POLITIK
Berufsmonitoring Medizinstudierende: Neue Strukturen sind gefragt
Ob künftig angestellt oder niedergelassen – die neue Ärztegeneration fordert andere Arbeitsbedingungen: Die Kassenärztliche Bundesvereinigung analysierte gemeinsam mit dem Medizinischen Fakultätentag, den Medizinstudierenden selbst und der Universität Trier die Wünsche.
Wenn sich Miriam Wawra, Medizinstudentin an der Universität Heidelberg, und Katharina Freitag, Medizinstudentin an der Universität Leipzig, mit ihren Kommilitoninnen und Kommilitonen über die berufliche Zukunft als Ärztin oder Arzt in Deutschland unterhalten, ist klar: „Es braucht dringend strukturelle Veränderungen“, so Wawra gegenüber dem Deutschen Ärzteblatt.
Die Präsidentin der Bundesvertretung der Medizinstudierenden in Deutschland (bvmd) möchte am liebsten das stereotype Bild des männlichen Arztes, der immer erreichbar ist, aus den Köpfen von Politik und Gesellschaft verbannen. Damit artikuliert sie genau die Erwartungen an das künftige Berufsleben, die von Medizinstudierenden am häufigsten genannt werden: „Wir brauchen eine gute Vereinbarkeit von Familie und Beruf sowie geregelte und flexible Arbeitszeiten“, sagt sie. Wie schon bei den vorangegangenen Befragungswellen des „Berufsmonitorings Medizinstudierende“ waren dies auch bei der Onlineumfrage im Juni dieses Jahres, an der 8 600 Medizinstudierende teilnahmen, die häufigsten Forderungen.
Erstmals Blick ins Ausland
Vorgenommen wird das „Berufsmonitoring Medizinstudierende“ seit 2010 alle vier Jahre durch die Universität Trier im Auftrag der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV) und in Kooperation mit dem Medizinischen Fakultätentag (MFT) und der bvmd. Erstmals wurde dieses Jahr jedoch auch eine Stichprobe unter Medizinstudierenden in Frankreich und der Schweiz erhoben (je etwa 330 Studierende).
Während die Erwartungen der Studierenden in der Schweiz relativ übereinstimmend mit denen der deutschen Medizinstudierenden seien, hätten sich zu den französischen Studierenden Unterschiede gezeigt, erläuterte Prof. Dr. Rüdiger Jacob, Soziologe der Universität Trier, bei der Präsentation der Ergebnisse in Berlin. Der Wunsch nach geregelten und flexiblen Arbeitszeiten spiele in Frankreich eine geringere Rolle, auch eine eigene Praxis wollten dort nur weniger als die Hälfte der Medizinstudierenden (41,8 Prozent), während sich das in Deutschland 55,1 Prozent der Befragten vorstellen können.
Dabei zeigen sich viele Nachwuchsmediziner heimatverbunden: Fast 86 Prozent der Studierenden würden gern in ihrem Heimatbundesland ärztlich tätig werden, wobei jedoch der Umfrage zufolge die Arbeit in Landkreisen und ländlichen Gemeinden eher unbeliebt ist. Auffällig bei dieser Befragungswelle: Nur 40,3 Prozent können sich eine ärztliche Tätigkeit im Ausland vorstellen. 2010 waren es noch 63,7 Prozent (Grafik).
Niederlassung bleibt attraktiv
Relativ konstant über die Jahre bleibt dagegen die Niederlassung als eine berufliche Perspektive (für etwa 73 Prozent). Veränderungen zu den Vorjahren konnte Jacob jedoch bezüglich der Option einer Anstellung feststellen: So können sich jetzt 96 Prozent der Studierenden vorstellen als angestellte Ärztinnen und Ärzte zu arbeiten, 2014 waren es lediglich 89,3 Prozent (Tabelle). Interessant sei, dass dabei vor allem die Option einer Anstellung im ambulanten Sektor wichtiger werde und der Wunsch nach einer Anstellung im Krankenhaus abnehme, sagte Jacob.
„Unser ambulantes System funktioniert wie ein Bienenstock. Wir arbeiten als selbstständige Ärzte in kleinen Zellen – allerdings sind die Rahmenbedingungen nicht einfach“, betonte der stellvertretende Vorstandsvorsitzende der KBV, Dr. med. Stephan Hofmeister. Da die Arbeit nicht weniger werde, brauche es neue Wege, um die Attraktivität des ambulanten Sektors zu steigern. Persönlicher Kontakt mit ärztlichen Ausbildern könne dazu beitragen, dass Studierende die ambulante Medizin als spannend, vielseitig, erfüllend, aber nicht explizit risikoreich erleben, betonte Hofmeister. „Für die Ausbildung des Nachwuchses im ambulanten Bereich muss aber Geld in die Hand genommen werden.“
Dass der Kontakt zu Vorbildern Wirkung zeigt, verdeutlicht das über die Jahre gestiegene Interesse an der Allgemeinmedizin: Während sich 2010 nur 29,3 Prozent der Medizinstudierenden für diese Weiterbildung interessierten, sind es in diesem Jahr 36,8 Prozent. Interessant sei, so Jacob, dass die Präferenz während des Studiums zunehme. Während sich in der Vorklinik nur 33 Prozent vorstellen können, die Weiterbildung Allgemeinmedizin zu absolvieren, sind es in den klinischen Semestern bereits 38 Prozent und unter den Studierenden im Praktischen Jahr 36,7 Prozent.
Eine gegenläufige Entwicklung ist anhand des Berufsmonitorings allerdings für das Fach Chirurgie festzustellen: Es stellt im Verlauf des Studiums immer weniger eine Option für die Nachwuchsärzte dar. Während es in der Vorklinik noch 35 Prozent der Studierenden als Berufsziel nennen, geben es in den klinischen Semestern nur noch 22,6 Prozent und im Praktischen Jahr sogar nur noch 19,3 Prozent als Wunschfach an.
Wunsch nach Kooperation
Offenbar werden im Monitoring aber auch weitere Forderungen der jungen Ärztegeneration: Potenzial, um die Versorgung zu verbessern, sehen die Studierenden vor allem in der Kooperation mit anderen medizinischen Berufen sowie in der Digitalisierung. „Diese Wünsche von uns sind keine Eintagsfliegen“, sagt bvmd-Präsidentin Miriam Wawra. Noch fühlten sich Studierende hinsichtlich der Digitalisierung der medizinischen Versorgung zu wenig auf die Zukunft vorbereitet. Diese Aspekte müssten in allen Fächern in die Lehre integriert werden, meint auch Freitag, die jetzt in ihr Praktisches Jahr startet. „Interprofessionelle Ausbildung muss künftig integraler Bestandteil des Medizinstudiums sein.“ Mit Spannung werde die neue Approbationsordnung erwartet. Sie soll den neuen Entwicklungen Rechnung tragen. Dr. med. Eva Richter-Kuhlmann









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