ArchivDeutsches Ärzteblatt30/1996Ergebnisse einer Befragung: Evaluation von ärztlichen Qualitätszirkeln

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Ergebnisse einer Befragung: Evaluation von ärztlichen Qualitätszirkeln

Birkner, Berndt

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LNSLNSLNSLNS Mit der Einführung der Qualitätszirkel 1993 in das Gesundheitswesen hat die Kassenärztlichen Bundesvereinigung Neuland beschritten. In drei Jahren erfolgte eine bundesweite Realisierung der Qualitätszirkel. Erste vorliegende Evaluationsergebnisse zeigen die Bedeutung der Qualitätszirkel für das ärztliche Qualitätsmanagement und die Kommunikationsverbesserung des Dialogs zwischen Klinik und Arztpraxis. Ein Bericht aus der Praxis der Qualitätssicherung.


Der ärztliche Qualitätszirkel wurde durch die Richtlinien der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV) vom Mai 1993 zur Ausgestaltung des § 135 SGB V in die Qualitätssicherung der vertragsärztlichen Versorgung eingeführt (1). Die weitere Umsetzung erfolgte auf Landesebene. So hat zum Beispiel die Kassenärztliche Vereinigung Bayerns (KVB) Fördergrundsätze der Qualitätszirkel in Bayern erlassen (2, 3). Erfahrungen über die Arbeit der Qualitätszirkel existieren vorwiegend im industriellen Bereich. Die Deutsche Gesellschaft für Qualität e.V. (DGQ) hat Grundzüge der Qualitätszirkelarbeit beschrieben (7). Sie können auch als Grundlage ärztlicher Qualitätszirkel herangezogen werden. Diese sind unverzichtbarer Bestandteil der Qualitätssicherung in der vertragsärztlichen Tätigkeit und des Qualitätsmanagements in der Praxis (4).
Die Evaluierung der Qualitätszirkelarbeit muß zu einer kontinuierlichen Begleitung der Qualitätssicherung ausgebaut werden. Seit Einführung des ärztlichen Qualitätszirkels als Methode der Qualitätssicherung fehlen Daten zur Evaluation. Deshalb führte der "Qualitätszirkel Gastroenterologie" in München eine anonyme Teilnehmerbefragung durch. Seit Anfang 1994 besteht dieser von der Kassenärztlichen Vereinigung Bayerns und der Bayerischen Lan­des­ärz­te­kam­mer geförderte Qualitätszirkel (5).
Den Teilnehmern des "Qualitätszirkels Gastroenterologie" wurde im Dezember 1995 nach zweijähriger kontinuierlicher Tätigkeit im Zirkel ein Fragebogen übermittelt. Dieser umfaßt 14 Aussagen bzw. Fragen. Den 11 Aussagen waren fünf Beantwortungsmöglichkeiten: "zutreffend", "nahezu zutreffend", "teilweise zutreffend", "in geringem Umfang zutreffend" und "unzutreffend" vorgegeben. Diese konnten in der Reihenfolge 1 bis 5 angekreuzt werden. Daneben waren drei frei zu beantwortende Fragen zu einem Verbesserungsvorschlag bzw. zur Nennung des positivsten und negativsten Eindrucks gestellt. Die Auswertung erfolgte nach der prozentualen Häufigkeit der vorgegebenen Antworten.
Die Rücklaufquote betrug 80 Prozent (12 von 15). Verbesserungsvorschläge wurde von keinem Teilnehmer unterbreitet. In freier Form wurden in der Mehrzahl positive Eindrücke wiedergegeben. Unter den negativen Eindrücken wurde eine nicht abgestimmte Datenweitergabe zur Veröffentlichung im Rahmen eines Fachkongresses von vier Mitgliedern genannt. Entscheidende Erfahrungen sind der Dialog zwischen Klinikern und Vertragsärzten, der Austausch mit Kollegen über gemeinsame Probleme, das Erkennen des Qualitätszirkels als eine Methode der Qualitätssicherung in der Problementdeckung, Analyse und Überprüfung von Leitlinien. Das Verständnis für Qualitätssicherung und Qualitätsmanagement konnte dadurch gefördert werden. Die mehrheitliche Empfehlung der Teilnehmer an Kollegen, sich an der Qualitätszirkelarbeit zu beteiligen, unterstreicht die persönliche positive Einstellung zur Qualitätszirkelarbeit. Die Verbesserung der eigenen Zufriedenheit kann trotz positiver Einschätzung des Erfahrungsaustausches und des kollegialen Dialogs im Zirkel alleine nicht erreicht werden. Dies mag unter Berücksichtigung des Zeitpunktes der Einführung von EBM 1996, ICD-10 und GOÄ 1996 auch andere Gründe haben, die den positiven Erfahrungseindruck relativieren.


