ArchivDeutsches Ärzteblatt17/2000Comicstrips: “Bei Donald fliesst niemals Blut“

VARIA: Feuilleton

Comicstrips: “Bei Donald fliesst niemals Blut“

Dtsch Arztebl 2000; 97(17): A-1155 / B-983 / C-923

Popp, Walter

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LNSLNS Die Themen Krankheit, Leiden und Tod werden in Comics nur selten aufgegriffen.

Gesundheit und Krankheit spielen in Comics nur eine untergeordnete Rolle. Gerade häufige Erkrankungen, wie Krebs, finden sich dort nur selten. Wilhelm Busch allerdings hat in seiner Bilder-Geschichte „Der neidische Handwerksbursch“ beeindruckend die Leiden des Übergewichtigen an einem akuten Gicht-
anfall („Zipperlein“) nach opulentem Mahl dargestellt. Krebserkrankungen werden erst in neueren amerikanischen Comicstrips thematisiert, so zum Beispiel in „Our cancer year“ von Harvey
Pekar, der die Geschichte seiner eigenen Lymphom-Erkrankung beschreibt. Auch Schwerhörigkeit, von der Millionen Menschen betroffen sind, spielt selten eine Rolle. Die extreme Schwerhörigkeit des zerstreuten Professor Bienlein in den Tim-und-Struppi-Folgen, die er selbst nicht zur Kenntnis nimmt
und die zu ständigen Missverständnissen führt, wird häufig als Stilmittel zur Erzeugung von Situationskomik eingesetzt.
Comic-Helden werden nicht älter
Zweifellos wollen Comics unterhalten; aus diesem Grund scheint eine Meidung von Themen wie Krankheit, Leiden und Tod grundsätzlich naheliegend. Das Fehlen von Krebserkrankungen in Comics bildet somit im Prinzip nur die Einstellung der heutigen jugendgeprägten Gesellschaft ab. Entsprechend ist auch der Alterungsprozess nicht Gegenstand von Comics: Comic-Helden werden nicht mit ihren Lesern älter. Erst neuere amerikanische Zeichner lassen erstmals die Helden altern. So werden in den Bildbänden „Friede auf Erden“ und „Kingdom Come“ von Alex Ross die inzwischen gealterten Superhelden (Superman, Batman, Wonder Woman) wieder aktiv, um den depravierten und zynischen Menschen ein Beispiel für Hoffnung und Frieden zu geben. Als äußeres Zeichen seines Alterungsprozesses muss Superman nun eine Brille tragen.
Psychiatrische Krankheiten und Persönlichkeitsstörungen sind häufig ein gestaltendes Element in Comicstrips. Das mag daran liegen, dass psychische Absonderlichkeiten weit verbreitet sind und von vielen Menschen tagtäglich an anderen erlebt werden. Darüber hinaus bieten sie die Möglichkeit, interessante Charaktere einzuführen, die zusätzlich zur Erheiterung beitragen. Ein gutes Beispiel für eine wesentliche Rolle der Psychiatrie im Comicstrip sind die „Peanuts“, in denen Lucy regelmäßig psychiatrische Ratschläge an ihrem Limonadenstand erteilt. Für jede Frage und jeden Ratschlag kassiert sie fünf Cent – eine einfache Gebührenordnung für ausschließliche Privatpatienten. Charlie Brown wird immer in seinen Neurosen bestätigt, Linus ist ohne seine Schmusedecke in der kalten, feindlichen Welt hoffnungslos verloren. Umberto Eco führt in seinem Essay „Die Welt von Charlie Brown“ (1984) aus, dass „wir in dem Verhalten der Kindergestalten die Nöte und Sorgen der Erwachsenen wiederfinden . . . Diese Kinder (. . .) sind die unheimlichen miniaturisierten Repräsentanten der Neurosen eines Bürgers der Industriekultur.“ Zum Hund Snoopy liefert Eco eine tiefere Interpretation: „Wenn es jemals so etwas wie eine gespaltene Persönlichkeit gegeben hat, dann Snoopy. Er wäre gern ein Alligator, ein Känguru, ein Geier, ein Pinguin, eine Schlange. . . Er probiert alle Wege der Mystifikation aus, schickt sich am Ende jedoch, aus Faulheit, aus Hunger, aus Müdigkeit oder Schüchternheit, aus Klaustrophobie (die ihn übermannt, sobald er durch hohes Gras streift) oder aus Feigheit, in die Wirklichkeit.“
„Schwarze Gedanken“
Zum Teil haben Autoren und Zeichner selbst unter psychiatrischen Krankheiten gelitten: So hatte Hergé eine schwere Depression bei der Arbeit an „Tim in Tibet“. Franquin – der Schöpfer des Marsupilami, von Gaston sowie Spirou und Fantasio – hatte über viele Jahre schwere Depressionen. Sicher nicht unabhängig davon ist seine Serie „Schwarze Gedanken“ zu sehen, in der sich – nur in Schwarz-Weiß dargestellt – ausschließlich albtraumartige Kurz-Strips finden. Art Spiegelman schließlich war in psychotherapeutischer Behandlung, als er über mehrere Jahre in „Maus“ die Geschichte seines Vaters im Warschauer Getto und in Auschwitz darstellte.
