ArchivDÄ-TitelSupplement: PRAXiSPraxis Computer 2/2000Aktionsforum Telematik im Gesundheitswesen: Arztbrief und Rezept künftig elektronisch?

Supplement: Praxis Computer

Aktionsforum Telematik im Gesundheitswesen: Arztbrief und Rezept künftig elektronisch?

Dtsch Arztebl 2000; 97(18): [2]

Geiss, Erhard

Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...
LNSLNS Das 1998 ins Leben gerufene
Aktionsforum Telematik im
Gesundheitswesen (ATG) ist
kürzlich mit ersten
Zwischenergebnissen an die
Öffentlichkeit getreten.

Kritischen Beobachtern scheint das wichtigste Ziel des Aktionsforums bereits jetzt erreicht. Denn erstmals in der Geschichte unseres Gesundheitswesens haben sich alle Spitzenorganisationen auf eine gemeinsame Konsensplattform für Telematik geeinigt. Dass hierzu die Zeit reif ist, lässt sich nicht nur aus der babylonischen Streubreite wenig kompatibler EDV-Projekte schließen. Übergreifende Rationalisierungsansätze erfordern grundsätzlich komplexe Abstimmsprozesse, die über die Technik hinaus auch Fragen der Finanzierung, der Vertragsgestaltung und der gesetzlichen Rahmenbedingungen betreffen.
Struktur des ATG
Statt neue Bürokratie zu etablieren, wurde die Geschäftsführung des Aktionsforums auf die Gesellschaft für Versicherungswissenschaft und -gestaltung (GVG e. V.) in Köln übertragen. Von dort aus werden die Aktivitäten koordiniert, ohne dass dadurch jedoch die Entscheidungskompetenzen der Spitzenorganisationen, die ausnahmslos Mitglieder der GVG sind, in Frage gestellt würden. Die Gremienstruktur des Aktionsforums wird in der Grafik dargestellt. Grundsätze und Geschäftspläne werden in einem „ATG-Ausschuss“ festgelegt, der sich aus Repräsentanten der Ärzte, Zahnärzte, Apotheker, Krankenhäuser, sonstigen Leistungserbringer sowie aller Kassenverbände zusammensetzt. Detailplanung und Controlling erfolgen im „Vorbereitungs- und Steuerungskreis“, der aus Fachleuten der genannten Organisationen besteht. Als Beirat, besetzt mit Experten aus Wissenschaft, Ministerien, Industrie- und Anwenderverbänden, dient das „Forum“. Dessen erste Sitzung im März 2000 reflektierte die hohen Erwartungen des Marktes bezüglich kurzfristiger Zielrealisierungen ebenso wie unterschiedliche Dringlichkeiten angesichts divergierender Interessenlagen der einzelnen Gruppen.
Vordringliche Arbeitsbereiche
Auf der Suche nach einem pragmatischen Projekteinstieg, der drängende Probleme exemplarisch löst und darüber hinaus standardisierende Breitenwirkung in der Telematikanwendung nach sich zieht, hat sich das Aktionsforum auf ein Maßnahmenbündel geeinigt, an dem bereits gearbeitet wird. Ziel ist die Erstellung von so genannten Managementpapieren, die Art und Umfang des vordringlichen Handlungsbedarfs auf folgenden Geschäftsfeldern entscheidungsreif darstellen sollen:
1. Elektronischer Arztbrief – Verbesserung der zwischenärztlichen Kommunikation durch standardisierten und gesicherten Telematikeinsatz.
2. Elektronische Verordnung – Nutzung der neuen Technologien zur Rationalisierung der Verwaltungsabläufe und Optimierung der Datenlage.
3. Sicherheitsinfrastruktur – Maßnahmenkatalog zur Gewährleistung des Datenschutzes und der Datensicherheit bei Einsatz elektronischer Kommunikations- und Dokumentationsverfahren.
4. Internationale Einflüsse – Übersicht technischer oder politischer Normierungstendenzen außerhalb Deutschlands, soweit sie nationale Telematikvorhaben tangieren.
Die Ergebnispapiere werden in der zweiten Jahreshälfte als synoptische Darstellungen zwischen den Spitzenorganisationen abgestimmt und anschließend rechtzeitig zu den Haushaltsberatungen für 2001 den Gremien zur Beschlussfassung vorgelegt. Dann wird sich zeigen, ob die Argumente so überzeugend ausfallen, dass Finanzmittel für konkrete Projekte bereitgestellt werden. Schon jetzt haben die zuständigen Ministerien sowie die Industrie im Fall positiver Beschlüsse ihre Förderung in Aussicht gestellt.
In Fachkreisen besteht kein Zweifel: Elektronische Arztbriefe und Verordnungen werden kommen, denn sie bergen hinsichtlich Zeit, Qualität und Kosten eine Reihe unbestrittener Vorteile. Die erforderliche Technologie ist längst vorhanden und in anderen Branchen Routine. Selbst zertifizierte Verfahren zur Einhaltung verschärfter Datenschutzbestimmungen können anwendungsreif demonstriert werden. Was fehlt, ist die verbindliche Festlegung konkreter, einheitlicher Vorgehensweisen zwischen den Beteiligten.
Allerdings besteht das Aktionsforum keineswegs aus Technik-Freaks. Voraussetzung jeglicher Projektarbeit ist, dass die neuen Verfahren von den Betroffenen als eindeutig vorteilhaft beurteilt und somit akzeptiert werden. Weiterhin muss ein nachhaltiger wirtschaftlicher Vorteil für alle Beteiligten kalkulierbar sein, der den zusätzlichen Aufwand deutlich übersteigt.
Damit sind die flankierenden vertraglichen und gesetzlichen Voraussetzungen angesprochen. Durch Novellierungen der einschlägigen SGB-Bestimmungen sowie der nachfolgenden vertraglichen Regelungen ist die Verbindlichkeit der neuen Abläufe bzw. deren Ablauforganisation zu regeln. Auch Übergangsfristen und Einführungsstrategien sind abzustimmen. Es gilt, die Leistungsfähigkeit des Gesundheitswesens im eigentlichen Kerngeschäft wieder zu steigern und den Ballast administrativer Belastung mittels einfacher Technologie abzuwerfen. Dies alles braucht Zeit. Aber die erste Hürde ist genommen. Mit Gründung des ATG wurden sowohl die Dringlichkeit sachdienlicher Telematikstandards wie auch die Konsenspflicht auf bundesweiter Basis anerkannt.
Noch viel Skepsis in der Industrie
Die Hersteller von EDV-Systemen, Netztechnik, Software und Zubehör reagieren ebenso wie die regionalen Telematikinitiativen vorerst skeptisch. Sollte es tatsächlich gelingen, standardisierte Verfahren zu erhalten, würde sich der Elektronikeinsatz flächendeckend verbreiten. Infolge einheitlicher Schnittstellen, Nachrichtenformate und Übermittlungsverfahren könnten die Lösungen kostengünstiger angeboten werden. Wartung und Änderungsdienst wären einfacher, und die Doppelorganisation von Papier nebst EDV hätte ein Ende. In der Arztpraxis würde sogar mehr Ruhe eintreten, weil Überweisungen, Verordnungen und Arztbriefe nicht mehr gedruckt, sondern auf Chips gespeichert oder per E-Mail versandt werden. Aber bis die neue Zeit anbricht, geht noch viel Wald in die Papierfabrik. Erhard Geiss
Informationen: GVG, Hansaring 43, 50670 Köln, E-Mail: hansa1@gvg-koeln.de
Anzeige

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

Fachgebiet

Zum Artikel

Anzeige

Alle Leserbriefe zum Thema