ArchivDeutsches Ärzteblatt44/2022Inzidenz von SARS-CoV-2 bei unterschiedlichen Hygienevorschriften in den Karnevalsphasen 2021 und 2022
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Das erste „superspreading event“ der COVID-19-Pandemie in Deutschland war eine Karnevalssitzung im Landkreis Heinsberg (1). Zusammenkünfte großer Menschenmengen im Rahmen von Karnevalsveranstaltungen waren bereits bei anderen viralen Atemwegserkrankungen mit einer Zunahme von Krankheitsfällen assoziiert (2). Im Verlauf der COVID-19-Pandemie wurde die Vertretbarkeit größerer Karnevalsveranstaltungen kontrovers diskutiert. Durch eine hohe SARS-CoV-2-Inzidenz kann eine unmittelbare Belastung des Gesundheitswesens durch (intensiv-)medizinisch zu behandelnde Patientinnen und Patienten mit COVID-19 entstehen.

Zusätzlich kann es durch Infektionen und Isolations-/Quarantäneverpflichtungen der Beschäftigten mittelbar zur Belastung des Gesundheitswesens und der sonstigen kritischen Infrastruktur kommen.

Ziel dieser Arbeit war, die SARS-CoV-2-Inzidenz in der Karnevalshochburg Köln und den Vergleichsregionen von Nordrhein-Westfalen (NRW) und der Bundesrepublik Deutschland (BRD) über die Karnevalssaison 2021 und 2022 zu analysieren.

Im Jahr 2021 waren aufgrund von Lockdown-Maßnahmen die Karnevalsaktivitäten stark eingeschränkt. 2022 konnten sie aufgrund der Regelung einer sogenannten Brauchtumszone (Feiern in der Innengastronomie für vollständig Geimpfte mit tagesaktuellem negativen Testnachweis ohne Maskenpflicht) mit deutlich geringeren Einschränkungen stattfinden.

Methoden

Analysiert wurde die 7-Tage-Inzidenz (Neuinfektionen innerhalb von 7 Tagen je 100 000 Einwohner) von SARS-CoV-2. Für Köln und NRW wurden diese Daten vom Landeszentrum Gesundheit NRW, für die BRD vom Robert Koch-Institut bezogen. Als Beginn des Auswertungszeitraums der Karnevalssaison 2022 wurde der 01.12.2021 gewählt. Dieser Zeitpunkt entspricht dem Beginn der Verbreitung der Omikron-Variante von SARS-CoV-2. Als Endzeitpunkt wurde der 30.04.2022 festgelegt. Dieser Zeitpunkt lag zwei Monate nach Ende des Straßenkarnevals. Der Vergleichszeitraum für die Saison 2021 wurde analog dazu von 01.12.2020 bis 30.04.2021 definiert.

Ergebnisse

Im Dezember 2021 lagen die 7-Tage-Inzidenzen in Köln und bundesweit bei um die 450 Neuinfizierten/100 000 Einwohner, im Landesdurchschnitt NRW waren sie mit circa 300 Neuinfizierten/100 000 Einwohner niedriger (Grafik 1).

7-Tage-Inzidenzen von SARS-CoV-2 in Köln, Nordrhein-Westfalen (NRW) und bundesweit (BRD) in der Karnevalssaison 2022
Grafik 1
7-Tage-Inzidenzen von SARS-CoV-2 in Köln, Nordrhein-Westfalen (NRW) und bundesweit (BRD) in der Karnevalssaison 2022

Von Ende Dezember 2021 bis Mitte Februar 2022 stiegen die 7-Tage-Inzidenzen kontinuierlich an auf

  • 1 863 in Köln
  • 1 723 in NRW
  • 1 474 in BRD.

Nach einem Inzidenzrückgang in allen Regionen stieg im Anschluss an den Straßenkarneval (Weiberfastnacht, 24.02.2022, bis Karnevalsdienstag, 01.03.2022) in Köln die 7-Tage-Inzidenz massiv bis auf 2 970, während sie im gesamten Bundesland NRW und im Bundesgebiet nur leicht zunahm (NRW 1 635, BRD 1 758).

Nach dem Höhepunkt am 09.03.2022 sank die 7-Tage-Inzidenz in Köln rasch wieder ab. Einen Monat nach Karnevalsende war in Köln noch eine 7-Tage-Inzidenz von 1 103, und damit eine geringere Inzidenz als im Landes- und Bundesdurchschnitt, zu verzeichnen. Im weiteren Verlauf gingen die Zahlen weiter zurück mit einer 7-Tage-Inzidenz von 467 (Köln), 611 (NRW) und 640 (BRD) zum Ende des Beobachtungszeitraums am 30.04.2022.

