ArchivDeutsches Ärzteblatt18/2000Stasi: Unrühmliches Kapitel

SPEKTRUM: Leserbriefe

Stasi: Unrühmliches Kapitel

Dtsch Arztebl 2000; 97(18): A-1182 / B-1007 / C-943

Kern, Alexander

Zu dem Beitrag „Stasi nahm Gefährdung von Menschen in Kauf“ von Sabine Rieser in Heft 13/2000:
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LNSLNS Ihr kurzer Bericht streift ein weiteres unrühmliches Kapitel deutscher Geschichte, nämlich das der vorsätzlichen Gesundheitsgefährdung durch staatliche Stellen nach Ende des Dritten Reiches.
Allerdings bleiben Sie, wie in den letzten zehn Jahren wiederholt geschehen, an Tagesereignissen stehen, da diese schon als schlimm genug erscheinen mögen. Tatsächlich war die Realität erheblich schlimmer:
Von etwa 1978 bis 1989 nutzten Stasimitarbeiter russische Militärtechnik (Typ GCS 7.021) an sämtlichen DDR-Grenzkontrollstellen zur Durchleuchtung der im Transit reisenden PKW und LKW samt Insassen mittels eines Gammastrahlers. Diese Methode wurde unbehelligt vor und nach dem Tschernobyl-Gau durchgeführt. Die Anwendung erfolgte gegenüber allen im zollkontrollbefreiten Verkehr reisenden Menschen, das heißt gegenüber etwa 15 Millionen Menschen in jedem Jahr, rund um die Uhr. Die Strahlenbelastung für den einzelnen Menschen in den Fahrzeugen wurde nach nicht eindeutiger Quelle zuordenbarem Bekanntwerden der Kontrollpraxis abgeschätzt. Die Abschätzung der Strahlenbelastung der gegen Bundes- wie auch DDR-Recht verstoßenden Maßnahmen zur Sicherung der „Staatsgrenze West“ basierte auf theoretischen, anfangs widersprüchlich erscheinenden Täterangaben.
Da die Apparaturen erst auf Militärgelände, dann unbekannt gelagert wurden, kein politischer Wille zur Prüfung von Reliabilität und Reproduzierbarkeit der Täterangaben existierte, entfielen genaue Ermittlungen am Objekt und vor Ort. Ein Testaufbau, zum Beispiel durch Bundesbehörden, unterblieb.
Insbesondere aber unterblieben genaue Ermittlungen, da die Staatsanwaltschaft II in Berlin damals, von Gutachten (alle Grundlagen auf Täterwissen basierend, kei-
ne nachvollziehbare Kenntnis vom realen technischen Stand vor Ort) ausgehend, keinen Anhalt für eine Körperverletzung sah. Damit fehlte juristisch eine Grundlage für weitere Ermittlungen. Zuletzt bezog sich die Staatsanwaltschaft II auf Verjährung und nicht mehr aufzufindende Tatwerkzeuge als Hindernis sinnvoller Ermittlungen, sie wurde Ende 1999 aufgelöst.
Dieser Teil deutscher Nachkriegsgeschichte wurde politisch ungeschehen gemacht. Sich fotogen vor Castor-Transporter zu werfen passt eben mehr ins aktuelle Weltbild.
Alexander Kern, Mainauer Straße 3, 12161 Berlin
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