ArchivDeutsches Ärzteblatt1-2/2023Gesundheitswesen in Israel: Blick in die digitale Zukunft

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Gesundheitswesen in Israel: Blick in die digitale Zukunft

Kurz, Charlotte

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Israel ist für Innovation und zukunftsweisende Digitalisierung bekannt. Auch das israelische Gesundheitswesen profitiert insbesondere von zwei digitalen Megatrends: Das verstärkte Patientenmonitoring sowie eine bessere Bildgebung inklusive dem Einsatz von künstlicher Intelligenz.

Foto: Rawf8/stock.adobe.com
Foto: Rawf8/stock.adobe.com

Wer nach Israel blickt, sieht schon heute eine mögliche digitale Zukunft des deutschen Gesundheitssystems vor sich. Bereits seit Mitte der 1990er-Jahre laufen westlich des Jordans erste Projekte zum Austausch digitaler Gesundheitsdaten. Heute nutzen quasi alle Israelis eine funktionierende, elektronische Patientenakte (Eletronic Medical Record, EMR). Zudem läuft das Gesundheitswesen in vielen Fällen komplett papierlos ab. Die COVID-19-Impfkampagne fand von der Einladung zum Impftermin bis zur Impfbestätigung rein digital statt. Auch viele Krankenhäuser, darunter das größte Krankenhaus in Israel, das Sheba Medical Center in Tel Aviv, arbeiten seit vielen Jahren nur noch auf digitaler Basis.

Im Eingangsbereich der Klinik in Tel Aviv begrüßen zudem selbstfahrende Roboter Besucherinnen und Besucher und fragen via eingebautem Touch-Bildschirm, wie sie weiterhelfen können. Daneben fahren ebenfalls automatische Reinigungsroboter durch die Flure und wischen die Böden. Im Sheba Medical Center arbeiten rund 10 000 Beschäftigte, es gibt etwa 1 900 Betten. Im November hat das Krankenhaus gemeinsam mit der Berliner Charité eine Kooperation zur verstärkten wissenschaftlichen Zusammenarbeit sowie einer gemeinsamen Förderung von medizinischen Innovationen geschlossen.

Das Gesundheitssystem in Israel ist aber nicht nur von digitalen Prozessen, sondern auch von einer vibrierenden Start-up-Szene und einer relativ jungen Gesellschaft gekennzeichnet. Israel verzeichnet unter den OECD-Staaten die höchste Fertilitätsrate mit 2,9 Kindern pro Frau im Jahr 2020. Der OECD-Durchschnitt lag im gleichen Jahr bei 1,6. Diese relativ junge Gesellschaft ist sicher auch ein Grund dafür, dass die israelische Bevölkerung im Vergleich zu Deutschland sehr offen gegenüber digitalen Lösungen ist. Digitale Anwendungen sind in quasi allen Lebensbereichen und insbesondere auch im Gesundheitssystem weitgehend anerkannt und verbreitet.

„Die elektronischen Patientenakten sind fantastisch und funktionieren sehr gut.“ Léa Lévy, Haus- und Kinderärztin aus Bnei Berak. Foto: privat
„Die elektronischen Patientenakten sind fantastisch und funktionieren sehr gut.“ Léa Lévy, Haus- und Kinderärztin aus Bnei Berak. Foto: privat

Die Haus- und Kinderärztin MD Léa Lévy aus Bnei Berak, einer kleinen Stadt im Osten von Tel Aviv, kann in ihrer täglichen Arbeit ohne Probleme auf die digitalen Patientenakten ihrer Patienten zugreifen. „Es ist fantastisch und funktioniert sehr gut“, berichtete sie dem Deutschen Ärzteblatt (DÄ). In den Daten finde sie alle medizinischen Informationen, Krankenhausaufenthalte und Arztbesuche ihrer Patientinnen und Patienten. Die Digitalisierung von Rezepten sei zudem vor ungefähr sechs Jahren gestartet. Heute verschreibe sie Medikamente fast immer digital. Die Rezepte sind auf der Gesundheitskarte der Patienten gespeichert. Damit gehen diese in die Apotheke und die Apotheker lösen die Verordnung ein. Papierrezepte drucke Lévy nur für ältere Personen aus, oder falls es besonderen Klärungsbedarf gebe, sagte sie.