Freiwillige Teilnahme
Die Ergebnisse der Teilnehmerbefragung zeigten, daß die praktizierte Methode in der Lage ist, eine teilnehmerorientierte Evaluierung durchzuführen. Die freiwillige Teilnahme am Qualitätszirkel ist eine Grundvoraussetzung des Qualitätszirkels (1, 2, 3). Das kontinuierliche Engagement im Qualitätszirkel kann nur dann erwartet werden, wenn den Teilnehmern ein Nutzen erreichbar erscheint. Eine Teilnehmerbefragung kann zum positiven Feedback und zur Beseitigung von Schwachstellen in der Qualitätszirkelarbeit führen. Auf diese Weise kann eine Qualitätssicherung der Qualitätszirkelarbeit erreicht werden.
Da die Struktur des Qualitätszirkels Gastroenterologie und die personelle Zusammensetzung gebietshomogen ist, schafft sie gute Voraussetzungen für eine erfolgreiche Zirkeltätigkeit. Aus diesem Grund sind aus dem Qualitätszirkel Gastroenterologie mehrere Qualitätssicherungs-maßnahmen bereits hervorgegangen (5, 6). Der Qualitätszirkel kann zudem als ein wichtiges Instrument nicht nur zur fachgebietsspezifischen Fortbildung, sondern auch zur Fortbildung in Qualitätssicherung und Qualitätsmanagement angesehen werden. Auf diese Weise kann der Qualitätszirkel auch Inhalte der Weiter­bildungs­ordnung für Qualitätssicherung vermitteln. Der Kenntnisstand der Teilnehmer über Qualitätssicherung nach zweijähriger Tätigkeit ist überdurchschnittlich. An den Antworten ist abzulesen, daß die Methode Qualitätszirkel erkannt wird und richtig in den Qualitätssicherungsprozeß eingeordnet werden kann.
Die interkollegiale Kommunikation und der Dialog zwischen Klinik und Arztpraxis ist eine uneingeschränkt positive Erfahrung der Zirkeltätigkeit. Alle Teilnehmer beurteilten die Aussage, der Qualitätszirkel unterstütze den Dialog zwischen Klinik und Praxis, als zutreffend. Dieser erfüllt dadurch in der Qualitätssicherung der Schnittstellenproblematik und in der Verzahnung der ambulanten und stationären Versorgung eine wichtige Rolle. Qualitätssicherung und Qualitätsverbesserung ist auch und in besonderem Maße ein Weg zur Kommunikationsverbesserung. Damit wird eine wichtige Voraussetzung zur kontinuierlichen Verbesserungsarbeit geschaffen. Gleichzeitig liegt darin der größte persönliche Gewinn und die Motivation, sich an der gemeinsamen Qualitätsverbesserungsstrategie zu beteiligen. Die Moderation sollte fachspezifisch und aktivierend sein. Hierdurch wird die Auffassung widerlegt, daß ein Moderator weder fachlich orientiert sein noch in den Ablauf mitbestimmend eingreifen sollte.


