ArchivDÄ-TitelSupplement: PRAXiSPraxis Computer 2/2000Die Cochrane Library: Gesichertes medizinisches Wissen

Supplement: Praxis Computer

Die Cochrane Library: Gesichertes medizinisches Wissen

Dtsch Arztebl 2000; 97(18): [23]

Antes, Gerd; Koch, Georg

Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...
LNSLNS Systematische Übersichtsarbeiten zur Bewertung von Therapien zu erstellen, aktuell zu halten und zu verbreiten, ist das Ziel der
Cochrane Collaboration, eines
internationalen Netzes von
Wissenschaftlern und Ärzten.
Die Cochrane Library bietet einen umfassenden Zugang zu
Übersichtsarbeiten und
klinischen Studien.
Das Schlagwort von der Informationsgesellschaft ist heute in aller Munde, genaueres Hinschauen zeigt jedoch meist rasch, dass es sich hier eher um eine Vision als um gegenwärtige Realität handelt. So ist es auch in der Medizin: Trotz erheblicher Bemühungen, den in der Gesundheitsversorgung Betroffenen gesundheitsrelevante Information zur Verfügung zu stellen, sind die Mängel des Informationsprozesses augenscheinlicher als die bisher erzielten Erfolge.
In dem weiten Bogen von der Entstehung von Erkenntnis und Wissen über die Vermittlung bis hin zur richtigen Umsetzung gibt es eine Vielzahl von Einflüssen, Verfälschungen und Verzerrungen, die allesamt minimiert werden müssen, um dem Nutzer eine möglichst valide und vertrauenswürdige Information zu liefern und damit eine für die jeweilige Situation optimale Entscheidung zu ermöglichen.
Die Faktoren, die den Weg der Erkenntnis störend beeinflussen, betreffen dabei sowohl den eigentlichen Publikationsprozess als auch die Probleme mit der Auffindbarkeit von vorhandener Information. Einen besonders starken Effekt hat die Tendenz, die Publikation von Studien mit signifikanten Ergebnissen mit großer Energie zu verfolgen, während Studien ohne solche Resultate weit weniger oft oder beträchtlich langsamer zur Publikation gelangen. Daraus resultiert eine systematische Überschätzung von Effekten aufgrund der übertriebenen Wahrnehmung der markanten Ergebnisse. Für die Suche nach Information ist der oft mangelnde Zugang zu den entsprechenden Quellen ebenso hinderlich wie die fehlende Kompetenz für eine effiziente Suche. Hinzu kommt häufig noch die wenig anwenderfreundliche Organisation von Datenbanken und anderen Recherchequellen. Sich in den vorhandenen Strukturen zielsicher zu bewegen, ist außerordentlich schwierig, so dass die Suche nach Information meistens eher einem Zufallsprozess als einem systematischen Vorgehen gleicht.
Uneigennützige Rechercheangebote sind zudem selten; oft werden Informationsplattformen von Institutionen angeboten, die ein eigenständiges Interesse haben und dies, auffällig oder versteckt, in das Informationsangebot einfließen lassen. Alle diese Einflüsse führen dazu, dass man auch an der Schwelle zur vielbeschworenen Informationsgesellschaft in hohem Maße mit Informationsdefiziten, -überfluss und Fehlinformation konfrontiert ist, die einen rationalen Entscheidungsprozess erschweren.
Systematische Übersichtsarbeiten
Der Weg von wissenschaftlicher Erkenntnis zur medizinischen Praxis verläuft in der Regel über wissenschaftliche Artikel, in denen die Resultate der Forschung dargestellt werden. Die enorme Anzahl an Veröffentlichungen im Online- und Printbereich hat aber inzwischen geradewegs in eine Informationskrise geführt, da es dem Einzelnen auch nicht einmal ansatzweise möglich ist, die für ihn relevante Information mit vertretbarem Zeitaufwand zu finden und aufzunehmen.
Um hier Hilfestellung zu leisten, entwickelte sich neben der Originalliteratur (= Primärliteratur) so genannte Sekundärliteratur. Dazu gehören kompakte Zusammenfassungen von Artikeln, die durch systematische Durchsicht von geeigneten Zeitschriften identifiziert und als relevant und qualitativ hochwertig eingestuft wurden. Dadurch werden sowohl das Such- wie auch das Mengenproblem reduziert, es bleibt jedoch die willkürliche Selektion der Artikel. Herausragend und empfehlenswert ist die auf CD-ROM angebotene Sammlung „Best Evidence“ (BMJ Publishing Group, www.bmjpg.com; Bezug über den Buchhandel).
Der umfassendste Versuch, das vorhandene Wissen (auch als Evidenz bezeichnet) vollständig zu berücksichtigen und nach einer Qualitätsbewertung zusammenzufassen und möglichst weit zu verbreiten, erfolgt in systematischen Übersichtsarbeiten (Systematic Reviews). Die methodischen Anforderungen an solche Arbeiten sind darauf ausgerichtet, die gestellten Fragen mit minimaler Verzerrung zu beantworten und damit der Wahrheit möglichst nahe zu kommen.
Die Cochrane Collaboration
Um die vorhandene Evidenz für die gesamte Medizin in Übersichtsarbeiten zusammenfassen zu können, wird neben den personellen und finanziellen Ressourcen ein logistischer Rahmen benötigt, der den Reviewprozess in jeglicher Hinsicht unterstützt. Die Cochrane Collaboration als ein weltweites Netzwerk von mehr als 5 000 Angehörigen der Gesundheitssysteme will dazu beitragen, indem sie sich zum Ziel gesetzt hat, qualitativ hochwertige systematische Übersichtsarbeiten anzufertigen, aktuell zu halten und zu verbreiten (Schlagwort Dissemination).
