenischer Selektion und Zielsetzung“ die Rede ist, geht es doch gerade um die Feststellung veränderten Erbmaterials durch die PGD und anschließende Aussonderung menschlicher Individuen aufgrund dieser Veränderungen. Wenn voranstehend betont wird, die Bundes­ärzte­kammer orientiere sich an einem Menschenbild, das „von Respekt vor allen Menschen, einschließlich denen mit geistigen, seelischen und körperlichen Beeinträchtigungen, geprägt ist“, muss leider anhand der Unvereinbarkeit der PGD mit dieser Grundhaltung festgestellt werden, dass die Bundes­ärzte­kammer hier offenbar die Orientierung verloren hat. Mit Einführung der PGD aber wird zweifelsohne nach und nach der Respekt vor den Menschen mit derartigen Beeinträchtigungen verloren gehen. Eine weitere Formulierung hinterlässt den Eindruck von Orientierungslosigkeit und mich ratlos: Was nämlich soll „eine große Fähigkeit und Bereitschaft zu hinreichend konfliktarmen Lösungen“ sein und hervorbringen? Gibt es etwas zwischen dem elterlich-ärztlichen Entscheid über „leben dürfen“ oder „sterben müssen“?
Dr. med. G. Haasis, Max-Reger-Straße 40, 28209 Bremen
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