ArchivDeutsches Ärzteblatt1-2/2023Elektronisches Meldesystem: Es läuft nach wie vor nicht

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Elektronisches Meldesystem: Es läuft nach wie vor nicht

Kurz, Charlotte

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Krankenhäuser sollen seit September das elektronische Meldesystem zur Übermittlung von Behandlungskapazitäten nutzen. Technische Schwierigkeiten und zusätzliche Kosten hindern die Kliniken daran, Daten automatisiert zu übertragen. Nur wenige können dies per Schnittstelle tun.

Um Belastungssituationen in den Krankenhäusern frühzeitig erkennen zu können, sollen die Kliniken die belegte Bettenanzahl melden. Das erweist sich aber als teuer und schwierig. Foto: picture alliance/ANP/ROB ENGELAAR
Um Belastungssituationen in den Krankenhäusern frühzeitig erkennen zu können, sollen die Kliniken die belegte Bettenanzahl melden. Das erweist sich aber als teuer und schwierig. Foto: picture alliance/ANP/ROB ENGELAAR

Das „Deutsche Elektronische Melde- und Informationssystem“ (DEMIS) sorgt in der Krankenhaus-IT nicht gerade für Freude. Nach wie vor bereitet die Datenübermittlung an das Robert Koch-Institut (RKI) Probleme.

Seit Mitte September 2022 sind Krankenhäuser in Deutschland gesetzlich verpflichtet, per DEMIS Daten zu der belegten Bettenanzahl auf den Normalstationen an das RKI melden. Zur Erklärung: Bundesgesundheitsminister Karl Lauterbach (SPD) versprach im Sommer die Datenlage hinsichtlich der COVID-19-Pandemie verbessern zu wollen, um bei hoher Belastung politisch schneller reagieren zu können. Neben den Bettenkapazitäten müssen Krankenhäuser seit April 2020 intensivmedizinische Behandlungskapazitäten über das Intensivregister der Deutschen Interdisziplinären Vereinigung für Intensiv und Notfallmedizin (DIVI) melden.

Und: Die Krankenhäuser sollen eigentlich auch Behandlungskapazitäten in den Notaufnahmen melden. Die entsprechende Verpflichtung über die Rechtsverordnung steht aber noch aus. Die Erfassung der Kapazitäten in den Notaufnahmen soll laut Bundesgesundheitsministerium (BMG) erst in der zweiten Jahreshälfte 2023 starten.

Die Idee ist, dass die Datenübermittlung über eine Schnittstelle, die sogenannte FHIR-Spezifikation (Fast Healthcare Interoperability Resources), automatisiert vom Krankenhausinformationssystem (KIS) direkt an das DEMIS-Portal erfolgen soll. Der Aufwand für das Personal soll dabei gegen Null gehen. Doch die Realität sieht anders aus. Von den 1 550 bereits an DEMIS angeschlossenen Krankenhäusern melden zum Stand November rund 40 Klinikstandorte direkt über die Schnittstelle, so das BMG auf Nachfrage.

Kein Mehrwert für Kliniken

„Eigentlich sollte es von Beginn der Verpflichtung, via DEMIS melden zu müssen, eine HL7-FHIR-Schnittstelle in den Primärsystemen geben“, erklärte Stefan Georgy, Chief Digital Officer der Ernst von Bergmann Gruppe in Potsdam dem Deutschen Ärzteblatt (DÄ). Allerdings gibt es diese Schnittstelle aktuell in den meisten KIS-Systemen noch nicht. Die Hürden für die Anwender, in dem Fall die Ärzte, erneut Daten von einem System in ein anderes händisch zu übertragen, mache prozessual und vom Arbeitsaufwand her überhaupt keinen Sinn. „Am besten wäre es, wenn es in den Primärsystemen eine Übergabefunktion geben würde, über den die Ärzte die Daten an DEMIS direkt und automatisiert übermitteln können. Im Moment haben wir aber nur zusätzlichen Aufwand für die Meldung und keinen Benefit“, sagte Georgy.

Hersteller böten aktuell noch keine entsprechenden Updates an, so Georgy weiter. Was es allerdings gibt, seien Zwischenlösungen, die in Kooperation mit Drittfirmen entwickelt werden. Diese kosten allerdings zusätzliche Investitionen und werden oftmals als größere Dienstleistungspakete mit komplexen Schnittstellen verkauft, anstatt lediglich die Schnittstelle und Funktion in das bestehende primäre Informationssystem zu integrieren. Auch das BMG erklärte: „Ein flächendeckendes Ausrollen dieser Schnittstelle kündigen die meisten Hersteller zu Beginn des Jahres 2023 an.“ DEMIS-seitig stünden die Schnittstellen sowie die dafür notwendigen Informationen für die Bettenbelegungsmeldungen den Herstellern seit September 2022 zur Verfügung.

Hersteller arbeiten an Lösungen

Nachgefragt bei einigen KIS-Herstellern wird deutlich, dass manche bereits Lösungen anbieten. Diese müssen aber tatsächlich als Softwaredienstleistungen erworben werden. Cerner etwa bietet mit der Firma Vertama eine „automatisierte Aufbereitung der Daten und Meldeprozesse aus dem klinischen System für die Arztmeldung“ nach Infektionsschutzgesetz an. Diese Lösung mit dem Namen „ELIM“ kann mit dem ergänzenden Modul „BELIM“ für die Meldung der Bettenbelegung erworben werden. Zu den Kosten wollte sich Cerner nicht äußern. Der Preis hänge von der Größe des Hauses, gewünschten Zusatzfunktionen (Belegungsmeldungen) sowie notwendigen Erweiterungen ab.