Evaluierung notwendig
Die Einführung des Qualitätsmanagements in die medizinische Versorgung ist die vordringliche Aufgabe der Ärzteschaft. Damit macht sie sich unabhängig vom Gesetzgeber und den Kostenträgern. Das Qualitätsmanagement mit dem Schwerpunkt der Optimierung der Versorgungsabläufe ist nur mit dem verantwortlichen Management der Ärzte selbst zu erreichen. Der Qualitätszirkel als Methode des Qualitätsmanagements hat in der Umsetzung in die Routineversorgung eine herausragende Rolle.
Die Ergebnisse der Münchener Befragung zeigen die Notwendigkeit der Evaluierung der Qualitätszirkelarbeit auf. Die Ergebnisse sind posi-tiv. Sie stellen den Qualitätszirkel als eine Methode des Qualitätsmanagements richtig dar und lassen erkennen, daß den Teilnehmern diese Erfahrung bewußt wird. Ein wichtiges Erfahrungselement ist die interkollegiale Kommunikation und der Erfahrungsaustausch zwischen Klinik und Praxis. Die dargelegte Rolle der Moderation sollte in Konzepte zum Moderatorentraining einfließen, das vorwiegend auf die Vermittlung kommunikativer Kompetenz ausgerichtet ist.
Die Funktion der Überprüfung von Leitlinien durch Qualitätszirkel sollte in der weiteren Entwicklung von Leitlinien, ihrer Verbreitung und besonders ihrer Umsetzung berücksichtigt werden. Die Qualitätszirkel können auf diese Weise eine Evaluierung der Leitlinien in der Routineversorgung unterstützen. Eine kontinuierliche Evaluierung durch Befragungen und durch Beurteilung der Ergebnisse konkreter Qualitätssicherungsmaßnahmen ist Grundvoraussetzung erfolgreicher Qualitätssicherung. Allen Qualitätszirkeln kann diese Form der Evaluierung, die einfach durchführbar ist, empfohlen werden.

Anschrift des Verfassers:
Dr. med. Berndt Birkner
Internist – Gastroenterologie – Medizinische Informatik
Stellvetretender Vorsitzender der gemeinsamen Kommission Qualitätssicherung der Bayerischen Lan­des­ärz­te­kam­mer und der Kassenärztlichen Vereinigung Bayerns
Leiter des Qualitätszirkels Gastroenterologie München
Einsteinstraße 1
81675 München
Literatur
1. Richtlinien der Kassenärztlichen Bundesvereinigung für Verfahren zur Qualitätssicherung (Qualitätssicherungsrichtlinien der KBV) gemäß §135, Abs. 3 SGB V. Kassenärztliche Bundesvereinigung, Köln, Mai 1993
2. Ottmann K, Birkner B: Einführung und Förderung der Qualitätszirkel in Bayern. Bayer Ärztebl 1994: 372
3. Vorstand der Kassenärztlichen Vereinigung Bayerns. Grundsätze des Vorstandes der KVB zur Förderung von Qualitätszirkeln. Bayer Ärztebl 1994: 373
4. Häussler B: Vom Qualitätszirkel niedergelassener Ärzte zum Qualitätsmanagement in der Arztpraxis. Zur Entwicklung der Qualitätssicherung in der ambulanten medizinischen Versorgung. Arbeit und Sozialpolitik 1995: 36
5. Birkner B: Qualitätsmanagement in der Gastroenterologie. Erfahrungen des Qualitätszirkels Gastroenterologie München. München Med Wschr 137; 1995: 588
6. Bader L, Ruckdeschel G: QZGE: Hygienekontrollen flexibler Endoskope als Qualitätssicherungsmaßnahme der Gastroenterologie in Klinik und Praxis. 47. Kongreß DGHM, Immun Infekt 1995, 23 (suppl 1): 95
7. Schubert M: Praxis der Qualitätszirkel-Arbeit. DGQ-Schrift Nr. 14-12. Beuth Verlag, Berlin; 1989

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