ArchivDÄ-TitelSupplement: PRAXiSPraxis Computer 2/2000Videokonferenzsysteme: Blickkontakt im Internet

Supplement: Praxis Computer

Videokonferenzsysteme: Blickkontakt im Internet

Dtsch Arztebl 2000; 97(18): [28]

Koc, Fevzi

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LNSLNS Noch vor wenigen Jahren war die Videokonferenz technisch aufwendig und daher nur sehr teuer zu verwirklichen. Mit der Verbreitung des Internets hat sich dies geändert: Über das Netz kann man nicht nur zum Ortsteil weltweit telefonieren, sondern auch mit mehreren Teilnehmern in Echtzeit per Videokonferenz kommunizieren.

Der Einsatz von Videokonferenzsystemen, das heißt von Systemen, die eine kombinierte Videobild- und Sprachübertragung ermöglichen, eröffnet Ärzten neue Wege, um zum Beispiel räumliche Distanzen zwischen Kollegen oder Patienten zu überbrücken oder Untersuchungsergebnisse elektronisch zu übermitteln. Eine der wichtigsten Voraussetzungen ist hierbei die Bilddatenübertragung in Echtzeit über tausende von Kilometern. Bei der Videokommunikation steht nicht allein die Einsparung von Reisekosten, sondern vielmehr die Zeitersparnis im Vordergrund.
Aufgrund von Leistungsverbesserungen im Hard- und Software-Bereich können Videokonferenzsysteme inzwischen auch mit Desktop-PCs eingesetzt werden. Die Systemvoraussetzungen sind niedrig:
N Internet-Zugang, vorzugsweise mit ISDN-Anschluss. Eine Videokonferenz läuft umso besser, je mehr Bandbreite (schnelle Leitungen) zur Verfügung steht.
N Soundkarte.
N Mikrofon, Kopfhörer oder Lautsprecher (am besten ein Kopfset, wo die Hände frei bleiben).
N Internet-Kamera, so genannte WebCams. Solche Kameras sind für rund 200 DM erhältlich. Videokameras mit USB-Anschluss erfordern keine zusätzliche Videokarte, sondern können direkt an den Rechner angeschlossen werden. Meistens werden sie über dem Monitor angebracht. Das „Create & Share Camera Pack USB“ von Intel etwa ist einfach zu installieren und beinhaltet eine umfangreiche Software-Ausstattung. Wer eine höhere Bildqualität benötigt, kann auch handelsübliche digitale Kameras einsetzen. Diese blähen jedoch aufgrund der höheren Auflösung die Dateigröße erheblich auf.
N Videokonferenz-Software.
Neben dem Programm „NetMeeting“ des Marktführers Microsoft gibt es eine Reihe weiterer Anbieter (siehe Kasten mit Beispielen). Davon zu unterscheiden sind für die medizinische Telediagnostik entwickelte Komplettsysteme von Siemens und der Deutschen Telekom. Letztere bieten die Möglichkeit, medizinische Geräte direkt an den Rechner anzuschließen und die Röntgen- oder Ultraschallbilder während einer Videokonferenzsitzung unmittelbar zu übertragen.
Ablauf einer Videokonferenz
Am Beispiel von „NetMeeting“ wird im Folgenden die technische Durchführung einer Videokonferenz beschrieben: Das kostenfreie Kommunikationsprogramm ist ein Bestandteil
des Internet Explorers ab Version 4.0 und in Windows 98 enthalten. Bei Windows 95 muss der Internet Explorer installiert werden. Unter der Adresse www.microsoft.com/windows/ie_intl/de/netmeeting kann das Programm auch aus dem Internet heruntergeladen werden. Die Vorteile: Es ist sehr verbreitet, ermöglicht das Telefonieren übers Internet, Videokonferenzen, das gemeinsame Arbeiten mehrerer Online-Teilnehmer in Anwendungen wie Word und Excel, Konferieren über Tastatureingabe und das Übertragen von Dateien. NetMeeting eignet sich für den Einsatz sowohl in lokalen oder geschlossenen Netzen als auch für das Internet.
