THEMEN DER ZEIT
SARS-CoV-2: Krankenhäuser an den Grenzen der Versorgung
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Die aktuelle Coronawelle sorgt für eine starke Belastung der Krankenhäuser. Wie Zahlen aus dem COVID-19-Register des Landes Rheinland-Pfalz zeigen, bedingt die große Anzahl von SARS-CoV-2-Patienten auf Normalstationen einen immensen Druck auf die Versorgung.
Die SARS-CoV-2-Pandemie begleitet uns im Alltag seit mittlerweile zweieinhalb Jahren. Zu Beginn der Pandemie wurde zur Beurteilung der Belastung des deutschen Gesundheitssystems aufgrund der Schwere des Krankheitsverlaufs vieler Patientinnen und Patienten, mit der Notwendigkeit der intensivmedizinischen Behandlung, der Fokus auf die zur Verfügung stehenden Intensivkapazitäten gelegt. Durch die schnelle Entwicklung von Impfstoffen und erfolgreiche Impfkampagnen sowie durch multiple Mutationen des Virus waren im Verlauf der Coronapandemie mildere Infektionsverläufe zu beobachten.
Höchstzahl bei stationären SARS-CoV-2-Patienten
Dennoch blieb die Belastung der Krankenhäuser durch eine große Anzahl von SARS-CoV-2-Patienten – die auf Normalstationen mit entsprechend sehr großem Personalbedarf isoliert und versorgt werden mussten – hoch. In einer Interimsanalyse wurde bereits im Februar 2022 auf diese in der Öffentlichkeit damals wenig wahrgenommene Belastung hingewiesen.
Seit Pandemiebeginn wurden bereits sechs Pandemiewellen durchlaufen, aktuell befindet sich Deutschland in einer stärker denn je zuvor anflutenden siebten Pandemiewelle mit der höchsten bislang in Rheinland-Pfalz dokumentierten Anzahl stationärer SARS-CoV-2-Patienten. In der zweiten Pandemiewelle zum Jahreswechsel 2020/2021 befanden sich maximal 1 171 Patienten gleichzeitig in rheinland-pfälzischen Krankenhäusern, aktuell sind es bei weiterhin täglich deutlich steigenden Fallzahlen am 17. Oktober 2022 bereits 1 615 Patienten, die unter den bekannten Isolationsvorkehrungen in den Krankenhäusern versorgt werden müssen (Grafik 1).
In den ersten Pandemiewellen bedurften aufgrund des schweren Infektionsverlaufs bis zu 33 Prozent der SARS-CoV-2-Patienten einer intensivmedizinischen Therapie. In der aktuell noch steigenden siebten Pandemiewelle wurden bislang lediglich 7,2 Prozent der SARS-CoV-2-Patienten auf Intensivstationen behandelt – meist nicht mehr primär wegen der SARS-CoV-2-Infektion, sondern wegen anderer intensivpflichtiger Grunderkrankungen (Tabelle 1).
Hoher Versorgungsaufwand und keine „Sommerpause“
Die 7-Tage-Inzidenz der SARS-CoV-2-Infektion beträgt aktuell (Stand 17. Oktober 2022) bundesweit 681, in einigen Bundesländern allerdings weit über 1 000. Bei der derzeit niedrigen Frequenz an PCR-Tests in der Bevölkerung ist die tatsächliche Inzidenz wahrscheinlich noch sehr viel höher. Diese steigenden Inzidenzen spiegeln sich auch bei den stationären Patienten wider, ein großer Anteil der in den Krankenhäusern wegen anderer Erkrankungen aufgenommenen Patienten wird zusätzlich positiv auf eine SARS-CoV-2-Infektion getestet. Diese Patienten sind somit nicht wegen, sondern mit zusätzlicher SARS-CoV-2-Infektion in den Krankenhäusern, bedürfen aber dennoch aller Maßnahmen der Isolation – mit einem hohen personellen und finanziellen Mehraufwand für die Kliniken.
In den ersten beiden Jahren der Pandemie 2020 und 2021 gab es in den Sommermonaten nahezu keine stationären SARS-CoV-2-Patienten. Dies bedeutete eine gewisse Erholung für das Personal von den zusätzlichen Anstrengungen der Pandemie, andererseits wurde die zuvor eingeschränkte Regelversorgung der Krankenhäuser wieder aufgenommen.