Neben der problemlosen Nutzung von digitalen Patientenakten und Rezepten verfolgt die Digitalisierung im israelischen Gesundheitswesen aktuell offenbar zwei übergeordnete Ziele. Einerseits bewegt sich die medizinische Versorgung mehr und mehr in Richtung Fernmonitoring von Patienten und telemedizinischer Behandlung und andererseits liegt der Fokus verstärkt auf der Entwicklung von besserer Bildgebung und der Nutzung von künstlicher Intelligenz (KI), um etwa die Bildgebung schneller und einfacher sowie rein digital auswerten zu können.

Fernmonitoring im Trend

Die medizinische Versorgung in Israel beachtet verstärkt die Bedürfnisse von Patienten und Patientinnen. Vor allem der Wunsch, bequem von zu Hause aus mehr erledigen zu können, befeuert den Trend zum Fernmonitoring. Auch die Tatsache, dass es zwischen Mittelmeer und Totem Meer neben einigen großen Städten auch ländliche Regionen gibt und viele Israelis in teils abgelegenen Kibbuzim wohnen, belebt die Entwicklung von telemedizinischen Versorgungsangeboten. Verstärkt wird dies zudem durch den Trend, dass viele Menschen mehr und mehr eigene Körperdaten messen und Vitalwerte etwa durch Wearables wie Apple Watches oder Fitbits aufzeichnen.

In Israel gibt es außerdem zu wenig Ärztinnen, Ärzte und Pflegefachkräfte, erklärte MD PhD Asher Salmon, Direktor für internationale Beziehungen im israelischen Gesundheitsministerium im September vor europäischen Journalisten im Rahmen einer Pressereise, organisiert von der Europe Israel Press Association. Die Burnoutrate unter dem Gesundheitspersonal sei zudem hoch. Insbesondere für die jüngere Generation seien die Krankenhausschichten zu lang und mit dem Privatleben kaum vereinbar, so Salmon. Viele Start-ups arbeiten aufgrund dieser verschiedenen Faktoren an entsprechenden Geräten und Softwareprogrammen zur telemedizinischen Versorgung.

Der Einsatz von Videosprechstunden ist in Israel etwa längst üblich und gehörte bereits vor der Coronapandemie zum Alltag der behandelnden Ärztinnen und Ärzte. Durch die Pandemie stieg die Nutzung allerdings stark an, berichtet die Ärztin Lévy. 20 Prozent aller Patientengespräche führt Lévy aktuell via Videosprechstunde. Darüber hinaus kann sie ihre Patientinnen und Patienten mithilfe eines telemedizinischen Geräts auch anleiten, zu Hause an sich selbst Untersuchungen durchzuführen.

Mit einem Gerät der israelischen Firma TytoCare ist etwa das Abhören der Lunge, die Untersuchung der Gehörgänge oder des Mund- und Rachenraums möglich. Dazu bietet das israelische Unternehmen einen entsprechenden Apparat mit Kamera, Licht sowie verschiedenen Aufsätzen an. Neben dem Gerät gibt es eine komplette Softwarelösung für die telemedizinische Untersuchung, entweder live oder die Daten können auch dem behandelnden Arzt zugeschickt werden, sodass diese später angeschaut werden können. Lévy ist damit per Video mit den Patienten verbunden und kann die Untersuchungen live am Bildschirm verfolgen und sich die Vitalwerte, etwa die Körpertemperatur, anschauen. Patienten von drei israelischen Krankenkassen (Clalit, Meuhedet und Leumit) können das Gerät für etwa 180 Schekel, umgerechnet etwa 50 Euro, kaufen, erklärte Eyal Baum von TytoCare dem . Die Krankenkassen in Israel sind gleichzeitig Versicherer, Leistungserbringer und Krankenhausbetreiber (Kasten).