In der Saison 2021 lagen die Inzidenzen flächendeckend deutlich niedriger mit Werten um 80 Anfang Februar 2021. Im Anschluss an den Straßenkarneval (11.02. bis 16.02.2021) zeigte sich weder in Köln, noch in NRW oder der gesamten BRD ein relevanter Anstieg der SARS-CoV-2-Inzidenz (Grafik 2). Von Mitte März an stieg die Inzidenz durch die Verbreitung der infektiöseren Alpha-Variante bundesweit an.

7-Tage-Inzidenzen von SARS-CoV-2 in Köln, Nordrhein-Westfalen (NRW) und bundesweit (BRD) in der Karnevalssaison 2021
Grafik 2
7-Tage-Inzidenzen von SARS-CoV-2 in Köln, Nordrhein-Westfalen (NRW) und bundesweit (BRD) in der Karnevalssaison 2021

Diskussion

Der sprunghafte Anstieg der Infektionszahlen nach dem Straßenkarneval 2022 in Köln, nicht aber landes- und bundesweit, lässt vermuten, dass die Karnevalsfestivitäten einen maßgeblichen Einfluss auf die Infektionszahlen in der vom Karneval geprägten Stadt Köln hatten. Neben einer vermehrten Übertragung des Virus durch Menschenansammlungen mögen auch anlässlich der Teilnahme an Karnevalsfestivitäten zusätzlich durchgeführte Testungen auf SARS-CoV-2 zu der hohen Zahl beigetragen haben. Es ist jedoch nicht zu erwarten, dass eine gegenüber den Vergleichsregionen höhere Testdichte überwiegend für den Anstieg der registrierten Infektionen verantwortlich war.

Im Zuge des Straßenkarnevals 2021, als Karnevalsfeiern stärker eingeschränkt waren als 2022, wurde in Köln hingegen kein relevanter Anstieg der SARS-CoV-2-Inzidenz gemessen. Bereits 2020 ging in Spanien eine wetterbedingte Absage des Karnevals mit niedrigeren SARS-CoV-2-Inzidenzen gegenüber einer Vergleichsregion mit Karnevalsaktivitäten einher (3).

Unsere Daten zeigen, dass der Karneval als Beispiel einer Serie von Veranstaltungen, bei denen große Menschenmengen in dichten Kontakt zueinander geraten, und durch eine ausgelassene Stimmung mutmaßlich auch die Einhaltung von Maßnahmen, die vor einer viralen Atemwegsinfektion schützen, weniger konsequent beachtet wird, mit einem deutlichen Anstieg der SARS-CoV-2-Inzidenz einhergehen kann.

Neben der dadurch verursachten Krankheitslast in der Bevölkerung führen diese Infektionen aufgrund von Krankheitssymptomen und/oder einer Isolationsverpflichtung zu einem bedeutenden Personalausfall unter anderem im Gesundheitswesen und in anderen Bereichen der kritischen Infrastruktur. In Köln waren in mehreren Kliniken sowie in Behörden und Organisationen mit Sicherheitsaufgaben hohe durch SARS-CoV-2-bedingte Abwesenheitsquoten zu verzeichnen. Dies hatte teilweise eine Minderung der Leistungsfähigkeit dieser Institutionen zur Folge (4, 5).

Auch wenn sie methodenbedingt eine Assoziation aufzeigt und keine Kausalität nachweist, macht diese Arbeit deutlich, dass Massenveranstaltungen in Phasen hoher Prävalenzen kontagiöser Erkrankungen Einrichtungen des Gesundheitswesens und der kritischen Infrastruktur dem Risiko einer Belastung durch hohe Personalausfälle aussetzen können. Diese mittelbare Belastung des Gesundheitswesens sollte bei politischen Entscheidungen über Infektionsbekämpfungsstrategien mitbedacht werden.

Hendrik Drinhaus, Dominique Hart, Bernd W. Böttiger, Wolfgang A. Wetsch

Universität zu Köln, Medizinische Fakultät und Uniklinik Köln, Klinik für Anästhesiologie und Operative Intensivmedizin, Köln (Drinhaus, Hart, Böttiger, Wetsch)

hendrik.drinhaus@uk-koeln.de

Interessenkonflikt

Prof. Böttiger bekam Zuwendungen für Präsentationen/Vortäge oder Fortbildungsveranstaltungen sowie Reisekostenunterstützung von MWR Medizinisch Wissenschaftliche Verlagsgesellschaft, Deutschlandfunk, Novartis, C. R. Bard GmbH, Bard Ltd., Forum für medizinische Fortbildung (FomF), Lücke Kongress, Philips GmbH, Deutscher Ärzteverlag, Bioscience Valuation BSV, Westdeutscher Rundfunk mekontor, Akademie für Ärztliche Fortbildung - Ärzteakademie c/o Asklepios Klinik, Springer Medien Verlag, C.T.I. GmbH, Zoll Medical Deutschland, Mhoch2 TV Produktionsgesellschaft, Baxalta Deutschland, GS Elektromedizinische Geräte G. Stempl. Er ist Mitglied bei ERG, DRK, GRC, DIVI und Mitherausgeber verschiedener medizinischer Fachzeitschriften.

