ArchivDeutsches Ärzteblatt17/2000Pädagogik: Geprägt fürs Leben

VARIA: Bildung und Erziehung

Pädagogik: Geprägt fürs Leben

Dtsch Arztebl 2000; 97(17): A-1160 / B-988 / C-927

Driesen, Oliver

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LNSLNS Das Ringen um die „richtige“ Erziehung ist so alt wie die Weltgeschichte. Unentwegt streiten „konservative“ und „progressive“ Erzieher: Brauchen Kinder Führung oder Freiheit, Leistung oder Liebe, Tugend oder Toleranz? Oder sind das alles gar keine Widersprüche? Ein Besuch an zwei scheinbar ganz gegensätzlichen Erziehungs-Einrichtungen – einem Privatinternat und einer Freien Schule – macht nachdenklich: Zwischen beiden Enden des Spektrums gibt es auch Verbindendes. Beobachtungen beim Versuch, Heranwachsenden „das Beste“ mit auf den Lebensweg zu geben.

Gleich muss er explodieren. Der winzige, schwache Kondensator hängt als Testobjekt am Ende eines langen Kabels, und das wiederum haben Anja und ihre Mitschüler vorsichtshalber aus dem Naturwissenschaften-Raum heraus durchs Fenster verlegt und über den Schulzaun geworfen, um eine Sicherheitsdistanz zum Mini-Sprengsatz zu schaffen. Drei parallel geschaltete Akkumulatoren an ihrem Ende des Kabels lassen die Spannung steigen, das Voltmeter zeigt die kritische 30 – doch nichts passiert. Physik ist, wenn es nicht funktioniert, und Lehrer Harald Höflein rettet sich in einen Kalauer über Anleitungen zum Bombenbauen, die natürlich auf dem Lehrplan seiner alternativen Schule stünden.
In Wahrheit soll den 15- bis 16-Jährigen an der Freien Comenius Schule Darmstadt (FCS) an diesem Nachmittag vor Augen geführt werden, wie zu viel des Guten plötzlich in eine zerstörerische Entladung umschlagen kann. Symbolisch könnte das Experiment auch für die Frage stehen, wann ein Übermaß an pädagogischem Idealismus, gleich ob von „links“ oder „rechts“, in der kindlichen Entwicklung Verwüstungen anrichtet. Aber hier und
heute kommt es ja nicht
zum großen Knall, und Geschichtslehrer Höflein mischt sich als Gast beim Elektronikversuch gar nicht ein. Den leitet nämlich Johannes Heppenheimer, der Vater von
Anjas Mitschüler Heinrich. „Elternunterricht“ in Lernfeldern allgemeiner Lebenserfahrung oder besonderer Neigungen ist ein normaler Bestandteil an der FCS, aber bei weitem nicht das Ungewöhnlichste an diesem Haus, das die Freiheit im Namen führt. Gesunde lernen gemeinsam mit Behinderten; Eltern, Lehrer und Schüler kennen keine Hierarchien – man duzt sich, und wenn es etwas zu entscheiden gibt, was oft passiert, dann wird das ausdiskutiert an dieser Schule, die reformfreudige Eltern 1985 im rot-grünen Darmstadt gründeten.
Schnitt. Ortswechsel, die idyllische Kleinstadt Grünberg bei Gießen. In der
Bismarckstraße nahe dem schmucken Fachwerk-Ortskern stehen vier unauffällige Giebelhäuser – das Private Pädagogische Institut von Ulrich Lange. Der Pädagoge und seine Frau, selbst kinderlos, betreiben hier ein „Modellinternat“ im Kleinstformat. Ein Modell, so Lange, weil es die Frucht einer rund 20-jährigen Beschäftigung mit der Materie als Mitbegründer der „Zentralstelle für Internatsberatung“ ist.
Kinder brauchen
Grenzen
Statt Interessenten nur nach Eignung auf fremde Institute zu vermitteln, wollte Lange eines Tages seine Idealvorstellung von einer Erziehungseinrichtung selber in die Tat umsetzen. Heraus kam ein Internat, zu dessen Prämissen „Fordern statt Verwöhnen“ ebenso gehört wie „Kinder brauchen Grenzen“. Lange gilt bei seinen zurzeit nur fünf Zöglingen (ein Platz im Einzelzimmer kostet 38 400 Mark im Jahr) als unerbittlicher Aufpasser. So wird jede Form von Drogenkonsum strikt unterbunden; Raucher als „labile und suchtanfällige Persönlichkeiten“ nimmt der Leiter erst gar nicht auf. Über Strafen wird hier nicht diskutiert – sie werden verhängt.