Der Kauf der Tyto-Geräte wird allerdings von den Krankenkassen subventioniert. Wie viel das Gerät inklusive Softwareleistung kostet, wollte die Firma nicht verraten. Seit drei Jahren verwenden Clalit-Patientinnen und Patienten diese Möglichkeit, seit etwas mehr als ein Jahr auch Versicherte von Meuheudet und Leumit. Etwa 800 Ärztinnen und Ärzte sowie Hunderttausende Patienten nutzen in Israel bereits das System, sagte Baum. Zudem würden viele Israelis das Gerät auch in den Urlaub mitnehmen, um im Krankheitsfall vom bekannten Hausarzt „untersucht“ werden zu können. TytoCare hat zudem eine FDA-Zulassung und kooperiert mit Krankenhäusern oder Versicherungen etwa in den USA, Schweiz oder Südafrika.

Ein ähnliches Prinzip verfolgt auch das israelische Start-up Pulsenmore. Mit einem mobilen Ultraschallgerät, das auf ein Android-Smartphone gesteckt werden kann, können Schwangere zu Hause selbst Ultraschalluntersuchungen vornehmen. Entweder sie werden dabei telemedizinisch von einem behandelnden Gynäkologen angeleitet oder können die digitalen Ergebnisse im Nachgang an den Arzt oder die Ärztin zur Überprüfung schicken. Das 260 Gramm schwere Gerät kostet etwa 1 000 US-Dollar. In Israel kooperiert das Unternehmen mit Sitz in Tel Aviv mit Clalit. Versicherte dieser Krankenkasse können das Gerät kaufen, Clalit übernimmt dabei etwa 70 Prozent der Kosten, erklärte Mira Sofer von Pulsenmore. Allerdings ist das mobile Untersuchungsgerät nur für einen einmaligen Verwendungszweck designt und kann insbesondere aus Hygienegründen nicht wiederverwendet werden.

Virtuelles Krankenhaus

Innerhalb der ersten 18 Monaten nach Markteintritt verzeichnete Pulsenmore Sofer zufolge etwa 4 000 aktive Nutzerinnen. Das Start-up hat hierfür ein CE-Kennzeichen, will bald auf dem europäischen Markt starten und arbeitet außerdem daran, eine Autorisierung der FDA für den US-amerikanischen Markt zu bekommen. Außerdem konnten Gynäkologen im Rahmen des Programms „Virtuelles Krankenhaus“ – angesiedelt am Sheba Krankenhaus – mithilfe von Freiwilligen schwangere Geflüchtete aus der Ukraine in Moldawien telemedizinisch untersuchen.

Ein weiteres Beispiel ist das israelische Start-up Biobeat, das eine Art vierblättriges Pflaster entwickelt hat, das auf die Brust geklebt wird. Es soll für eine bessere Überwachung von Patienten in Krankenhäusern sorgen. 14 verschiedene Vitalwerte kann diese nicht invasive Methode laut eigenen Angaben gleichzeitig in Echtzeit erfassen, darunter etwa die Atemfrequenz, Blutdruck, Pulsfrequenz, Pulsdruck, Sauerstoffsättigung im Blut oder die Hauttemperatur. Cloudbasiert und kabellos werden die Daten an eine Onlineplattform übertragen, die an zentraler Stelle auf der Station gut eingesehen werden könne. „Unser Produkt löst das Problem, dass 95 Prozent aller Patienten im Krankenhaus nicht richtig überwacht werden können“, sagte Tamir Raveh von Biobeat. Der Brustpatch koste pro Stück etwa 100 bis 150 Euro und könne über einen Zeitraum von fünf Tagen verwendet werden. Ein erneuter Einsatz des Brustpatches sei nicht möglich. Mehr als 50 Krankenhäuser würden die Lösung weltweit verwenden, darunter etwa 20 in den USA. Aber auch in Deutschland verwenden etwa zwei Rehakliniken bereits das System.