Beim Start von NetMeeting wird der Anwender von einem Assistenten begrüßt, der die Funktionen des Programms erläutert. Da sich jeder Teilnehmer im Internet mit seiner IP-Nummer (Identitätsnummer) anmeldet und vor allem Online-Dienste diese Nummern dynamisch beim Einwählen verteilen, hat Microsoft den Benutzerstandortdienst (engl. Internet-User Location Service, ILS) eingerichtet. Teilnehmer werden hier über ihre E-Mail-Adressen erfasst und erkannt. Microsoft bietet standardmäßig sechs ILS-Server an. Die Teilnehmer einer Konferenz müssen sich auf einen dieser Server einigen und dort anmelden.
Wenn die Online-Verbindung steht, ist im NetMeeting-Fenster das Teilnehmerverzeichnis sichtbar. Das Verzeichnis zeigt die registrierten Benutzer mit ihren persönlichen Daten. Anhand kleiner Symbole bei jedem Eintrag ist zu erkennen, ob die Teilnehmer über Audio- oder Video-Übertragung verfügen. Ist nur ein Lautsprechersymbol angezeigt, kann mit dem Teilnehmer lediglich telefoniert werden. Wenn zusätzlich ein Kamerasymbol erscheint, ist auch eine Videokonferenz möglich. Der Anwender wählt aus der Liste einen Gesprächspartner aus und kann mit einem Doppelklick eine Verbindung aufbauen, vorausgesetzt, der gewünschte Partner befindet sich auch im Internet.
Blinkt ein roter Stern neben dem Bildschirmsymbol der Benutzerdaten, befindet sich der Teilnehmer gerade in einer Konferenz. Ein Doppelklick darauf führt zur Meldung, ob die Teilnahme an der laufenden Videokonferenz erwünscht ist. Bei erfolgreicher Verbindung erscheint das eigene Bild im oberen und das der anderen Teilnehmer im unteren Fenster. Über Kontrollflächen im Videofenster lässt sich die Übertragung steuern.
Medizinische
Anwendungsbeispiele
N Übertragung medizinischer Bilder: Mit einer digitalen Kamera werden zum Beispiel Röntgenbilder direkt vom Leuchtschirm aufgenommen, digitalisiert und online übertragen. Da die Bilder dabei erheblich an Qualität verlieren, ist dies Verfahren noch keine echte Alternative zur teleradiologischen Bildübermittlung mittels DICOM-Standard.
N Notfalltelekonsultation: Bei Notfällen, etwa in der Neurochirurgie, können periphere Krankenhäuser mittels Videokonferenz mit Experten in der Universitätsklinik den Fall, die Befunde und das weitere Vorgehen besprechen.
N Telekonferenz: Videokonferenzen zwischen Teilnehmern aus verschiedenen Städten oder Ländern ersetzen herkömmlich durchgeführte Konferenzen.
N Fortbildung: Die Videokonferenz kann zur Fortbildung von Medizinstudenten, ärztlichen Mitarbeitern oder zum Fernstudium genutzt werden.
N Datenaustausch mit multimedialer E-Mail: Heute liegt fast jeder digitalen Kamera Software bei, mit der einzelne Bilder oder Videosequenzen gespeichert werden können. Diese Minivideos lassen sich in eine ausführbare Datei oder im MPEG-Format (Standard bei Windows-Medienwiedergabe) verpacken und anschließend als Anhang einer E-Mail verschicken. Dabei entstehen jedoch bei einer Minute Videolaufzeit schnell Dateigrößen von 2 bis 3 MB. Als Alternative zur Videokamera können radiologische Bilder mit einem Scanner in besserer Qualität digitalisiert werden.
Ausblick
Internet-Telefonie und Videokonferenzen über das Internet stellen zurzeit noch keine völlig ausgereiften Technologien dar: Die Verbindungen funktionieren nicht immer störungsfrei, und die Datenübertragungsgeschwindigkeiten sind häufig nicht ausreichend, so dass die Bilder mit Verzögerung aufgebaut werden. Bei den prognostizierten Wachstumsraten im Bereich Telekommunikation und Internet und durch den raschen Ausbau des digitalen Telefonnetzes, Stichwort ADSL (Asymmetric Digital Subscriber Line), ergeben sich hier jedoch neue Perspektiven: Bisher wurden Videokonferenzsysteme fast ausschließlich im Rahmen von Förderprojekten an Universitätskliniken eingesetzt. Da diese Systeme technisch immer ausgereifter und zudem erschwinglicher werden, bieten sie ein zukunftsträchtiges Potenzial für telemedizinische Anwendungen – interessant auch für den Einsatz in Praxisnetzen oder einzelnen Arztpraxen. Fevzi Koc

