ArchivDÄ-TitelSupplement: ReisemagazinReisemagazin 2/2000Zum weißen Dach Afrikas: Besteigung des Kilimanjaro

Supplement: Reisemagazin

Zum weißen Dach Afrikas: Besteigung des Kilimanjaro

Dtsch Arztebl 2000; 97(19): [4]

Bruck, Birte vom

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LNSLNS Nie wieder“, hatte mein Begleiter 1980 bei seiner ersten Kilimanjaro-Besteigung entschlossen ins Gipfelbuch geschrieben. Damals war der „Weiße Berg“, die höchste Erhebung des afrikanischen Kontinents, noch auf eigene Faust zu erobern. Die Behörden in Tansania kümmerte es wenig, wer sich da mit welcher Ausrüstung auf den Weg zur knapp 6 000 Meter hoch gelegenen „Wohnung Gottes“ machte.
Start in Moshi
So mancher Turnschuhträger, der in Unkenntnis der Situation ohne ausreichenden Proviant und Wasservorrat losmarschierte, wurde zur Umkehr gezwungen und hatte noch Glück, wenn er den Rückweg unversehrt antreten konnte. Dutzende von uninformierten Gipfelstürmern, die für den Aufstieg den Rat eines Experten von mindestens fünf Tagen ignorierten, fanden sich im Krankenhaus von Moshi wieder. Diagnose: Höhenkrankheit. Das Trügerische liegt in der Unbeschwerlichkeit des Weges, der den Trekking-Fan leichten Fußes ohne Anzeichen von Erschöpfung voranschreiten lässt. Während man sich leistungsfähig und der eigentlich erst für den kommenden Tag geplanten Etappe noch gewachsen fühlt, haben die roten Blutkörperchen Mühe, sich entsprechend der Höhe zu vermehren und auf diese Weise für die dringend benötigte Sauerstoffzufuhr zu sorgen. Wer ihnen nicht ausreichend Zeit zur Akklimatisierung lässt, die beständige Warnung der Tansanier „Pole, pole!“ („Langsam!“) in den Wind schlägt und dazu täglich noch weniger als fünf Liter Flüssigkeit zu sich nimmt, spielt mit seinem Leben.
Als mein Begleiter und ich vor der Anmeldungshütte zur Gipfelbesteigung stehen, umgibt uns ein schnatterndes Vielvölkersprachgewirr. Tipps, Horrorgeschichten, neueste Nachrichten machen die Runde. Die Nervosität vor dem Aufbruch ins Ungewisse ist beinahe körperlich spürbar. Umringt und mit Fragen bestürmt werden diejenigen, die sich als erprobte Kilimanjaro-Bezwinger zu erkennen geben. Hautfarben aller Nu-
ancen sind sichtbar. Über-
all liegen Rucksäcke, Daunenjacken, Wanderstöcke und Lebensmittelvorräte herum. Nur zäh geht es voran, doch endlich können auch wir uns in das Buch der Bergsteiger eintragen. Führer sind heute ein Muss, Träger ein Kann, wobei wir nicht sicher sind, ob dies aus Sicherheitsgründen so geregelt oder ob es eher eine Arbeitsbeschaffungsmaßnahme ist.
Vor dem Tor zum Nationalpark Kilimanjaro hatten ganze Trauben von Tansaniern zum Teil lautstark gestikulierend ihre Dienste als Träger angeboten. Doch greifen die Führer meist auf ein festes, bereits am Berg erprobtes Team zurück, wenn die Trekker ihre Rucksäcke nicht selber schultern wollen. Endlich sind alle Formalitäten erledigt. Jetzt geht es los!
Hektischer Aufbruch
Unsere malaysisch-israelisch-deutsche Gruppe setzt sich in Bewegung. Kühl ist es unter den riesigen Eukalyptusbäumen. Nebel wabert. Viele Bergtouristen tragen schon jetzt ihre Daunenjacken. Wir sechs Trekker tauchen in den feuchten Regenwald ein, bestaunen mannshohe Farne und andere lianenartige Gewächse, von denen uns an einer Wegbiegung eine ganze Horde schwarzer Meerkatzen anstarrt. Vorbei geht es an umgestürzten, bemoosten Baumstämmen und Strauchriesen, die graugrüne Flechtbärte tragen. Das dichte Blätterdach gibt nur ab und an den Blick auf einen grau verhangenen Himmel frei. Der ausgewaschene Pfad ist glitschig und übersät mit Wurzeln. Kaum zu glauben, dass die Tansanier, deren Bergausrüstung mangelhaft erscheint, uns im Eiltempo überholen. Wir sehen auf dieser ersten Etappe sogar kurze Hosen und Gummilatschen. Den Trägern ist es wichtig, als erste am Tagesziel anzukommen, um einen guten Schlaf- und Kochplatz zu ergattern. Als wir am Nachmittag nach etwa drei Stunden in Begleitung des Führers schweißnass an der Mandara Hut eintreffen, werden wir mit einem heißen Tee begrüßt. Wie wohltuend!