Die beiden israelischen Start-ups UltraSight und AISAP haben mobile Ultraschallgeräte entwickelt, mit deren Hilfe kardiologische Untersuchungen durchgeführt werden können. Die Geräte können dabei via Kabel mit einem handelsüblichen Tablet verbunden werden. Über eine mitgelieferte App werden die Ergebnisse gespeichert und mit einem behandelnden Arzt oder Ärztin geteilt. Beide Start-ups nutzen zudem KI, um die gescannten Bilder mit Tausenden anderen bereits aufgenommenen zu vergleichen. AISAP etwa verspricht, dass es lediglich fünf bis acht Minuten vom Scan bis zu einem umfänglichen Report inklusive KI-Analyse dauere, erklärte Mitgründer Robert Klempfner. Das mobile Ultraschallgerät koste jeweils etwa 2 500 bis 5 000 US-Dollar.

UltraSight und AISAP sind Start-ups, die im Rahmen eines Testlabors angesiedelt am Sheba Medical Center, entstanden sind. Das Labor mit dem Namen ARC (Accelerate, redesign, collaborate) will Innovationen der digitalen Gesundheit hervorbringen und verbindet Forschende, den klinischen Alltag und praktizierende Ärzte mit der Industrie und der Start-up-Szene. Zudem ist es an Publikationen klinischer Studien beteiligt. „Das ARC ist die treibende Datenkraft des Krankenhauses Sheba“, erklärte der Leiter des Labors, Prof. MD MSc Eyal Zimlichman. „Daten sind für uns die entscheidende Ressource für Innovationen.“ Das ARC-Labor finanziere sich hauptsächlich durch Forschung und Kommerzialisierung.

Der zweite digitale Trend, der in Israel aktuell zu beobachten ist, ist der verstärkte Fokus auf eine hochauflösende Bildgebung und digitale histologische oder Laboruntersuchungen. Ziel ist, die Arbeit in Laboren zu reduzieren und auf digitalem Wege, auch etwa von zu Hause aus, entsprechende Befunde und Untersuchungen analysieren zu können. Zudem bieten immer mehr Start-ups Lösungen, digital Diagnosen stellen zu können oder auch per Chatfunktion in den schnellen Austausch zu komplizierten Fällen mit anderen Fachärztinnen und -ärzten zu treten.

„Dank dem Einsatz von KI brauche ich heute nur noch 60 Prozent der Zeit für die Analyse einer Probe.“ Iris Barshack, Pathologin am Sheba Medical Center, Tel Aviv. Foto: Sheba Medical Center
„Dank dem Einsatz von KI brauche ich heute nur noch 60 Prozent der Zeit für die Analyse einer Probe.“ Iris Barshack, Pathologin am Sheba Medical Center, Tel Aviv. Foto: Sheba Medical Center

Hier spielt zudem der Einsatz von KI eine immer weiter fortschreitende Rolle. KI-basierte digitale Lösungen scannen in Sekundenschnelle Bilder von Proben und gleichen sie mit Tausenden ähnlichen Fällen ab und geben so Diagnosevorschläge ab. Die Ärztinnen und Ärzte überprüfen diesen Vorschlag, bestätigen, ergänzen oder korrigieren die Diagnose. Außerdem können KI-Ansätze dank strukturierter, umfassender Daten Vorhersagen treffen, wer in Zukunft mit hoher Wahrscheinlichkeit erkrankt. Das Ziel: Weniger Erkrankungen durch bessere und schnellere Diagnosen, flexiblere Arbeitsmöglichkeiten, ein einfacherer Austausch mit Experten aus aller Welt und das Einsparen von Arbeitszeit. „Dank dem Einsatz digitaler KI-gestützte Systeme brauche ich heute nur 60 Prozent der Zeit für die Analyse einer Probe, die ich noch vor drei Jahren gebraucht habe“, sagte Prof. MD PhD Iris Barshack, Leiterin des pathologischen Instituts am Sheba Medical Center dem .

