ArchivDeutsches Ärzteblatt30/1996Der Patientenrat: Interessenvertretung in stationären Einrichtungen

POLITIK: Aktuell

Der Patientenrat: Interessenvertretung in stationären Einrichtungen

Becker, Jo

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LNSLNS Überlegungen zur Qualitätssicherung und Sparmaßnahmen im Langzeitbereich führten 1993 zur Gründung einer Initiative in der Rheinischen Landesklinik Bedburg-Hau, einen Patientenrat ins Leben zu rufen: ein Gremium, das inzwischen aus Patienten der verschiedenen Klinikabteilungen besteht sowie aus Mitarbeitern der verschiedenen Berufsgruppen, Angehörigen und Betreuern. Analog zum Personalrat versteht sich die Patientenrat-Initiative als eine Interessenvertretung bei wichtigen Patientenbelangen und als eine Anlaufstelle für individuelle Beschwerden – ein interner "Runder Tisch zur Qualitätssicherung".


Wer nur für begrenzte Zeit in ein Krankenhaus muß, kann sich über Mißstände spätestens dann beschweren, wenn er wieder zu Hause ist. Viele chronisch psychisch kranke, geistig behinderte oder verwirrte alte Menschen leben dagegen auf Dauer in Krankenhäusern oder Wohnheimen – stationären Einrichtungen von etwa zwanzig bis zu mehreren hundert Bewohnern.


Drei Entwicklungen ausschlaggebend
Ohne eigene Wohnung fehlen viele Bürgerrechte – etwa die Unverletzlichkeit eines Raumes, in den man sich zurückziehen kann. Fast jeder Bereich des Tagesablaufs wird von fremden Hausregeln beeinflußt. Wegen der teuren Pflegesätze kommt meist auch der Verlust von Vermögen und Einkommen hinzu, der es verbietet, selber über Dinge wie die Möblierung oder den Speiseplan zu bestimmen. Schließlich sind chronisch seelisch kranke oder geistig behinderte Menschen auch durch ihre Behinderung in ihrer Fähigkeit eingeschränkt, ihre Interessen selbst wahrzunehmen und sich zum Beispiel zu beschweren, wenn sie unfreundlich behandelt werden, das Mittagessen kalt ist oder der Reinigungsdienst ausfällt.
Drei Entwicklungen sprechen dafür, jetzt über die Einrichtung von Interessenvertretungen für Patienten und Bewohner von stationären Einrichtungen nachzudenken:
¿ Die öffentlichen Mittel für soziale Leistungen werden knapper. Das verschärft die Konkurrenz zwischen den auf Hilfe angewiesenen Bevölkerungsgruppen, den psychosozialen Einrichtungen und Diensten beziehungsweise ihren Verbänden sowie innerhalb größerer Einrichtungen auch zwischen den verschiedenen Berufsgruppen und Abteilungen. Bei diesen Verteilungskämpfen haben Gruppen mit einer starken Interessenvertretung einen deutlichen Wettbewerbsvorteil, verlieren beispielsweise bei Sparmaßnahmen weniger Personalstellen. Es sollte selbstverständlich werden, daß bei solchen Verhandlungen auch Vertreter der eigentlichen Zielgruppe von sozialen Leistungen mit am Tisch sitzen.
À Die Anforderungen an unser Sozialsystem nehmen zu mit der Gefahr, daß der "Standard sinkt" und man sich an Mißstände gewöhnt. Beispielsweise wird die Anzahl hilfsbedürftiger alter Menschen in unserer Gesellschaft deutlich steigen. Immer mehr Flüchtlinge drängen in die Staaten der westlichen Welt. Das Elend in ihren Heimatländern läßt Mißstände bei uns wie Luxusprobleme erscheinen. Schließlich findet das weltweit zunehmende Auseinanderdriften von Arm und Reich auch in unserer Gesellschaft statt – fast unmerklich langsam, aber mit einem erschreckenden Gewöhnungseffekt, wenn wir den Zustand der Großstädte heute mit der Situation vor 20 Jahren vergleichen: Die Auseinanderentwicklung von Reichen- und Armenvierteln ist Alltag geworden, Dauerarbeitslosigkeit ganzer Bevölkerungsschichten normal, und Obdachlosigkeit – häufig kombiniert mit seelischer Erkrankung oder Sucht – gehört stellenweise zum Straßenbild.
Wer nicht wählt, dessen Interessen haben politisch weniger Gewicht – das gilt für Flüchtlinge genauso wie für viele chronisch kranke oder behinderte Menschen. Um der Gewöhnung an soziale Mißstände und Entsolidarisierung der Gesellschaft entgegenzuwirken, sollten die "Schwachen" eine starke Stimme erhalten. Für psychosoziale Einrichtungen bedeutet das, Interessenvertretungen überall da einzurichten, wo eine besondere Abhängigkeit und Hilflosigkeit der Klienten besteht und die Machtposition der einen Seite noch nicht ausgeglichen ist durch ein entsprechendes Gegengewicht.


"Runder Tisch" zur Qualitätssicherung
Á Die Qualität der Hilfen für chronisch Kranke und Behinderte wurde bisher weitgehend allein von den Anbietern dieser Dienstleistungen definiert. Neue Verordnungen und Gesetze (PsychPV, SGB V und XI, BSHG) schreiben eine Qualitätskontrolle von psychosozialen Dienstleistungen vor. Es besteht Anlaß zur Sorge, daß dabei eher "kundenunfreundliche" Lösungen entwickelt werden, die vor allem eine Bürokratisierung und stärkere Berücksichtigung der Kostenträger-Interessen vorsehen. Wer unter Qualitätskontrolle nicht nur Kostenkontrolle und mehr Formulare versteht, sondern eine möglichst "kundenfreundliche" Dienstleistung erzielen will, sollte eben diesen Kunden – den betroffenen "Nutzern" und ihren mitbetroffenen Angehörigen – echte Einflußmöglichkeiten einräumen.
Externe wie interne Formen der Qualitätssicherung in der Psychiatrie sollten daher nach dem Modell eines "Runden Tisches zur Qualitätssicherung" erfolgen, an dem Vertreter von vier Gruppen beteiligt sind: Anbieter, Kostenträger, Nutzer und Angehörige. Dr. med. Jo Becker, Xanten

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