Die übrigen Autoren erklären, dass kein Interessenkonflikt besteht.

Manuskriptdaten
eingereicht: 07.07.2022, revidierte Fassung angenommen: 23.09.2022

Zitierweise
Drinhaus H, Hart D, Böttiger BW, Wetsch WA: The incidence of SARS-CoV-2 with different hygiene regulations during the carnival periods in 2021 and 2022. Dtsch Arztebl Int 2022; 119: online first. DOI: 10.3238/arztebl.m2022.0341

Dieser Beitrag erschien online am 07.10.2022 (online first) unter www.aerzteblatt.de

►Die englische Version des Artikels ist online abrufbar unter:
www.aerzteblatt-international.de

1.
Wessendorf L, Richter E, Schulte B, et al.: Dynamics, outcomes and prerequisites of the first SARS-CoV-2 superspreading event in Germany in February 2020: a cross-sectional epidemiological study. BMJ Open 2022; 12: e059809 CrossRef MEDLINE PubMed Central
2.
LUMC-COVID-19 Research Group, Chen Q, Toorop MMA, et al.: Why crowding matters in the time of COVID-19 pandemic?—a lesson from the carnival effect on the 2017/2018 influenza epidemic in the Netherlands. BMC Public Health 2020; 20: 1516 CrossRef MEDLINE PubMed Central
3.
Tomaino L, Pinilla J, Rodríguez-Mireles S, et al.: Impact of sandstorm and carnival celebrations on SARS-CoV-2 spreading in Tenerife and Gran Canaria (Canary Islands, Spain). Gac Sanit 2021; 35: 565–8 CrossRef MEDLINE
4.
Kölnische Rundschau: Knapp 700 Mitarbeiter infiziert Corona gefährdet Betrieb der Kölner Uniklinik. 07.03.2022. www.rundschau-online.de/region/koeln/knapp-700-mitarbeiter-infiziert-corona-gefaehrdet-betrieb-der-koelner-uniklinik-39520952 (last accessed on 5 July 2022).
5.
Deutschlandfunk: Nach Karneval: viele Coronafälle in Köln, kritische Infrastruktur betroffen. 09.03.2022. www.deutschlandfunk.de/nach-karneval-viele-coronafaelle-in-koeln-kritische-infrastruktur-betroffen-dlf-ede990b6-100.html (last accessed on 5 July 2022).
7-Tage-Inzidenzen von SARS-CoV-2 in Köln, Nordrhein-Westfalen (NRW) und bundesweit (BRD) in der Karnevalssaison 2022
Grafik 1
7-Tage-Inzidenzen von SARS-CoV-2 in Köln, Nordrhein-Westfalen (NRW) und bundesweit (BRD) in der Karnevalssaison 2022
7-Tage-Inzidenzen von SARS-CoV-2 in Köln, Nordrhein-Westfalen (NRW) und bundesweit (BRD) in der Karnevalssaison 2021
Grafik 2
7-Tage-Inzidenzen von SARS-CoV-2 in Köln, Nordrhein-Westfalen (NRW) und bundesweit (BRD) in der Karnevalssaison 2021
1.Wessendorf L, Richter E, Schulte B, et al.: Dynamics, outcomes and prerequisites of the first SARS-CoV-2 superspreading event in Germany in February 2020: a cross-sectional epidemiological study. BMJ Open 2022; 12: e059809 CrossRef MEDLINE PubMed Central
2.LUMC-COVID-19 Research Group, Chen Q, Toorop MMA, et al.: Why crowding matters in the time of COVID-19 pandemic?—a lesson from the carnival effect on the 2017/2018 influenza epidemic in the Netherlands. BMC Public Health 2020; 20: 1516 CrossRef MEDLINE PubMed Central
3.Tomaino L, Pinilla J, Rodríguez-Mireles S, et al.: Impact of sandstorm and carnival celebrations on SARS-CoV-2 spreading in Tenerife and Gran Canaria (Canary Islands, Spain). Gac Sanit 2021; 35: 565–8 CrossRef MEDLINE
4.Kölnische Rundschau: Knapp 700 Mitarbeiter infiziert Corona gefährdet Betrieb der Kölner Uniklinik. 07.03.2022. www.rundschau-online.de/region/koeln/knapp-700-mitarbeiter-infiziert-corona-gefaehrdet-betrieb-der-koelner-uniklinik-39520952 (last accessed on 5 July 2022).
5.Deutschlandfunk: Nach Karneval: viele Coronafälle in Köln, kritische Infrastruktur betroffen. 09.03.2022. www.deutschlandfunk.de/nach-karneval-viele-coronafaelle-in-koeln-kritische-infrastruktur-betroffen-dlf-ede990b6-100.html (last accessed on 5 July 2022).

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