Dazu wird unter anderem Software entwickelt und bereitgestellt, in Workshops und Schulungen in die einzelnen Aspekte der Reviewtätigkeit eingeführt und der Zusammenhalt und die Vernetzung der organisatorischen Einheiten gefördert. Eckpfeiler dieses Netzwerks und der Arbeit sind die weitestmögliche Transparenz, die strikte Vermeidung von Doppelarbeit durch die weltweite frühzeitige Registrierung der Reviewtitel, die regelmäßige Aktualisierung der Reviews und die dafür notwendige Ausrichtung auf elektronische Medien und Kommunikationsmittel. Die für die Reviewerstellung notwendigen Programme sowie die Literatur sind im Internet frei zugänglich (Adresse siehe Kasten), ebenso die Zusammenfassungen (Abstracts) der Reviews.
Die organisatorischen Einheiten der Collaboration widmen sich verschiedenen Aufgaben. In Deutschland ist das Cochrane Zentrum in Freiburg (finanziert vom Bundesministerium für Bildung und Forschung, BMBF) verantwortlich für die Betreuung des deutschsprachigen Raums. Darüber hinaus sind zwei Basen von Reviewgruppen seit kurzem in Deutschland angesiedelt: Die „Endocrine and Metabolic Disorders Group“ an der Klinik für Stoffwechselkrankheiten und Ernährung des Universitätsklinikums in Düsseldorf und die „Haematological Disorders Group“ als Teilprojekt des ebenfalls vom BMBF geförderten Kompetenznetzwerkes für maligne Lymphome, mit Basis im Universitätsklinikum Köln.
Die Cochrane Library
Das wichtigste Produkt der Cochrane Collaboration ist die Cochrane Library. Dabei handelt es sich um eine Sammlung von mehreren Datenbanken, die mit einem einheitlichen Suchalgorithmus gleichzeitig durchsucht werden können.
Die einzelnen Datenbanken enthalten Übersichtsarbeiten auf unterschiedlichem Qualitätsniveau. Herausragend sind die systematischen Übersichtsarbeiten, die nach den Regeln der Cochrane Collaboration angefertigt wurden. Sie enthalten detaillierte Angaben zu den eingeschlossenen sowie zu den wegen fehlender Qualität nicht eingeschlossenen Studien. Die quantitativen Ergebnisse lassen sich in so genannten Forest-Plots grafisch darstellen. Um die Änderungen der regelmäßig aktualisierten Cochrane Reviews verfolgen zu können, werden substanzielle Neuerungen entsprechend gekennzeichnet.
Weitere Übersichtsarbeiten sind in den anderen Datenbanken als Abstracts oder als bibliographische Hinweise enthalten. Die bibliographische Datenbank mit Artikeln über klinische Studien enthält die entsprechenden Einträge aus Medline, dazu Einträge aus anderen Datenbanken (zum Beispiel aus Embase von Elsevier) sowie viele Literaturzitate von bisher nicht elektronisch erfassten Artikeln.
Ein möglicher Zugang zur Library erfolgt über zentral installierte Versionen. Für die niedergelassene Ärzteschaft bietet das Deutsche Gesundheitsnetz (DGN) dazu die Möglichkeit (siehe www.dgn-service.de), während es in einigen Universitätsklinika einen allgemeinen Zugang gibt, so zum Beispiel in Baden-Württemberg aufgrund einer Lizenz durch das Konsortium der Landesbibliotheken.
Individuelle Lizenzen sind sowohl für CD-ROM als auch als Online-Version möglich, die beide als Abonnement – mit vierteljährlicher Aktualisierung – am besten direkt von Update Software, Oxford, zu beziehen sind (Informationen zum Bezug siehe unten). Für die Online-Version sind die üblichen Browser ausreichend, während die CD-ROM-Version ab Windows 95 genutzt werden kann.
Die Cochrane Library bietet ein weites Spektrum an anspruchsvoller wissenschaftlicher Information aus der Medizin. Damit ist sie sowohl für die Forschung als auch für Endverbraucher aus dem ärztlichen und institutionellen Bereich und letztlich auch für Patienten von Nutzen. Der Detaillierungsgrad in der Darstellung sowie der ausschließlich englische Sprachgebrauch stellen allerdings relativ hohe Anforderungen an das Verständnis des Nutzers und erfordern einen gewissen Aufwand.
Gerd Antes, Georg Koch


Kontaktadresse:
Deutsches Cochrane Zentrum, Institut für Medizinische Biometrie und Informatik, Stefan-Meier-Straße 26, 79104 Freiburg, Fax: 07 61/2 03 67 12, E-Mail: mail@cochrane.de, Internet: www.cochrane.de
Bezug der Cochrane Library:
Update Software Ltd., Summertown Pavilion, Middle Way, Summertown, Oxford OX2 7LG, United Kingdom, Fax: 00 44 18 65 51 69 18, E-Mail: info@update.
co.uk, Internet: www.update-software.co.uk

Literatur
Antes G, Bassler D, Galandi D: Systematische Übersichtsarbeiten: Ihre Rolle in einer Evidenz-basierten Gesundheitsversorgung. Deutsches Ärzteblatt 1999; 96: A-616 [Heft 10]
Perleth M, Antes G (Hrsg.): Evidenz-basierte Medizin: Wissenschaft im Praxisalltag. München: Urban & Vogel Medien & Medizin Verlagsgesellschaft mbH 1999 (2. Auflage)
Anzeige

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

Fachgebiet

Zum Artikel

Anzeige

Alle Leserbriefe zum Thema