ArchivDeutsches Ärzteblatt18/2000Das Mariinsky Krankenhaus in St. Petersburg: Medikamente und Essen bitte selber mitbringen

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Das Mariinsky Krankenhaus in St. Petersburg: Medikamente und Essen bitte selber mitbringen

Heine, Lilo

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LNSLNS Eine Delegation des „Ökumenischen Arbeitskreises St. Petersburg“ besuchte das altehrwürdige „Mariinskaya“ und stieß auf bedrückende Zustände.

Wie oft habe ich diesem Mann schon gesagt, er soll sich nicht in die pralle Sonne setzen!“ Kopfschüttelnd betrachtet der stellvertretende Chefarzt des Mariinsky Krankenhauses, Dr. med. Genowitsch, während der Führung den Patienten mit dem nackten Oberkörper. Es ist außergewöhnlich heiß an diesem Julinachmittag – über 30 Grad Celsius. Genauso trostlos wie der einsame Kranke auf der schmutzigen Mauer vor der Augenstation wirken auch die ärmlich gekleideten Arbeiter, die versuchen, die abgebröckelten Stellen an der Fassade eines Bettenhauses notdürftig zu verputzen. Eigentlich könnten sich die Menschen auf dem sechs Hektar großen parkartigen Gelände wohl fühlen, aber der derzeitige Zustand lädt nicht dazu ein. 15 Gebäude stehen auf dem Areal, und alle müssten dringend renoviert werden. „Vielleicht bekommen wir im nächsten Jahr das von der Stadt versprochene Geld, dann kann mit dem Umbau begonnen werden“, hofft Verwaltungsdirektor und Chefarzt Dr. med. Oleg V. Emelianov.

Die vierköpfige Delegation des „Ökumenischen Arbeitskreises St. Petersburg“, Bonn, besucht im Auftrag des „Inforums“, Hamburg, das Hospital am Liteiny Prospekt. Der Hamburger Förderkreis für Städtekontakte in Ost und West finanziert über den „Fonds Theresa“ ein tägliches kostenloses Mittagessen in der Kantine des Krankenhauses, das von etwa 60 Bedürftigen, darunter viele Straßenkinder, alte Menschen und gering verdienende Mitarbeiter, in Anspruch genommen wird. Im großräumigen Büro des Chefarztes dürfen Fragen gestellt werden. Dr. med. Katharina Lemberg-Lichterfeld aus Bonn kommt schnell ins Fachsimpeln mit ihren russischen Kollegen. Die Übersetzung des Gesprächs übernimmt eine junge Ärztin. 50 Prozent der Ärzte an der städtischen Einrichtung sind Frauen, ist zu erfahren. Zu Sowjetzeiten sei der Arztberuf für Männer wenig attraktiv gewesen, weil die Löhne niedriger waren als die eines Bauarbeiters. Mit dem Arztgehalt konnte keine Familie ernährt werden. Auch heute verdienen die Ärzte nicht gerade viel: rund 1 500 Rubel monatlich (14 Rubel = 1 DM). Krankenschwestern arbeiten für etwa 850 Rubel. Trotz des geringen Lohns spürt der Beobachter beim Rundgang durch die Gebäude und Stationen, dass sich jeder Mitarbeiter, so gut er kann, für das Wohl der Patienten einsetzt. Das Klima unter den Ärzten und Krankenschwestern ist augenscheinlich gut.

Das altehrwürdige „Mariinskaya“ liegt im Zentrum der Fünf-Millionen-Stadt St. Petersburg und kann auf eine bewegte Geschichte zurückblicken: Zu Beginn des 19. Jahrhunderts wurde das „Krankenhaus für die Armen“ von Kaiser Alexander I. auf Wunsch seiner Mutter Marija Fedorowna nach den damaligen neuesten Erkenntnissen erbaut. Es entstanden Krankenzimmer mit nicht mehr als 15 Betten und sehr breite Korridore. Der große Park diente sowohl der Erholung der Patienten als auch dem Anbau von Obst und Gemüse.

Der deutsche Bevölkerungsanteil in St. Petersburg betrug zu jener Zeit etwa neun Prozent. Dies erklärt auch, warum die ersten Ärzte des Mariinsky Krankenhauses neben Schweden vor allem aus Deutschland stammten. Die Krankenberichte wurden in lateinischer und die Patientennamen in deutscher Sprache geschrieben. Später kamen immer mehr russische Ärzte an die Klinik.

