ArchivDeutsches Ärzteblatt46/2022Vitamin-D-Mangel: Erhöhtes Sterberisiko

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Vitamin-D-Mangel: Erhöhtes Sterberisiko

Meyer, Rüdiger

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Schon ein geringer Vitamin-D-Mangel kann das Sterberisiko erhöhen, so das Ergebnis einer aktuellen Analyse. Bei sehr niedrigen Serumspiegeln steigt die Gefahr eines vorzeitigen Todes an Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Krebs, aber auch von Atemwegserkrankungen dramatisch an.

Foto: Aleksandra Gigowska/stock.adobe.com
Foto: Aleksandra Gigowska/stock.adobe.com

Herkömmliche epidemiologische Studien können nicht beweisen, ob einer Assoziation eine Kausalität zugrunde liegt. Wenn ältere Menschen mit niedrigen Vitamin-D-Spiegeln ein erhöhtes Sterberisiko haben, kann dies auch daran liegen, dass sie aufgrund von schweren Krankheiten das Haus nicht verlassen und das Sonnenlicht in ihrer Haut kein Vitamin D produzieren kann. Dann wären die schweren Krankheiten und nicht der Vitaminmangel für den frühzeitigen Tod verantwortlich.

Mendelsche Randomisierung kurz erklärt

Eine Mendelsche Randomisierung soll diese Schwächen von epidemiologischen Studien vermeiden. In einem ersten Schritt werden genetische Risikofaktoren für den Vitamin-D-Mangel ermittelt. Dies geschieht in großen Kohortenstudien wie der UK Biobank, die die Blutproben von mehr als einer halben Million Briten enthält. Diese genetischen Risiken sind bereits bei der Geburt vorhanden. Sie sind unabhängig davon, ob ein Mensch im Alter krankheitsbedingt das Haus nicht mehr verlassen kann.

Diese Begleitrisiken sollten nach dem Zufallsprinzip gleich verteilt, sprich randomisiert sein. Deshalb der Begriff Mendelsche Randomisierung. Er ist nach dem Begründer der Vererbungslehre benannt und suggeriert, dass das Verfahren mit einer placebokontrollierten Studie vergleichbar ist, die eine wesentlich höhere Beweiskraft hat als eine epidemiologische Untersuchung.

Ein Team um Elina Hyppönen vom South Australian Health and Medical Research Institute in Adelaide hat mit einer Mendelschen Randomisierung untersucht, welchen Einfluss ein Vitamin-D-Mangel auf das Sterberisiko hat. Dies geschah mit den Daten von 307 601 Briten im Alter von 37 bis 73 Jahren, die zwischen 2006 und 2010 der UK Biobank Blutproben zur Verfügung stellten. Die Blutproben wurden genetisch untersucht. Dabei ließ sich feststellen, dass 35 Genvarianten die Konzentration von 25-Hydroxyvitamin D (25[OH]D) im Blutserum beeinflussen.

Die Analyse ergab, dass Menschen mit einem Risiko-Score, der einem 25(OH)D-Spiegel von < 50 nmol/l entsprach, ein erhöhtes Sterberisiko haben (wobei alle Todesfälle bis Juni 2020 gezählt wurden). Der 25(OH)D-Wert < 50 nmol/l gilt als allgemeine Grenze zum Vitamin-D-Mangel. Teilnehmer mit 25(OH)D-Spiegel von < 25 nmol/l hatten ein um 25 % höheres Sterberisiko als Teilnehmer mit einem 25(OH)D-Spiegel von 50 nmol/l.

Die Odds Ratio von 1,25 war mit einem 95-%-Konfidenzintervall von 1,16 bis 1,35 signifikant. Für einen Herz-Kreislauf-Tod ermittelte Hyppönen eine Odds Ratio von 1,25 (1,07–1,46), für den Krebstod von 1,16 (1,04–1,30) und für den Tod bedingt durch Atemwegserkrankungen von 1,96 (1,88 bis 4,67).

Bei einem 25(OH)D-Spiegel von < 10 nmol/l, der einen extremen Vitamin-D-Mangel anzeigt, war das Gesamtsterberisiko um den Faktor 6 erhöht (Odds Ratio 6,00; 3,22 bis 11,17). Für die 3 Gruppen von Todesursachen wurden folgende Odds Ratios ermittelt: 5,98 (1,73–20,59) für die Herz-Kreislauf-Erkrankungen-Mortalität, 3,37 (1,37–8,28) für die Krebsmortalität und 12,44 (4,32–35,85) für die respiratorische Mortalität.

Vitamin D im gesamten Organismus aktiv

Eine konventionelle „phänotypische“ Analyse, die die gemessenen Vitamin-D-Werte ohne den Umweg über den Risiko-Score mit dem Sterberisiko in Beziehung setzte, kam übrigens zu ähnlichen Ergebnissen. Teilnehmer mit einem 25(OH)D-Spiegel von 25 nmol/l hatten ein um 36 % höheres Sterberisiko als Teilnehmer mit einem 25(OH)D-Spiegel von 50 nmol/l (adjustierte Odds Ratio 1,36; 1,33–1,40).

Die extremen Risiken lassen sich plausibel mit der vitalen Rolle erklären, die Vitamin D in allen Zellen des Körpers hat. Das menschliche Genom enthält laut Hyppönen mindestens 13 000 bekannte Rezeptorbindungsstellen für Vitamin D in den Zellen. Die Studie unterstreicht die Notwendigkeit, einen „echten“ Vitamin-D-Mangel zu behandeln. Bei 25(OH)D-Spiegeln von > 50 nmol/l war kein Einfluss auf das Sterberisiko mehr erkennbar. Eine Vitaminsubstitution bei normalen Werten erscheint deshalb auch nach den Ergebnissen der Studie als nicht sinnvoll. Rüdiger Meyer

1.
Sutherland JP, Zhou A, Hyppönen E: Vitamin D Deficiency Increases Mortality Risk in the UK Biobank: A Nonlinear Mendelian Randomization Study. Ann Intern Med 2022, DOI: 10.7326/M21–3324 CrossRef MEDLINE
1. Sutherland JP, Zhou A, Hyppönen E: Vitamin D Deficiency Increases Mortality Risk in the UK Biobank: A Nonlinear Mendelian Randomization Study. Ann Intern Med 2022, DOI: 10.7326/M21–3324 CrossRef MEDLINE

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