ArchivDeutsches Ärzteblatt19/2000Wettbewerb: Survival-Programm

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Wettbewerb: Survival-Programm

Dtsch Arztebl 2000; 97(19): A-1249 / B-1064 / C-994

Jachertz, Norbert

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LNSLNS Wettbewerb ist eine gute Sache, spornt er doch dazu an, das Beste zu geben. Unsere marktwirtschaftliche Ordnung basiert auf dem Wettbewerbsprinzip und ist alles in allem gut damit gefahren. Immerhin gestanden die Väter dieser Wirtschaftsordnung dem Sozialbereich eine gewisse Ausnahme zu. Das hat den Schwachen geholfen und dem sozialen Frieden gedient.
Neuerdings macht sich eine Wettbewerbsideologie breit, die mit fast fundamentalistischem Eifer Wettbewerb auch da fordert, wo er nicht funktionieren kann oder bösartige Folgen hat. Was wird im Wettbewerb nämlich aus jenen, die zwar ihr Bestes geben, deren Bestes aber im Wettbewerb nicht gut genug ist? Die Apologeten des totalen Wettbewerbs zitieren gerne die Losung des „Survival of the fittest“. Im Sozialwesen gewinnt sie makabre Bedeutung, denn hier sind die Teilnehmer im Wettbewerb eben nicht fit – und wollen dennoch überleben.
Wettbewerb und Marktwirtschaft setzen funktionsfähige Märkte voraus. Dort konkurrieren idealerweise gleichwertige Anbieter mit Produkten unterschiedlicher Qualität. Ihnen gegenüber stehen Nachfrager, die sich frei entscheiden können und den vollen Durchblick haben.
So gut wie alle diese Voraussetzungen fehlen im Gesundheitswesen. Die Anbieter können nicht frei anbieten; sie sind an einen Leistungskatalog gebunden. Sie sind vor allem ihrem Berufsethos verpflichtet, Patienten nach dem Stand ihrer Kunst zu behandeln, von dem sie nicht nach Belieben abweichen können. Wirtschaftlich gesprochen handelt es sich um ein unelastisches Angebot. Unelastisch ist auch die Nachfrage. Wer krank ist, will optimal behandelt werden und hat weder Kraft noch Zeit, mit seinem Arzt über kostengünstige Varianten zu diskutieren. Markttransparenz schließlich ist im Gesundheitswesen, trotz aller Bemühungen um Qualitätsausweise und Patienteninformation, nur eingeschränkt möglich.
Es ist Zeit, den Stellenwert von Wettbewerb im Gesundheitswesen neu zu bestimmen – zu überlegen, wo das Marktmodell passt, durch andere Modelle ergänzt oder ersetzt werden muss. Nicht nur die Fitten sollen überleben, die Kranken brauchen ihr Survival-Programm. Norbert Jachertz
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