Diagnose nach wenigen Minuten

Zwar könnten die Softwaresysteme noch keine vollständige Diagnose aller Biomarker vornehmen, so die Pathologin. Allerdings erkennen die Systeme bereits einige Biomarker. Dies sei ein großer Durchbruch, denn für Patientinnen und Patienten mit schweren Erkrankungen könne bereits nach wenigen Minuten statt nach wenigen Wochen eine Diagnose gestellt werden, so Barshack, die das Institut mit rund 100 Mitarbeitern und Pathologen seit 16 Jahren leitet. Ihre Arbeit als Pathologin finde seit Ende 2019 komplett digital statt. Die histologischen Untersuchungen werden digitalisiert, sodass sie auch von zu Hause die Analysen und Diagnosen vornehmen könne. Aber auch interdisziplinäre Konferenzen fänden etwa über Zoom-Meetings statt, berichtet Barshack. Zudem gebe sie auf digitalem Wege viele Zweitmeinungen für Proben von Patientinnen und Patienten ab, die weit entfernt leben, etwa in afrikanischen Ländern.

Allerdings erklärte sie auch, dass das Sheba Medical Center hier Vorreiter sei. An anderen Orten in Israel werden für entsprechende Analysen auch noch Mikroskope verwendet. Die digitalen und KI-gestützten Systeme werden allerdings in Zukunft viel Arbeit der Labore ersetzen, ist sich Barshack sicher. Für sie sei dies eine gute Entwicklung. „Ausgebildete Pathologen werden woanders gebraucht als im Labor“, so Barshack. Ärztinnen und Ärzte würden zunehmend auch von zu Hause arbeiten wollen. Und für die Forschung sei dieser Ansatz auch sehr vielversprechend.

Ihre Vision ist, dass die digitale Pathologie der Standard in ganz Israel und darüber hinaus werden wird. „Es gibt einen internationalen Mangel an Pathologen. Diese Lösung kann damit der ganzen Welt helfen und wird die Pathologie drastisch verändern“, sagte Barshack. Die Digitalisierung sei allerdings auch eine Frage des Geldes, betonte die Pathologin. Insbesondere die Datenspeicherung stelle auch immer eine Herausforderung dar. Das Sheba Krankenhaus nutze hierfür eine cloudbasierte Lösung.

KI-gestützte Tools stehen im Fokus von vielen Start-ups in Israel, darunter auch die Firma Viz.ai. Das Start-up konzentrierte sich anfangs vor allem auf die Diagnose Schlaganfall und eine bessere und frühzeitigere Erkennung von entsprechenden Symptomen.

KI analysiert Hirnscans

„Der Schlaganfall ist in der westlichen Welt die vierthäufigste Todesursache“, so Mitgründer David Golan. Und obwohl die Behandlung von Schlaganfällen die höchsten Kosten in den Gesundheitswesen verursache, erhielten nur zehn Prozent aller Patienten eine angemessene und zeitnahe Behandlung, so Golan weiter. Er selbst erlitt 2015 einen Schlaganfall. Golan lebte damals in Großbritannien, wurde in ein Krankenhaus eingeliefert, musste aber dreieinhalb Stunden auf die entsprechende Diagnose warten. Er hatte Glück und konnte sich nach einer entsprechenden Behandlung wieder erholen und gründete später mit einem befreundeten Arzt das Unternehmen Viz.ai.

Die Vision: Mithilfe von KI sollen digital eingelesene Hirnscans analysiert werden. Krankenhausärztinnen und -ärzte erhalten in weniger als drei Minuten einen entsprechenden Hinweis auf das Handy, dass ein Befund mit einer vorgeschlagenen Diagnose eingetroffen ist. Die Ärzte können sich den Hirnscan auf dem Smartphone direkt anschauen und den Befund bestätigen oder korrigieren. In einem zweiten Schritt können sie in einem Chat mit allen beteiligten Ärzten, also auch etwa Radiologen oder Chirurginnen niederschwellig in Kontakt treten.