Kontaktadresse: Dr. med. Fevzi Koc, Toppheideweg 54, 48161 Münster, E-Mail: koc@muenster.de


Technisches Hintergrundwissen
N Anfang 1990 wurden die H.3xx-Standards beschlossen, mit dem Ziel, die verschiedenen Videokonferenzsysteme miteinander kompatibel zu machen:
H.320: für ISDN-Videokonferenzen
H.321: für ISDN-B-Kanäle
H.322: Richtlinien für lokale Netze (Ethernet-LAN)
H.323: für die variable Nutzung von LAN, Intranet und Internet
H.324: Standard für Videokonferenzen zwischen „normalen“ Telefonteilnehmern
Theoretisch können alle Systeme miteinander kommunizieren. In der Praxis erfordert die Kommunikation zwischen H.320-ISDN-Geräten und H.323-LAN-Konferenzsystemen spezielle Gateways (Übergänge zwischen zwei verschiedenen Netzwerken). Bei H.323-basierten Systemen ist die Multipoint-Fähigkeit zum Kontakt mit mehreren Teilnehmern gleichzeitig Standard. Im Intranet übernehmen die Programme die erforderlichen Serverfunktionen. Im Internet bieten fast alle Hersteller eigene Multipoint-Server an. Beim H.320-Standard sind hierfür spezielle MCU-Server (Multipoint Control Unit) erforderlich. Sowohl in lokalen Netzen (LAN) als auch im Internet wird als Verbindungsprotokoll TCP/IP vorausgesetzt.
N Zum Vorteil der Benutzer haben die Anbieter übergreifende Videoformat-Standards entwickelt: CIF (Common-Interchange-Format, 352 x 288 Pixel) und QCIF (Quarter CIF, 176 x 144 Pixel). In der Praxis wird das CIF-Format für LAN und das geringer auflösende QCIF-Format für Internet-Verbindungen empfohlen.

Weitere Produktbeispiele
CUSeeMe Pro (White Pines, www.
softline.de): eine der ältesten Internet- und LAN-Conferencing-Softwarelösungen; gut geeignet für die Internet-Umgebung, anwenderfreundlich, gute Gruppenkonferenzfunktion. Probleme mit der Kompatibilität zu anderen Systemen. Preis: 228 DM (Professional Version).
Meeting Point (White Pines): Der Konferenzserver von White Pine bietet sich an, wenn man H.320- und H.323-Software verbinden und firmeninterne Kommunikation allein via Intranet koordinieren will. Preis 18 990 DM (10 User).
Vizitel (Ivisit, www.ivisit.com): beinhaltet Funktionen für das Application-Sharing, mit denen sich Windows-Anwendungen direkt in den Vordergrund stellen lassen – unterstützt dadurch projekt- und sachbezogene Arbeit; kostenfrei.
Live (PictureTel, www.picturetel.de): PictureTel gehört zu den führenden Anbietern mit einer breiten Palette an Videokommunikationslösungen, von Desktop- bis zu Videokonferenzsystemen und Multipointservern. Live gibt es in verschiedenen Versionen und Preiskategorien.
Intel VideoPhone (Intel, www.intel.
de): ermöglicht gemeinsam mit der ProShare-Technologie Videotelefonate über herkömmliche Telefonverbindungen oder über das Internet; Bestandteil der Web-Kamera „Intel Create & Share Camera-Packs“.
Lotus Sametime (IBM, www.lotus.
com): basiert auf Java-Technologie, einsetzbar mit Internet Explorer, Netscape Navigator und Lotus Notes. Zu den Standardfunktionen des Programms gehören neben der audiovisuellen Kommunikation auch Application-Sharing (gemeinsame Anwendungen). Preise: ab 10 000 DM für den Server; Client-Lizenz 40 DM.
Elsavision II (Elsa, www.elsa.de): Komplettpaket des Grafikkarten- und Modemherstellers mit Kamera, Videokarte, Software; neben Internet-Konferenzen können auch ISDN-Konferenzen durchgeführt werden. Preis: ca. 2 000 DM.
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