ArchivDeutsches Ärzteblatt18/2000„Körperwelten“: Jahrmarktbelustigung oder lehrreicher Einblick?

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„Körperwelten“: Jahrmarktbelustigung oder lehrreicher Einblick?

Dtsch Arztebl 2000; 97(18): A-1205 / B-1002 / C-936

Schmedt, Michael

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LNSLNS Die Diskussion um Gunter von Hagens’ „Körperwelten“
reißt nicht ab. Das Deutsche Ärzteblatt bietet auf
seinen Internet-Seiten ein viel besuchtes Forum zum Thema an.

Die Ganzkörperplastinate Gunter von Hagens’ polarisieren. Die einen werten die Ausstellung „Körperwelten“ als Jahrmarktbelustigung und sehen darin einen Erfolg des Voyeurismus, die anderen sind fasziniert vom Einblick in die Anatomie des menschlichen Körpers. Dieses Meinungsspektrum kommt auch im Internet-Forum des Deutschen Ärzteblattes (www.aerzteblatt.de) zum Ausdruck. „Können wir Mediziner uns nicht einfach über die großartige Methode der Plastination freuen, die unseren Patienten ein tieferes Verständnis ihres Körpers ermöglicht, . . . ?“ fragt Dr. med. Bettina Götte. Ausschlaggebend für die Kritik von Ärzten ist deren Angst, dass „der Laie ,zu viel‘ sieht oder weiß“, vermutet Peter Grohlich (Medizinstudent). Gerade in der Werbung mit dem „Echten“ sieht Dr. med. Peter Lippers die Intention von Hagens’, „das Bedürfnis der Allgemeinheit am Nervenkitzel“ anzusprechen. Dr. med. Hansdieter Claus kritisiert, dass es dem unbedarften Publikum mehr „ums Gaffen und um Sensationsgier“ geht als um das Verstehen menschlicher Anatomie.
Mehrere Diskussionsteilnehmer, die die Ausstellung positiv bewerten, stört die Präsentation der Plastinate. „Wäre es nicht angebracht, eine solche Ausstellung in einem Anatomiesaal, der steril wirkt, aufzubauen?“ fragt Wulf Engelen. „Muss man die Leichen in tolle Posen stellen?“ (Melanie Schneider, Medizinstudentin). Cand. med. Daniel Lüdeling sieht allerdings in den Posen „. . . eine annähernd ästhetische, aber mindestens untermalende Auffrischung unserer Anatomie“. Die Frage nach der Einverständniserklärung kommt im Forum ebenfalls zur Sprache. „Unbeantwortet blieb für mich leider bisher die Frage, wie Professor von Hagens die plastinierten Menschen vor ihrem Tod von ihrer zukünftigen Rolle (. . .) überzeugt hat“, bemerkt Dr. med. Udo Gessner. T. Brouwers wundert sich in diesem Zusammenhang, dass sowohl die Todesursache als auch das Alter der Toten nicht genannt wurden. Immer wieder dreht sich die Diskussion im Internet-Forum des DÄ um die ethische und moralische Bewertung der Zurschaustellung von toten menschlichen Körpern.
Moral und Kommerz
Frank von Feldmann hält die Ausstellung zwar für „interessant und für viele lehrreich“, die Erwirtschaftung eines Vermögens unter „dem Deckmantel der Wissenschaft“ aber für moralisch zweifelhaft. Auch für Matthias Schräer gibt „die Kommerzialisierung der Ausstellung dem Ganzen noch einen faden Beigeschmack“. Für ihn verkommt der Leichnam zu einer „bearbeitenden Modelliermasse“. Dr. med. Norbert Kox vermisst bei den Protesten mit dem Argument der Menschenwürde, den Protest im Alltagsleben „angesichts von Völkermord in vielen Teilen der Welt, von hungernden und erfrierenden Obdachlosen in Köln und tagtäglicher Horrorfilme im heimischen TV“. Für Dr. Udo Gessner ist die Ausstellung „Zeichen einer Zeit, in der das Fallen ethischer Grenzen oft im Takt der Nachrichtensendungen erfolgt“. Wolfgang Ascher hat sie dagegen „das göttliche Wunder des Lebens nahe gebracht, das wir in unserer oberflächlich-hektischen Zeit zum Teil verdrängt haben“. Michael Schmedt
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