Wann hier wohl zum letzten Mal Waschpulver zum Einsatz gekommen ist, frage ich mich, als ich meinen Schlafsack auf dem speckigen Laken ausbreite. Wir haben im ersten Stock des Haupthauses Platz gefunden und nächtigen in einem lang gezogenen, nur über eine steile Holztreppe erreichbaren Schlafsaal, in dem sich 40 Pritschen befinden. Nur nicht dran denken, wie so ein richtiger Floh aussieht . . .
Elektrizität gibt es nicht. Umso überraschter sind wir, nachdem wir vor dem Haupthaus mit Leuten aus aller Herren Länder geplaudert haben, als unsere Gruppe zum Abendessen gebeten wird. Es ist faszinierend, wie die Einheimischen über dem offenen Feuer ein solches Mahl zaubern können. Suppe, schmackhaftes Gemüse, Reis, Soße, frische Früchte werden kredenzt. Während ich esse, denke ich ehrfürchtig, dass jedes Reiskorn, jeder Teebeutel hierher getragen wurde.
Inzwischen durchwandern wir wechselnde Florazonen, vorbei an mannshohen 200 Jahre alten Senecien, die es in dieser Größe sonst nirgendwo gibt, ganze Blumenmeere in Rot und Gelb. Der Blick schweift, dabei sollte er konzentriert den eigenen Schritt überwachen. Ständig muss man sich auf dem brüchigen Lavagestein einen sicheren Tritt suchen. An uns vorbei hasten Tansanier, die zum Bersten gefüllte Säcke mit Reis, Mais, Holzbündeln oder Kochutensilien auf
dem Kopf balancieren. Der Schweiß rinnt ihnen in Strömen von der Stirn, und dennoch grüßen sie jeden freundlich mit ihrem kehligen „Jambo!“.
Wechselnde Florazonen
Am Nachmittag Ankunft in Horombo auf 3 780 Meter – in den Wolken und daher richtig kalt. Nachdem uns eine Pritsche für die Nacht zugewiesen wurde, laufen wir mit der Wasserflasche durch das Camp, um unsere Mindestflüssigkeitsmenge von fünf Litern pro Tag zu erreichen. Die Luft ist dünn. Viele werden schon hier von rasenden Kopfschmerzen geplagt. Im Gruppenraum wird erneut ein erstaunliches Abendessen auf Blechtellern serviert, während die Mäuse zu unseren Füßen schon auf ihren Anteil warten. Bei klarem Himmel grüßen aus weiter Ferne unwirklich die Lichter von Moshi. Morgentoilette bei null Grad. Zum letzten Mal fließendes Wasser. Schon kurz nach dem Aufbruch setze ich nur mühsam Fuß vor Fuß, muss immer wieder, in immer kürzeren Abständen, Pausen machen und mit den Folgen meines Magen-Darm-Infektes klarkommen. Den faszinierenden Blick auf den Kili mit seiner Schneekappe und der Gipfelwolkenfahne nehme ich nicht wahr, und irgendwann tragen meine Füße mich nicht mehr. Auf einem Stein mitten im ebenen Nichts, umgeben von unwirtlicher, staubiger Mondlandschaft, ist mir alles gleichgültig, alles zu Ende. Wie ich Kibo Hut letztlich erreichte? Ich weiß es bis heute nicht! Kibo Hut. Auf über 5 000 Metern in beißender Kälte tatsächlich ein Gebäude, um das schwarze Rabenvögel kreisen, mehrere 12-Personen-Räume mit roh gezimmerten Stockbetten. Ich falle in irgendeins und höre von weit weg die Zimmergenossen, die sich abwechselnd in allen Sprachen Lieder ihrer Heimat vorsingen, so als wollten sie sich Mut machen für die letzte Etappe zum Rand des Vulkans, zum Gilman’s Point oder zum absoluten Endpunkt, dem Uhuru Peak.
Zum Dach Afrikas
Als sie um Mitternacht geweckt werden und schlotternd alles anziehen, was der Rucksack hergibt, bin ich dankbar, dass ich nicht mitmuss. Während sie in der Dunkelheit auf dem senkrecht verlaufenden Lavastaub- und Geröll-Zickzackweg Gipfel und Sonnenaufgang entgegensteigen, schlafe ich fest wie ein Murmeltier. Nichts regt sich, kein Laut. Und plötzlich ist sie da. Sofort wird es wärmer, lichter, Konturen entstehen.
Was für ein Moment: Sonnenaufgang auf dem Kilimanjaro! Steif gefroren am Äquator, begrüße ich mit innerer Stille und Andacht den neuen Tag.
Birte vom Bruck