Die Jungen im Alter um die 15 Jahre, der älteste ist 19, sitzen an diesem Nachmittag im Hausaufgabenraum, wobei sie von einer etwa gleichaltrigen Schülerin betreut werden. Alle gehen in öffentliche Schulen am Ort; die restliche Zeit ihres streng reglementierten Tages gehört Ulrich Lange und seinem minuziösen Lern- und Aktivitätenplan, zu dem besonders gern körperliche Beschäftigungen wie Kochen, Saubermachen oder Sport gehören. Die seltenste Zeit erleben die Schüler Müßiggang, denn laut Lange „will der Mensch im Grunde aktiv sein, etwas durch Mühen erreichen“. Daher ist dem Pädagogen jeder „leicht erreichbare Kick“ ein Gräuel, sind „Chips, Cola und Videos“ eine gefährliche Versuchung, die „aggressive Langeweile“ heraufbeschwört, welche wiederum letztlich zu Randale, Vandalismus oder anderem asozialen Verhalten führt. Anfällig seien seine Schützlinge allemal, hätten sie doch aus den verschiedensten Gründen in ihren Elternhäusern – die meisten sind Ärztesöhne – zu wenig Grenzen gesetzt bekommen. Verwöhnte Jungs mit Schulproblemen eben, und bisweilen „stinkfaul“.
Grenzen, zumindest Jahrgangsgrenzen, kennen Anja und Heinrich an der Freien Comenius Schule nicht. Beide sind in der „A-Gruppe“, altersübergreifend gebildet aus den Abgangsjahrgängen 9 und 10 in einem System, das weder Klassen noch Noten kennt. In vier jeweils altersgemischten Lernstufen durchlaufen insgesamt rund 140 Schülerinnen und Schüler als „Us“, „Ms“, „Os“ und „As“ die Schule – von der Einschulung bis zum Haupt- oder Realschulabschluss oder dem Übergang auf ein Gymnasium. Statt Zensuren gibt es ausführliche schriftliche Berichte über die Stärken und Schwächen. Der provokative Grundsatz „Lernwege gehen vor Lerninhalten“ gilt bis zur Abschlussprüfung, bei der dann die misstrauische Schulverwaltung die Abschlussjahrgänge der Alternativschule als „Externe“ examinieren lässt – und ihnen, so stöhnt man an der FCS, im Namen des Staates besonders gründlich auf den Zahn fühlt. Abgangsschülerin Anja als Quereinsteigerin – sie kam von einer staatlichen Schule, auf der sie sich „menschlich nicht wahrgenommen“ fühlte, hat den „Vorteil“, den gesellschaftlich normierten Leistungsdruck noch in Erinnerung zu haben. „Ich hatte dort die totale Prüfungsangst. Hier dagegen wurde ich als Person anerkannt. Hier muss niemand Markenklamotten tragen, rauchen oder Alkohol trinken, um sich gut zu fühlen und anerkannt zu werden.“
Genörgel und Debattieren
Eine Bewertung, die aufhorchen lässt. Denn der tiefe Wunsch, sich nicht an den durchaus fragwürdigen Normen einer vulgären, uniformen und opportunistischen Konsumgesellschaft ausrichten zu lassen, vereint offenbar die Verfechter der Freien Schule unbekannterweise mit denen des Grünberger Privatinternats. Und das ist nicht die einzige Übereinstimmung in den so gegensätzlichen Konzeptionen beider Seiten. In Grünberg geben die meisten Jungen eher widerwillig zu, seit ihrem Eintritt ins Modellinternat auf der Schule besser geworden zu sein. Für Ulrich Lange nicht nur ein Beleg, dass sich Engagement lohnt, sondern dass es sich auch auszahlt, „Freizeitgestaltung nicht als Bonbon-Pädagogik“ zu betreiben. Meint: Hier werden auch nach Schulschluss die traditionellen Sekundärtugenden eingeübt, die dem Leben ein Gerüst und damit Halt geben. „Mich wundert, dass er mich dazu gebracht hat, jedesmal die Tür zu schließen – da reicht ein tiefer Blick“, sagt halb anerkennend der 19-jährige Matthias über „Uli“, den Chef. Und der findet: Wenn dabei in den Heranwachsenden auch die „Frustrationstoleranz“ wächst – um so besser für ihre Widerstandsfähigkeit. „Die Jungen dürfen ruhig über all das nörgeln“, lautet einer der durchaus nicht politically correct klingenden Sätze Langes, „weil sie später erkennen werden, dass es ihnen etwas gebracht hat“.
