ArchivDeutsches Ärzteblatt30/1996Studien zur Akupunktur: Eine Plazebo-Nadelung ist nicht möglich

POLITIK: Medizinreport

Studien zur Akupunktur: Eine Plazebo-Nadelung ist nicht möglich

Leinmüller, Renate

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LNSLNS Erfahrungsberichte zur Anwendung der Akupunktur existieren in großer Zahl. Weitaus geringer ist die Menge der kontrollierten, randomisierten Untersuchungen, etwas mehr als 200 liegen dazu aus der westlichen Welt vor. Welche Ergebnisse dabei erzielt wurden und wo die Probleme dieser Studien liegen, hat Dr. Wolfram Stör (München) beim 1. Mainzer Akupunktur-Symposium dargelegt.
Das Hauptproblem ist laut Stör die Tatsache, daß eine Plazebo-Akupunktur in Form indifferenter Hautreizmethoden nicht möglich ist: Auch wenn eine Nadelung der Verumpunkte im Vergleich mit einer ScheinNadelung im Segment hinsichtlich der Schmerzreduktion nicht signifikant besser ausfällt, könne daraus nicht der Rückschluß gezogen werden, die Akupunktur zeige keine Wirkung – weil jede Nadelung einen Effekt hervorruft. Bei der Therapie einer lange bestehenden (über 20 Jahre) Migräne beispielsweise waren der Unterschied in der Schmerzreduktion in einer Studie, bei der die klassischen Punkte oder aber Plazebo-Punkte in der Nähe genadelt wurden, "gerade nicht mehr signifikant", obwohl eine deutliche Besserung eingetreten war. Schwere Formen sprachen dabei besser an, berichtete Stör.
Die Schwierigkeit der Scheintherapie hat die Münchener Gruppe bei einer HWS-Studie dadurch gelöst, daß ein Student eine Schein-Laserakupunktur vorgenommen hat. Jeweils zehn Minuten nach der Verum- oder Plazebotherapie wurde der bewegungsabhängige Schmerz mit Hilfe eines Inklinometers bestimmt; jeder Patient war dabei seine eigene Kontrolle: Anteflexion, Rotation und Extension erwiesen sich nach der Akupunktur als eindeutig verbessert – und zwar auch dann, wenn Reflexpunkte in der Ferne genadelt worden waren. Für das praktische Vorgehen wurde daher vorgeschlagen, mit der Fernpunkttherapie zu beginnen und für die verbleibenden Schmerzen Nahpunkte mit starker Stimulation zu reizen.
Beim Kopfschmerz besteht – neben dem Chronifizierungsgrad – das Problem der Einstufung. Dazu kommt, daß unterschiedlich viele Punkte auf unterschiedliche Art gereizt werden können. Eine Kieler Gruppe hat dabei eine Stimulation an Verumpunkten mit einer oberflächlichen Nadelung in zwei Zentimeter Entfernung von den Verumpunkten verglichen. Bei den Verumfällen war zum Ende der Therapie die Zahl der Anfall-Tage auf gut die Hälfte reduziert, bei den Kontrollen dagegen nur auf knappe 80 Prozent; ein Langzeiteffekt war bis drei Monate nach Therapieende nachweisbar, auch hinsichtlich der Dauer der Schmerzen. Die Reduktion der Symptomatik durch die Akupunktur, so die Ergebnisse der Kieler Forscher anhand der Intervall-Medikation und neuronaler Parameter, liege in etwa in der Grö-ßenordnung, die mit Betablockern erreicht werde.
Anhand einer Pilotstudie aus München zeichnet sich laut Stör ab, daß der chronische Kopfschmerz nicht zu beeinflussen ist; der Anfallsschmerz bei Spannungskopfschmerzen und Migräne lasse sich jedoch durch die Akupunktur reduzieren. Die Anfallshäufigkeit liege sowohl bei Therapieende als auch längerfristig niedriger. Signifikant gesunken sei nach acht Wochen Akupunktur-Behandlung sowohl der Medikamentenverbrauch als auch die Zahl der in Anspruch genommenen Ärzte im Nachbeobachtungszeitraum von 13 Monaten.
Insgesamt zog Stör aus den Publikationen folgendes Resümee: Die meisten Studien zeigen positive Effekte – wo nicht, ist oft die Fragestellung falsch. Vor allem aus dem Bereich der Universitäten liegen inzwischen methodisch gute Studien vor, die die Wirksamkeit der Akupunktur für verschiedene Indikationen – unter anderem für Kopfschmerzen, Schmerzen des Bewegungsapparates, Heuschnupfen – belegen, sagte Stör beim Mainzer Symposium. Kritisch wies er aber auch darauf hin, daß bei einigen methodisch guten Studien wohl handwerkliche Mängel bestanden – und umgekehrt manchmal eine gute Akupunkturqualität mit unzureichendem biometrischem Design vergesellschaftet war. Dr. Renate Leinmüller

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