Reise-tipps
Der höchste Berg Afrikas (5 896 m), der Kilimanjaro, liegt in Tansania an der kenianischen Grenze. Wer von Deutschland aus eine Bergbesteigung buchen will, kann dies bei Pauschal-Veranstaltern nur in Verbindung mit einem Anschlussaufenthalt von mindestens einer Woche tun. Die Reise beginnt und endet in Kenia. Meier`s Weltreisen oder TUI haben diese Kombination im Programm. Meier`s fliegt jeden Mittwoch mit der LTU (ab München, Berlin oder Hamburg) nach Mombasa/Kenia. Am Donnerstagmorgen startet ein Kleinflugzeug zum Arusha Airport in Tansania. Von dort aus sind es noch 90 Minuten Autofahrt bis Marangu, dem Ausgangsort der Bergbesteigung, die am darauf folgenden Tag beginnt. Meier`s hat sechs Tage für die Bergwanderung eingeplant. Als Package inklusive der Anschlusswoche Badeurlaub in Kenia (an der Küste bei Mombasa) bietet Meier`s die Reise für 3 695 DM im Doppelzimmer an. Wer es vorzieht, eine Kilimanjaro-Besteigung selbst zu organisieren, kann dies problemlos vor Ort in Moshi oder in Arusha tun. Falls gewünscht, kann dies sogar von einem auf den anderen Tag geschehen. In beiden Städten gibt es mehrere Trekking-Büros, die dem Interessenten ihre Angebote unterbreiten. Der Preis richtet sich nach der Anzahl der gebuchten Begleiter und der Anmietung der Ausrüstung (Schlafsack, Daunenjacken, Bergausrüstung usw). Mit 650 US-$ zuzüglich Trinkgeld sollte man rechnen. Die Hotels in Arusha und Mashi bieten ebenfalls die Vermittlung von Führern und Trägern an. – Zu beachten sind eine gut ausgestattete Reiseapotheke sowie die erforderlichen Impfungen für Ostafrika (Malaria-Prophylaxe, Gelbfieberimpfung, Choleraimpfung empfohlen, nicht obligatorisch). – Anschlusswoche Hotel Safari Beach, Mombasa-
Kenia, ab 366 DM; Baobab Beach Resort ab 497 DM.
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