Das ewige Genörgel und Debattieren. In beiden Häusern können sie davon ein leidvolles Lied singen. Da sind sie sich nämlich gleich, wenn auch unter grundverschiedenen Vorzeichen. An der FCS, der alternativen Schule, gehört die Debatte zum Leben wie das Atemholen. Was gibt es nicht alles für „Kreise“, in denen es die
Meinung zu sagen oder die
Befindlichkeit auszudrücken gilt: Gruppenrat, Morgenkreis, Monatskreis, Zeigekreis, Loswerde-Runden, in denen „Erzählsteine“ herumgereicht werden, um den jeweiligen Sprecher zu animieren. Gar nicht zu reden von den ständigen Elterntreffen, bei denen mitgeplant und organisiert werden muss, weil sonst der Laden nicht läuft. Kinder lernen in solchen Zirkeln schon von klein auf, als turnusmäßiger „Präsident“ Verantwortung zu übernehmen, zu agitieren, abzustimmen oder sich einfach keck selbst darzustellen. Allerdings: Die viele Basisdemokratie sei oft ziemlich entnervend, findet Anja: „Manchmal stimmen wir ab, ob wir mit zwei oder mit drei Stimmen abstimmen.“
Die Kraft
der Pubertät
Das Problem stellt sich den Grünberger Internatsschülern so nicht. Hier sei es eher so, sagt einer, „dass der Uli uns platt argumentiert, wenn wir mal Kritik äußern, bis man nicht mehr weiß, was man eigentlich wollte“. Lange dagegen sieht sich in einem ständigen Kampf um die Grenzen, die er den Kindern nun mal setzen müsse. Dabei würden durchaus auch Kompromisse gemacht, und der Weg dahin sei für beide Seiten immer wieder aufreibend. Seine Alternative zu einem Übermaß an Debatte verdeutlicht Ulrich Lange gerne an dem Beispiel vom Vater, der im Restaurant seinem herumtobenden Sohn immer nur zaghaft drohe, aber nicht wirklich durchgreife: „Bei uns bliebe das Kind das nächste Mal eben zu Hause.“ Die von ihm erzogenen Kinder würden bei Regelverstößen untereinander oft sogar früher und schärfer intervenieren, als er selber das tue, hat der Internatsleiter beobachtet. Eine Feststellung, die Lehrer Harald Höflein an der Freien Schule in Darmstadt fast wortgleich macht – wo sich die „freien“ Eltern, Lehrer und Schüler in „freier“ Entscheidung ganz ähnlich verbindliche Sanktions-Regeln gegeben haben. Beispiel: Wer auf dem Schulhof Fahrrad fährt, muss den Hof fegen. Die Gemeinschaft schaut genau darauf, dass es auch geschieht.
Von allen Dingen, die Kinder beim Heranwachsen irritieren und sie anfällig machen für Ausbruchsversuche aus der Welt ihrer Lehrer, ist die Pubertät die stärkste Kraft. Mit deren Wirren haben beide Modelle zu kämpfen; sie tun es auf ganz unterschiedliche Art. „Man kann das nicht als Unterrichtsthema verordnen“, sagt FCS-Lehrer Harald Höflein, „aber im persönlichen Gespräch mit den Schülern kommt vieles von selbst auf den Tisch, wenn man ihnen Gelegenheit gibt.“ Wobei sich die Schülerinnen naturgemäß lieber an Höfleins Kolleginnen wenden – das Prinzip des „Teamteachings“ hilft dabei: Idealtypisch betreuen je ein Mann und eine Frau die Lerngruppen pädagogisch, was nebenbei zu äußerst seltenem Unterrichtsausfall führt.
Das Geheimnis des schulischen Eifers
Natürlich sind auch Besuche des anderen Geschlechts auf den Zimmern tabu. So müssen sich die Jungs damit begnügen, dass an vielen Wänden großformatige Porträtfotos früherer Internatsbewohnerinnen hängen, vom Chef liebevoll fotografiert. Die Jungen dagegen, sagt Lange, hätten sich alle geweigert, sich ablichten zu lassen. Wer wollte es bei alledem einem der Grünberger Internatsbewohner verübeln, wenn er das Geheimnis seines neu entfachten schulischen Eifers in den Satz fasst: „Mein Motiv dafür ist, hier wieder rauszu-kommen.“ Und auf der anderen Seite? Anjas Bruder hat die Freie Comenius Schule vorzeitig verlassen. „Für den gab es hier zu viel Freiheit und Eigenverantwortung, der ist jetzt auf einem staatlichen Gymnasium und geht da voll auf.“ Es komme eben ganz auf den Typ an. Oliver Driesen
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