ArchivDeutsches Ärzteblatt17/2000Sexualerziehung: Wer zuerst kommt

VARIA: Bildung und Erziehung

Sexualerziehung: Wer zuerst kommt

Dtsch Arztebl 2000; 97(17): A-1164 / B-991 / C-930

Driesen, Oliver

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LNSLNS Zwölfjährige, die Neunjährige über Liebesspiel, Zeugung und Geburt aufklären? An der Gesamtschule im rheinischen Hennef hat dieses gewagte Experiment funktioniert – so gut, dass das selbst geschriebene Aufklärungs-Theaterstück der Schüler per Video und Begleitheft nun in ganz Nordrhein-Westfalen als neues Unterrichtsmedium für den Sexualkundeunterricht bereitgestellt wird.

Kinder machen ist ganz einfach. Man setze sich eine Kochmütze auf, schlage ein Ei in einen Topf, schütte einen guten Schuss Samenzellen aus der Flasche hinein, rühre mit dem Schneebesen um und warte neun Monate. An dieser Stelle bricht das Stück der Siebtklässler erst einmal abrupt ab, denn aufs Stichwort stürzen zwei gleichaltrige Zuschauerinnen empört auf die Bühne und wollen dem Theaterdirektor wegen Publikumsverdummung ans Leder. Der entschuldigt sich für die „Verwechslung von zwei Theaterstücken“ und kündigt an, nun aber werde man das Wunder des Lebens zeigen, wie es wirklich entsteht. Und das, vom ersten Rendezvous im Park über das Liebesspiel unter der Bettdecke bis zum langen Marsch der Spermien zur Eizelle, wird dann auch eindrucksvoll geboten. Der Hennefer Lehrer Hans-Georg Dahlberg suchte für das schwierige Thema Sexualität einen neuen Zugang speziell für sehr junge Zuschauer, die durch ungefilterte, ungeprüfte Informationen aus allen möglichen Medien verwirrt werden. Dahlberg wollte mit sachlich korrekter, aber zugleich auch lustiger Präsentation dagegenhalten: „Kinder wollen ja einfach auch was zu lachen haben.“ Und so wurde er als Leiter der Theater-AG zum Regisseur in Sachen Aufklärung. Das Schicksal des Stücks legte er von Anfang an vertrauensvoll in die Hände der 20 Kinder – darunter nur ein Junge –, die sich auf die Ausschreibung meldeten. Alle Dialoge des Stücks „Happy Birthday – ein Mensch entsteht“ schrieben die Siebtklässler selbst. Dabei verarbeiteten sie auf zum Teil höchst einfallsreiche Weise die Fachinformationen, die ihnen zuvor eine Spezialistin gab: die Malteser-Ärztin Dr. Ursula Sottong. Ihre konventionellen Aufklärungs-Materialien und die geduldigen Antworten auf alle Fachfragen verwandelten die Kinder in ein karges, aber
ausdrucksvolles Bühnenbild
nebst Tanz-Action, angeklebten Spermien-Schwänzen und einem Raketenstart-Countdown vor dem Samenerguss.
Tanz vor der
Befruchtung
An dieser Stelle lieh die Truppe großzügig bei Woody Allens „Was Sie schon immer über Sex wissen wollten“, doch Dahlberg bremste seinen eigenen Perfektionismus und ließ seine Jung-Schauspieler an der ganz langen Leine agieren. Die Folge: Ein Dutzend Samenzellen-Darsteller in T-Shirts mit X oder Y auf der Brust tanzen vor der Befruchtung schon mal im Eileiter Bailando, einen in der Hennefer Diskothek gerade aktuellen Ohrwurm. Erstaunlich jedoch, dass bei allem Spektakel die biologischen Informationen auf einem Niveau transportiert werden, das selbst Erwachsene noch lernen lässt – etwa, dass die Spermien im Zervixschleim bestimmte Zucker als Kraftquelle finden, um die lange Wanderung zum Ei durchzustehen. Die einschlägige Dialogzeile: „Wir folgen einfach der Zuckerspur! – Du denkst aber auch nur ans Essen!“
Keine Chance für Peinlichkeit
Irritationen, die unter Eltern oder Aufsichtsbehörden durch die Darstellung körperlicher Liebe hätten ausgelöst werden können, vermieden die Projektleiter Dahlberg und Suttong schon im Ansatz. „Niemand braucht zu spielen, was er nicht will“, gab der Regisseur als Parole aus – und so findet der Sex ganz keusch unter einem Laken statt. Nach vorheriger kirchlicher Trauung übrigens, die auf den Einwand eines Kindes in das Skript eingefügt wurde. Wenn auch zwischen Junge und Mädchen im Bett keinerlei Stress aufkommt, die Spermien in der Gebärmutter erleben ihn dafür umso dramatischer: „Wer zuerst kommt, den belohnt das Leben“, ruft die schnelle Y-Samenzelle der X-Konkurrentin zu. Und das Gelächter aller Zuschauer gibt Peinlichkeit keine Chance.
Das professionell produzierte Videoband der Aufführung zusammen mit einer Dokumentation der Entstehung, Interviews mit den Protagonisten und einem didaktischen Begleitheft ist vom Malteser Hilfsdienst als neues Medium zur Sexualerziehung in Nordrhein-Westfalen herausgebracht worden. Denn Dahlberg und Suttong wollen auch andere Schulklassen und ihre Lehrer ermuntern, den Staub von den Sexualkunde-Büchern zu fegen und neue Wege dabei zu gehen, sich angstfrei und lustvoll auf eines der wichtigsten Themen im Leben vorzubereiten.
Kontaktadresse: Malteser Hilfsdienst, Generalsekretariat, Kalker Hauptstraße 22-24, 51103 Köln, Telefon: 02 21/ 98 22-01. Oliver Driesen
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