Bei gestiegener Kontagiosität der neuen Virusvarianten und der nahezu vollständigen Aufhebung der Schutzmaßnahmen, wie beispielsweise der Maskenpflicht, fehlte 2022 diese „Sommerpause“ und es kam zu zwei weiteren Wellen mit Spitzenzahlen in März/April und Juli/August 2022.
Aus den gleichen Gründen lässt sich derzeit sehr viel früher als in den vergangenen Jahren eine weitere, die mittlerweile siebte Pandemiewelle mit den bislang höchsten stationären Patientenzahlen beobachten. Die Krankenhäuser stehen daher seit November 2021 unter einer Dauerbelastung durch die Pandemie.
Versorgungskapazität deutlich eingeschränkt
Bereits im Februar dieses Jahres wurde berichtet, dass aufgrund der Personalsituation in circa 60 Prozent der Krankenhäuser eine Regelversorgung deutlich eingeschränkt war. Diese Situation hat sich im Laufe des Jahres weiter aggraviert (Grafik 2).
Zum Schutze der den Kliniken anvertrauten Patienten gelten in den Krankenhäusern strengere Regeln der Isolation als nach dem neuen Infektionsgesetz für die Allgemeinbevölkerung, Patienten in Krankenhäusern müssen länger isoliert und freigetestet werden, Kontaktpersonen müssen unabhängig vom Impfstatus ebenfalls Einzelzimmer-isoliert werden. Politisch wird derzeit der weitere Umgang mit der COVID-19-Pandemie sehr kontrovers diskutiert – von der Verstärkung der den Landesregierungen zur Verfügung stehenden Präventionsmaßnahmen zur Eindämmung der Infektionslage einerseits bis hin zur Forderung einer Aufhebung der Isolationspflicht andererseits. Während in den Krankenhäusern weiterhin alle Infektionsschutzregeln aufrechterhalten werden, bietet der Alltag einen Flickenteppich an Vorsichtsmaßnahmen.
Hohe Belastung nicht dauerhaft stemmbar
Die hohen Coronainfektionszahlen, die vermehrt auftretenden lokalen Infektionsausbrüche in den Krankenhäusern mit der Notwendigkeit der zusätzlichen Isolation der dabei identifizierten Kontaktpersonen in Einzelzimmern sowie die höheren Infektionsraten auch in den Reihen des Personals führen bereits jetzt zu Einschränkungen in der Regelversorgung in den internistischen Fachgebieten.
Bei weiterhin steigenden Inzidenzen in der Bevölkerung wird zwangsläufig die Zahl der stationären Patienten mit einer SARS-CoV-2-Infektion weiter zunehmen. Dieser seit November 2021 andauernden Belastung können die Krankenhäuser nicht dauerhaft standhalten und es drohen weitere Versorgungsengpässe.
Die gezeigten Daten des Landes Rheinland-Pfalz über den gesamten Coronapandemieverlauf seit April 2020 legen nahe, dass eine Eindämmung der Infektionslage für die Aufrechterhaltung der Regelversorgung in den Krankenhäusern dringlich geboten wäre.
- Zitierweise dieses Beitrags:
Dtsch Arztebl 2022; 119 (43): A 1846–50
Anschrift der Verfasser:
Dr. med. Anselm K. Gitt, FESC, FACC
Herzzentrum Ludwigshafen
Med. Klinik B, Kardiologie/Intensivmedizin
und Stiftung Institut für Herzinfarktforschung Ludwigshafen
Bremser Str. 79, 67063 Ludwigshafen am Rhein
E-Mail: gitta@klilu.de
Die Fokussierung auf die Intensivmedizin in der COVID-19-Pandemie ist unzureichend für die Beurteilung der Auslastung des Krankenhaussystems. Dies zeigt eine aktuelle Auswertung von Daten aus Rheinland-Pfalz. Dtsch Arztebl 2022; 119 (6): 221–4 VOLLTEXT
| 1. | Gitt AK, Lober C. Bernhardt A, Neumer A, Zahn R, Zeymer U: Coronabelastung auf den Normalstationen stärker beachten: Die Fokussierung auf die Intensivmedizin in der COVID-19-Pandemie ist unzureichend für die Beurteilung der Auslastung des Krankenhaussystems. Dies zeigt eine aktuelle Auswertung von Daten aus Rheinland-Pfalz. Dtsch Arztebl 2022; 119 (6): 221–4 VOLLTEXT |









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