Auch CompuGroup Medical (CGM) hat eine Softwarelösung mit dem Namen „Meta DEMIS“ entwickelt. CGM wollte sich ebenfalls nicht zu den Kosten äußern. Kunden, die bereits die Lösung Meta IPSS für Infektionsprävention und Surveillance nutzen, erhalten die DEMIS-Meldefunktionalitäten in Form eines lizenzkostenfreien Updates, erklärte ein Sprecher weiter.

Allerdings kritisierte der Hersteller, dass die Veröffentlichung der Spezifikationen der FHIR-Schnittstelle vonseiten der gematik „mit recht geringem zeitlichem Vorlauf“ erfolgte. Hier wünsche sich CGM „einen besseren Informationsfluss in Richtung der Softwarehersteller und etwas mehr zeitlichen Vorlauf für die Umsetzung“.

Die Entwicklung einer „vollumfänglichen Lösung“ verfolgt auch der KIS-Hersteller Dedalus. „Zur Kommunikation mit DEMIS haben wir vollständig in ORBIS-KIS integrierte DEMIS-Meldungslösungen entwickelt, die allen ORBIS-Kunden bereits zum Jahreswechsel 2022/2023 angeboten werden können“, heißt es weiter. Diese Lösung müsse zusätzlich erworben werden.

Für Thomas Kleemann, Leiter der IT-Abteilung des Klinikums Ingolstadt, die das Krankenhausinformationssystem von Cerner nutzen, sind viele der angebotenen Programme am Markt zur Einführung einer DEMIS-Schnittstelle zum KIS-System zu mächtig, nicht billig und auch nicht ausreichend vollautomatisiert. „Oft wird wieder eine neue Dialogebene dem Anwender gezeigt, der eigentlich schnell und unkompliziert seine Daten abgeben will“, so Kleemann.

Die Zusatzdienstleistungspakete sieht auch Georgy von der Potsdamer Klinik kritisch. „Die Systeme kosten wieder Lizenzen und Wartungsgebühren, obwohl sie uns keinen zusätzlichen Euro Umsatz oder Mehrwert bieten.“ Weil die Krankenhäuser nach wie vor das Problem der Unterfinanzierung hätten, könnten zusätzliche Softwarepakete oft nicht einfach gekauft und umgesetzt werden. Wer keine Zwischenlösung kaufen möchte, muss die Daten manuell über die kostenfreie RKI-Software, den Komfortclient, eintragen oder selbst eine provisorische Lösung basteln. Die meisten Kliniken verwenden derzeit den Komfortclient, darunter auch die Klinik in Ingolstadt.

Kleemann will aber ein Angebot von einer anderen Firma, die eine schlanke Einbindung der Schnittstelle in das KIS-System verspricht, prüfen. Er hätte sich zudem gewünscht, dass die gematik eine Art Programmskript mit der Einbettung der DEMIS-Schnittstelle für die KIS-Systeme mitveröffentlicht hätte. Die Krankenhäuser könnten dieses direkt für ihre KIS-Systeme nutzen. „Wir haben den ganzen Tag mit so vielen komplexen Systemen zu tun. Da hätte man das einfacher halten müssen“, so Kleemann.

Die gematik allerdings erklärte dem , sie biete bereits ausreichend Unterstützung an. „Für die Entwicklungsabteilungen der KIS-Hersteller wird eine umfangreiche Dokumentation der Schnittstelle und eine gepflegte Testumgebung angeboten“, heißt es. Darüber hinaus stünden in regelmäßigen, teilweise wöchentlichen Sprechstunden die Expertinnen und Experten von RKI und gematik für Fragen von Krankenhäusern und Herstellern zur Anbindung an DEMIS und Meldepflicht zur Verfügung. „All diese Maßnahmen haben bereits zu zahlreichen Produktverbesserungen und weitergehenden Informationen in der öffentlich zugänglichen DEMIS-Wissensdatenbank geführt. Auch zukünftig werden Nutzer und Softwarehersteller in die Weiterentwicklung aktiv mit einbezogen werden“, so die gematik.

Problematisch ist aber vor allem, dass die KIS-Hersteller die Schnittstelle für DEMIS nicht anbieten müssen. Aus den Kreisen der Krankenhaus-IT heißt es, dass eine verstärkte Zertifizierung der KIS-Systeme ähnlich dem vertragsärztlichen Bereich und der Zertifizierung von Praxisverwaltungssystemen der Digitalisierung helfen würde.

Kaum Zertifizierungen

„Zertifizierungsmaßnahmen für KIS-Hersteller sind für DEMIS nicht vorgesehen“, erklärte dazu die gematik. Eine weitere Bestätigung beziehungsweise Zulassung von Clientsystemen für DEMIS vorzunehmen, sei nicht sinnvoll. Tatsächlich prüft und zertifiziert die Deutsche Krankenhausgesellschaft (DKG) KIS-Systeme ausschließlich im Bereich „Verordnungen im Entlassmanagement“. Eine gesetzliche oder vertragliche Grundlage für weitergehende Zertifizierungen durch die DKG bestehe derzeit nicht, informierte die DKG. Außerdem können Krankenhäuser, die keine Datenübermittlung vornehmen, mit einem Bußgeld geahndet werden. Für KIS-Hersteller, die entsprechende Schnittstellen nicht bereitstellen, gilt dies nicht. Charlotte Kurz

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