ArchivDeutsches Ärzteblatt30/1996Der lange Weg zur Anerkennung durch die Schulmedizin

POLITIK: Medizinreport

Der lange Weg zur Anerkennung durch die Schulmedizin

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LNSLNSLNSLNS Nur durch fundierte wissenschaftliche Studien und Forschung sowie interdisziplinäre Zusammenarbeit wird es der Akupunktur gelingen, als Komplementärmedizin auch an den Universitäten anerkannt zu werden. Um die Qualität der Ausbildung sicherzustellen und nach außen zu dokumentieren, empfahl Prof. Johannes Bischko (Wien) – Pionier der europäischen wissenschaftlichen Akupunktur – den deutschen Kollegen, für diese Disziplin eine volle Anerkennung durch die Behörden anzustreben. In Österreich müssen Akupunkteure nach einer kontrollierten Ausbildung eine Prüfung mit staatlichem Charakter absolvieren und erhalten ein Diplom der Ärztekammer.
Auch in Bulgarien ist die Akupunktur als komplementärer Teil der Medizin anerkannt; notwendig ist eine dreimonatige Ausbildung in Theorie und Praxis an der Unversität – die auch Deutsche absolvieren können. "Anders als in den deutschen Wochenendkursen wird bei uns gleichermaßen auf Theorie und Praxis Wert gelegt", erläuterte Dr. Emil Iliev (Sofia) kritisch. Die Qualifikation wird vom Ge­sund­heits­mi­nis­terium über die zuständige bulgarische Gesellschaft kontrolliert. Akupunkteure fänden sich an nahezu allen großen Kliniken, speziell in der Schmerztherapie.
Auf eine Volksinitiative hin mußte die Universität Bern ihre Pforten für die Komplementärmedizin öffnen; entstanden ist ein derzeit einzigartiges Modell – die Kollegiale Instanz für Komplementärmedizin mit vier Lehrstuhläquivalenten: Traditionelle chinesische Medizin einschließlich Akupunktur, Neuraltherapie, anthroposophische Medizin und klassische Homöopathie. Die Aufgaben liegen nach den Ausführungen von Dr. Brigitte Ausfeld-Hafter (Bern) in Lehre, Forschung und Konsilien. Geplant oder bereits begonnen sind Studien zu hochpotenzierten Substanzen, zur Lebensqualität von Krebspatienten und eine Validierung der Akupunkturtherapie bei Kopfschmerzen. Die Institution vergibt auch Dissertationen.
In der Bundesrepublik hat die Universität Gießen vor 25 Jahren als erste ihre Pforten für die Akupunktur geöffnet; seit 1974 verfügt Prof. Horst Herget (Gießen) über eigene Räume, später wurde die Abteilung zum selbständigen Funktionsbereich. Durch eine Studenteninitiative wurde vor 20 Jahren auch an der Münchener Ludwig-Maximilians-Universität die Akupunktur "hoffähig"; Dr. Jochen Gleditsch (München) und seine Mitarbeiter bieten heute eine zweisemestrige "Lehrzeit" als Start für eine Spezialausbildung an. Ebenso wie sein Gießener Kollege kann Gleditsch auf eine erfolgreiche Teamarbeit mit Schmerztherapeuten, Anästhesiologen, Chirurgen und Psychologen verweisen.
In Mainz wird die Akupunktur im Lehrauftrag seit 1992 in Theorie und Praxis von zwei niedergelassenen Ärzten mit Spezialausbildung bestritten, Dr. Walburg Maric-Oehler (gleichzeitig 1. Vorsitzende der Deutschen Ärztegesellschaft für Akupunktur) und Dr. Klaus Hünten. In der interdisziplinären Schmerzambulanz der Klinik hat diese Methode jedoch seit längerem einen festen Stellenwert. Wie Dr. Rainer Schwab ausführte, allerdings nach klaren Regeln – und keinesfalls für alle Patienten. Er wandte sich vehement gegen ein Vorgehen nach dem Motto: Ich akupunktiere alles, es kann ja nicht schaden. Schwab verwies mit Nachdruck auf eine klare Diagnosestellung, wobei schon früh eine psychogene Genese der Schmerzstörung einbezogen werden sollte, nicht erst am Ende als Ausschlußdiagnose. Denn nach einer Studie an über 300 Patienten in der Universitätsambulanz liegt den Störungen zu immerhin 28 Prozent ein somatoformer, zu 36 Prozent ein dysfunktioneller und zu 18 Prozent ein nozizeptiver oder neuropathischer Schmerz zugrunde.
"Die Chronifizierung der somatogenen Schmerzstörung ist ganz wesentlich eine iatrogene", betonte der Referent und sprach sich aus diesem Grund explizit für eine Prävention über erweiterte Diagnosekenntnisse bezüglich psychiatrischer und psychosomatischer Schmerzen aus – speziell bei Orthopäden, Zahnärzten und Neurologen. Le

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