Das Gesundheitswesen wird relativ selten in Comics aufgegriffen. Krankenhausszenen beschränken sich im Allgemeinen auf sehr kurze Episoden, die als Aufhänger und Anfang neuer Episoden genutzt werden. Eine treffende Darstellung der morgendlichen Weck- und Waschrituale findet sich in dem
Werner-Comic „Wer sonst?“: Werner liegt im Krankenhaus und wird mitten in der Nacht durch die üblichen Verrichtungen des Personals in seinem Schlafwunsch gestört.
So kommt die Nachtschwester zum Waschritual, dann folgen Fiebermessen, die Bilanzierung der Ausscheidung, Frühstück, schließlich rattert noch die Bohnermaschine ins Zimmer. In dem Asterix-Band „Der Kampf der Häuptlinge“ wird treffend dargestellt, wie sich die Medizin
die Nachfrage selbst schafft: Obelix hat unter seinem Dicksein bisher nicht gelitten. Erst als ein Druide ihm seine körperliche Erscheinung als Makel lange genug erklärt, wird Obelix depressiv – woraufhin der Druide sofort die Behandlung der Gemütsstörung anbietet.
E. O. Plauen hat in seiner Bildfolge „Vater und Sohn“ die Vor- und Nachteile der Krankenrolle in wenigen Bildern dargestellt: Der Sohn, der über Kopfschmerzen klagt, wird von der Pflicht, zur Schule zu gehen, entbunden (Befreiung von den normalen sozialen Rollenverpflichtungen laut Parsons). Er darf im Bett bleiben, ihm wird vorgelesen. Er muss allerdings auch Arzneimittel einnehmen (Verpflichtung, gesund zu werden). Als er es jedoch an der Kooperation fehlen lässt und das Krankenbett als Schaukel missbraucht, nimmt ihm der Helfer – hier der Vater – die Krankenrolle weg, und der Sohn muss nun doch noch zur Schule.
Andererseits gibt es Comics, in denen Krankheit oder gar Körperschäden praktisch nicht dargestellt sind. So hat Erika Fuchs, die kongeniale deutsche Disney-Übersetzerin seit den 50er-Jahren, schon 1970 in der Zeitung „Eltern“ positiv vermerkt: „Bei Donald fließt niemals Blut.“ Ärzte in Disney-Comics tauchen selten, und wenn, dann in Gestalt des guten Hausarztes auf.
Zynischer Zeitgeist
Demgegenüber thematisieren die „Simpsons“ das Gesundheitswesen mit seinen (zur Zeit noch amerikatypischen) Spielarten und sogar seinen Finanzierungsproblemen nicht nur in geringem Umfang. Fragwürdige Blut-
spende-Praxen, Homers Bypass-Operation und Fragen der privaten Finanzierung von Operationen sind Gegenstand ganzer Comicfolgen. Zwei Ärztetypen sind fester Bestandteil der Folgen: einerseits der fachlich qualifizierte Hausarzt der Simpsons, andererseits der unfähige und fragwürdige Fernseharzt Dr. Nick Rivieras, über dessen formale Qualifikation allein schon Zweifel bestehen.
Die 100 Jahre alten Bildgeschichten von Wilhelm Busch und die Comicserie der „Simpsons“ stellen Antipoden dar: moralisierende Aufklärung bei Wilhelm Busch gegenüber zynischem Zeitgeist bei den Simpsons – auch in der Darstellung von Krankheiten und Gesundheitsstörungen. Busch stellt Strafen oftmals als körperliche Schäden dar – bis zum Tod der „Bösewichte“. Derart drastische Darstellungen von körperlicher Gewalt und Schädigung sind hundert Jahre später bei den Simpsons nicht mehr möglich – die „political correctness“ verbietet es. Auch eine moralisierende Aufklärung gibt es nicht mehr. Allgemeine Regeln der Moral, der Ethik, des Verhaltens sind viel schwieriger zu definieren. Die Simpsons schildern eine korrupte, desolate und teilweise unmenschliche Wirklichkeit – allerdings schildern sie unterhaltend und karikierend. Die zynische Darstellung dieser Wirklichkeit ist die Stärke der Simpsons. Damit deckt sich die Darstellung jedoch auch mit der Gefühlslage im Gesundheitswesen.
Priv.-Doz. Dr. med. Walter Popp


Eine längere (60 Seiten) Ausarbeitung zum Thema kann gegen Übersendung von 10 DM (Eigenkosten und Porto) angefordert werden bei: Dr. Walter Popp, Sundernholz 32, 45134 Essen.
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