ArchivDeutsches Ärzteblatt41/2022Post-COVID-Syndrom: Ein Syndrom mit vielen Facetten

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Post-COVID-Syndrom: Ein Syndrom mit vielen Facetten

Schulze, Anne-Kristin

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Die Bundesärztekammer hat sich in einer Stellungnahme ausführlich mit dem Post-COVID-Syndrom auseinandergesetzt. Herausgekommen ist ein Dokument, das sowohl die medizinischen Herausforderungen als auch die Probleme in der Versorgung beleuchtet.

Ein Post-COVID-Syndrom (PCS) liegt laut Definition der Weltgesundheitsorganisation vor, wenn drei Monate nach einer SARS-CoV-2-Infektion Symptome vorliegen, die nicht durch andere Diagnosen erklärbar sind. Sie sollten zudem über einen Zeitraum von zwei Monaten bestehen. Zu den Symptomen zählen unter anderem Fatigue, Dyspnoe oder kognitive Störungen. Sie beeinflussen das Alltagsleben der Betroffenen mitunter erheblich. Die Beschwerden können persistieren, rezidivieren oder fluktuieren. Aktuellen Schätzungen zufolge könnten bis zu 15 Prozent der mit SARS-CoV-2 Infizierten ein PCS entwickeln. Für Deutschland bedeutet dies etwa mehrere Hunderttausend Betroffene.

Von allen Seiten beleuchten

Daher erscheint es umso wichtiger, das PCS verstärkt in den Fokus zu nehmen − nicht zuletzt um die Patientinnen und Patienten optimal versorgen zu können. Mit ihrer Stellungnahme gibt die Bundesärztekammer (BÄK) Ärztinnen und Ärzten nun nicht nur einen umfassenden Überblick zu bisher bekannten medizinisch-wissenschaftlichen Erkenntnissen etwa hinsichtlich Pathogenese oder Therapie an die Hand. Sie weist darüber hinaus auch auf notwendige Veränderungen in Versorgungsstrukturen oder auf erforderliche Forschungsschwerpunkte hin.

Das Papier beruht zum einen auf einem strukturierten, methodischen Reviewprozess mit einer systematischen Literaturrecherche durch den Wissenschaftlichen Beirat der BÄK, der die aktuellen medizinisch-wissenschaftlichen Erkenntnisse zusammenfasst. Zum anderen haben Expertinnen und Experten in mehreren Beratungsrunden ihr Wissen über das PCS eingebracht. Letztlich flossen in die Analyse mehrere Hundert Veröffentlichungen zum Thema an.

Basierend auf dieser Grundlage werden beispielsweise die bisher bekannten Erkenntnisse zu Ursache und Pathogenese des PCS ausführlich dargestellt. Dazu zählen unter anderem die Fähigkeit von SARS-CoV-2, verschiedenste Zellen zu infizieren, das Auslösen einer endothelialen Dysfunktion, die Entstehung von Autoantikörpern oder anhaltende Entzündungsprozesse. Ein weiterer Fokus liegt auf dem sehr bunten Erscheinungsbild. Das bietet vielfältige Symptome, die verschiedenste Organe beziehungsweise Organsysteme betreffen können. Wie die Beschwerden aussehen und welche morphologischen Korrelate vorliegen können, werden Organ(system) für Organ(system) wie Lunge, kardiovaskuläres System, Haut, Psyche oder Gehirn abgebildet.

Da hinsichtlich der Ursachen des PCS das letzte Wort bislang noch nicht gesprochen ist, gibt es derzeit auch keine kausale Therapie. Aktuell wird vor allem symptomorientiert behandelt. Um die Betroffenen möglichst optimal betreuen zu können, ist ein interdisziplinäres Vorgehen notwendig. Dafür sollten die bestehenden Versorgungsstrukturen genutzt beziehungsweise ausgebaut werden, zum Beispiel durch die Gründung sogenannter Post-COVID-19-Zentren, einige solcher Zentren existieren bereits. Außerdem muss die Forschung rund um das PCS gestärkt werden.

Doch das PCS belastet nicht nur die Betroffenen. Laut Stellungnahme sind die sozialmedizinischen und wirtschaftlichen Folgen noch nicht zu überblicken. Sie werden aber vermutlich von erheblichem Ausmaß sein. Dazu tragen zum Beispiel Arbeitsunfähigkeit, Ausfälle oder Fehlzeiten in der Schule oder während der Ausbildung ebenso wie Berufsunfähigkeit, Produktivitäts- und Arbeitsplatzverlust bei.

Mehr Aufmerksamkeit gefordert

Es gibt demnach eine Vielzahl von Gründen, sich dem PCS in Medizin, Forschung und Gesellschaft verstärkt zuzuwenden. Die BÄK empfiehlt daher verschiedene Maßnahmen, um die Betreuung der Betroffenen verbessern und die gesellschaftlichen Folgen mindern zu können. Dazu gehören unter anderem die bessere Erfassung der SARS-CoV-2-Infektionen etwa durch prospektive Studien oder App-basierte Screenings als Datenbasis für den Auf- und Ausbau der Forschung und der Versorgungsstrukturen.

Weiterhin sollten zum Beispiel entsprechende Kapazitäten für die Grundlagenforschung, die Durchführung klinischer Studien sowie die Versorgungsforschung bereitgestellt werden, so die BÄK. Darüber hinaus sind Informationskampagnen über das PCS notwendig, Das bedeutet die Fortbildung von ärztlichem und anderem medizinischen Personal, aber auch eine umfassende Aufklärung der Betroffenen selber sowie der Allgemeinbevölkerung. Nicht zuletzt richtet sich das Augenmerk auch auf die Prävention von SARS-CoV-2-Infektionen durch an die jeweilige Situation angepasste Maßnahmen. In all diese erforderlichen Prozesse müssen die Betroffenen oder die für sie sprechende Organisationen eingeschlossen werden. Dr. med. Anne-Kristin Schulze

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