ArchivDeutsches Ärzteblatt18/2000Jugendmedizinischer Kongress in Weimar: „Gesundheit muss in die Schule getragen werden“

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Jugendmedizinischer Kongress in Weimar: „Gesundheit muss in die Schule getragen werden“

Dtsch Arztebl 2000; 97(18): A-1201 / B-1024 / C-960

Kanders, Joseph

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LNSLNS Kinder- und Jugendärzte bieten Gesundheitsunterricht
und Beratungsstunden an Schulen an.

Die Landesminister und Senatoren in Bremen und Niedersachsen, Hessen und Nordrhein-Westfalen begrüßten das Angebot der Kinder- und Jugendärzte, durch Beratungs- und Unterrichtsstunden die Gesundheitserziehung an allen Schulen zu unterstützen und damit einen Beitrag zur Gesundheitsvorsorge zu leisten. So prüft Niedersachsen derzeit, ob Gesund­heits­förder­ung und -beratung noch in diesem Jahr modellhaft an einigen Schulen eingerichtet werden kann.
Gesundheitserziehung als integraler Bestandteil
Auch das Land Bremen scheint positiv eingestellt: Die Hilfe der niedergelassenen Ärzte sei dem Bremer Kinder- und Jugendgesundheitsdienst willkommen, erklärte die Bremer Gesundheitssenatorin Hilde Adolf. Die Möglichkeiten zur Zusammenarbeit müssten gemeinsam mit der Bildungsbehörde und der Ärztekammer geprüft werden, heißt es in einer Stellungnahme zu den Beschlüssen des 6. Jugendmedizinischen Kongresses des Bundesverbandes der Kinder- und Jugendärzte Deutschlands in Weimar. Gleiches gilt für Hessen und auch für Nordrhein-Westfalen, wo bereits seit einigen Jahren dieses Modell an ausgesuchten Schulen erprobt wird.
Gesundheitserziehung als integraler Bestandteil an allen Schulen Deutschlands hatten die 1 200 Teilnehmer in Weimar in einer Resolution an die Kultus- und Ge­sund­heits­mi­nis­ter der Länder gefordert. Der schulärztliche Dienst sei damit heillos überfordert, erklärte dazu Dr. med. Hartmut Schirm, Referent für Sozialpädiatrie und Jugendgesundheitshilfe von der Düsseldorfer Akademie für öffentliches Gesundheitswesen. Um die zwölf Millionen Schüler in der Bundesrepublik ausreichend zu versorgen, wären nach Ansicht von Schirm etwa 60 000 Amtsärzte erforderlich. Derzeit sind es gerade mal 1 200. Selbst die etwas mehr als 10 000 niedergelassenen Pädiater können den Versorgungsumfang allein kaum bewältigen. Vor dem Hintergrund von nur noch 2 000 Ausbildungsstellen für Pädiater würde es Jahrzehnte dauern, den Mangel an Kinder- und Jugendärzten für eine umfassende schulärztliche Betreuung zu beheben.
Auf dem Kongress zeichneten verschiedene Referenten ein alarmierendes Bild vom Gesundheitszustand der Schüler und Jugendlichen in der Bundesrepublik. Danach leidet mehr als die Hälfte der 12- bis 18-Jähri-
gen unter erheblichen seelischen und körperlichen Störungen. Chronische Krankheiten nähmen rapide zu.
Bislang zahlen die schulischen Fördervereine
Jugendliche selbst würden aber Krankheiten eher verharmlosen und nur in Notfällen den Arzt aufsuchen. „Schüler und Jugendliche haben jedoch einen Anspruch auf Gesundheitserziehung und Gesund­heits­förder­ung“, so die Kongressteilnehmer in ihrer Resolution. Vor allem im schulischen Bereich fehle es an einem ausreichenden ärztlichen Beratungs- und Versorgungsangebot.
Lehrer wie Eltern haben deshalb in einigen Ländern wie Nordrhein-Westfalen bereits die Initiative ergriffen und das Angebot der Kinder- und Jugendärzte, deutlich mehr mit und in den Schulen zu arbeiten, angenommen. So werden an rund 50 nordrhein-westfälischen Grund- und weiterführenden Schulen seit einigen Jahren wöchentlich ärztliche Beratungsstunden abgehalten. Bezahlt werden die Ärzte dafür vom jeweiligen Förderverein mit rund 120 Mark pro Stunde. Angesichts der immer tiefer greifen-
den Sparmaßnahmen der öffentlichen Haushalte, unter dem auch der jugendärztliche Dienst der Gesundheitsämter zu leiden hat, könnte das Angebot aus Weimar den Mangel an medizinischer Versorgung und Beratung damit ohne größeren finanziellen Aufwand wenn nicht ganz ausgleichen, so doch erheblich mildern.
Viele Kinder- und Jugendärzte, so betonte der Präsident des Bundesverbandes, Dr. med. Klaus Gritz, hätten sich bereits dafür durch intensive Fortbildung qualifiziert und seien auf die Aufgaben in der Schule vorbereitet. Vor dem Hintergrund eines immer größeren Drucks auf Lehrer hält er es für dringend geboten, zur Betreuung gesundheitsgefährdeter Schüler, Ärzte in ein Netzwerk schulischer und außerschulischer Hilfen einzubinden. „Gesundheit muss in die Schule getragen werden“, fordert Gritz. Spezielle Jugendsprechstunden der niedergelassenen Ärzte reichten dafür nicht aus.
Dr. med. Uwe Büsching, Initiator und wissenschaftlicher Leiter des Weimarer Kongresses und niedergelassener Pädiater in Bielefeld, verweist auf eigene Erfahrung mit ärztlicher Beratung an Schulen: „Wir müssen das Vertrauen der Jugendlichen gewinnen. Nur dann können wir auf sie einwirken.“ Die Gesundheitserziehung und Gesund­heits­förder­ung an Schulen sei deshalb ein wichtiger Beitrag zur medizinischen Vorsorge.
Aus den eng bemessenen Honorarbudgets der niedergelassenen Ärzte seien derartige Aufgaben nicht zu finanzieren. Deshalb, so Gritz, müssten diese Präventionsmaßnahmen außerhalb der Krankenkassen-Budgets finanziert werden. Zurzeit wird knapp ein Prozent der GKV-Gesamtausgaben von rund 250 Milliarden DM für medizinische Prävention ausgegeben. Joseph Kanders
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