Bereits ab Mitte des 19. Jahrhunderts absolvierten junge Ärzte der örtlichen militärmedizinischen Akademie, die auch heute noch einen sehr guten Ruf genießt, ihre Praktika im Mariinsky Krankenhaus. Während des Ersten Weltkrieges fungierte das „Mariinskaya“ als Fronthospital. Neue Abteilungen wurden in den ersten Jahren des Sowjetregimes eingerichtet. 1937 erhielt das Krankenhaus als erstes der Stadt eine Abteilung für Traumatologie. Schwere Zeiten folgten im Zweiten Weltkrieg während der 900-tägigen Belagerung Leningrads (1941 bis 1944). Nicht nur, dass das Krankenhaus bombardiert wurde, sehr viele Mitarbeiter starben an Hunger und Erschöpfung. Die Arbeit wurde jedoch zu keiner Zeit eingestellt. Nach dem Krieg wurden die zerstörten Gebäude wieder aufgebaut, 1955 entstand auf dem Krankenhausgelände eine Lehranstalt für Krankenschwestern.

Heute arbeiten mehr als 1 000 Menschen im „Mariinskaya“. Es gibt alle wichtigen medizinischen Abteilungen, seit 1999 auch eine Vollapotheke. 70 Prozent aller Patienten sind Notfälle, lediglich 30 Prozent werden von den „Ambulanzen“ der Stadt eingewiesen. Es stehen 1 000 Betten zur Verfügung. Die Patienten sind zumeist in Vierbettzimmern, aber auch in Acht- und Zehnbettzimmern untergebracht, die sehr ärmlich eingerichtet sind. Gewöhnlich gibt es nur ein Waschbecken je Zimmer. Das Krankenhaus erhält pro Patient und Tag zehn Rubel aus der Stadtkasse – dabei würden noch nicht einmal 30 Rubel für eine vernünftige Versorgung ausreichen, meint Verwaltungsdirektor Emelianov.

Zum Frühstück erhalten die Patienten Haferschleim, mittags gibt es eine Suppe sowie eine kleine Mahlzeit und abends eine Kleinigkeit. Da die Nahrungsmittel knapp sind, werden aber auch die Verwandten gebeten, Verpflegung mitzubringen: „Wenn Sie etwas mitbringen möchten, wäre das gut.“ Medikamente werden in russischen Krankenhäusern nur dann kostenlos verabreicht, wenn es sich um Notfälle handelt. Bei Überweisungen müssen die Patienten diese selber mitbringen. Eines der großen Probleme im Mariinsky Krankenhaus ist die Sterilisation der chirurgischen Instrumente, die oft nur behelfsweise gewährleistet werden kann. Für die Reinigung der Bettwäsche und Handtücher stehen lediglich 15 Waschmaschinen älteren Modells zur Verfügung. Es fehlt an Medikamenten und an Lösungsmitteln für die Tropfbehandlung. Bei chirurgischen Eingriffen unter einer Stunde erfolgt die Anästhesie durch Lachgas.

In drei Jahren kann das Mariinsky Krankenhaus sein 200-jähriges Jubiläum feiern. Aber daran denkt in der augenblicklichen Situation keiner der Verantwortlichen. Nicht nur Gebäude und Inneneinrichtungen befinden sich in einem desolaten Zustand, es fehlt auch an medizinischer Ausrüstung.

Anschrift der Verfasserin
Lilo Heine
Fichtenweg 2, 56077 Koblenz


Das alte Mariinsky Krankenhaus braucht dringend Hilfe. Wer eine Partnerschaft mit diesem Krankenhaus eingehen will, wende sich bitte direkt an: Mariinskaya Hospital, Liteiny
Prospekt, 56, 191101 St. Petersburg,
Russia, Telefon: ,
Fax: 0 07/8 12/2 75-73-26, Chefarzt:
Dr. Oleg V. Emelianov. Spenden können auf das Konto von „Inforum St. Petersburg“, Vereinsbank Hamburg, Konto 3 215 530, BLZ 200 300 00, Stichwort: Mariinsky/Medikamentenfonds, überwiesen werden. Weitere Informationen werden unter Telefon: 0 40/ 81 34 34 oder 02 61/6 43 43 erteilt.
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