Mehr als 1 100 Krankenhäuser in den USA verwenden das System, so Golan. Außerdem hat sein Unternehmen seit 2021 auch das CE-Kennzeichen für den europäischen Markt. Krankenhäuser würden einen jährlichen Betrag von etwa 20 000 bis 50 000 US-Dollar je Klinik bezahlen, um das System zu nutzen. Das System von Viz.ai soll aber künftig auch weiterentwickelt und für andere Erkrankungen trainiert werden. So sollen unter anderem auch Aneurysmen, Lungenembolien oder kardiovaskuläre Erkrankungen per KI schneller erkannt werden.

„Die KI erkennt die Diagnosen in 95 Prozent aller Fällen korrekt an“, erklärt Golan. Damit trotzdem alle Befunde erkannt werden, landen die Scans zudem in einer Art zweiten Schiene und werden von Radiologen „händisch“ analysiert. „Jeder Scan wird am Ende von einem Arzt begutachtet“, so Golan. Es gehe nicht darum, etwa Radiologen zu ersetzen, betonte Golan, sondern den Zeitraum bis zur richtigen Diagnose durch den Einsatz von KI deutlich zu verkürzen. Ein ähnliches Prinzip verfolgt auch das israelische Start-up GynTools, das sich auf die korrekte Diagnosestellung bei Vaginitis mithilfe von KI konzentriert. Das Unternehmen MICA AI Medical hat sich mit einem KI-gestützten System zudem auf eine bessere und frühere Erfassung von Brustkrebs-Diagnosen spezialisiert.

Ärzte nutzen Vorhersagen

Die Nutzung von KI kann zudem dazu beitragen, dass Erkrankungen erst gar nicht auftreten. Prof. MD PhD Ran Balicer, Chief Innovation Officer von der HMO Clalit, berichtete Ende November auf einer Deutsch-Israelischen Konferenz zur Nutzung von KI im Gesundheitswesen in Tel Aviv, dass Clalit seit 2009 bereits Prognosemodelle nutze, um Patientinnen und Patienten frühzeitig zu kontaktieren, noch bevor etwa ein Herzinfarkt auftritt. „Aufgrund von Daten, die wir seit 25 Jahren erheben, können wir bereits einige Erkrankungen vorhersagen, noch bevor sie tatsächlich auftreten“, sagte Balicer. Während der Pandemie konnte die Krankenkasse insbesondere mithilfe Daten früherer Grippeerkrankungen vorhersagen, wer mit hoher Wahrscheinlichkeit schwer an COVID-19 erkranken würde. Diese hätten einen proaktiven Anruf und etwa ein Impfangebot der behandelnden Ärzte erhalten.

Bereits 750 Ärztinnen und Ärzte, die für Clalit tätig sind, arbeiteten etwa mit der Plattform „C-Pi“, die zusammenfasst, für welche Patienten diese Woche ein entsprechendes Risiko erkannt wurde. Die Ärzte kontaktieren die Patientinnen und Patienten und tragen einen entsprechenden Hinweis in die jeweiligen Patientenakten ein. Die Plattform zeigt zudem Behandlungsempfehlungen auf Basis integrierter aktueller medizinischer Leitlinien an und könne so Behandlungslücken schließen. „2023 wird jeder Arzt und jede Ärztin in Israel dieses System nutzen“, kündigte Balicer an. Die Krankenkasse würde zudem entsprechende Zeiten für die Nutzung der Vorhersagen für die Ärzte einräumen und damit auch vergüten.

Eine weitere Möglichkeit der Digitalisierung in Israel ist die des digitalen Zwillings. Hier können Patientinnen und Patienten dank sehr ähnlicher Daten „gematcht“ und damit beobachtet werden, welche Auswirkung etwa eine fehlende Impfung haben würde. „Diese Möglichkeit kann zudem politische Entscheidungen unterstützen, etwa ob ein Lockdown in der Pandemie beendet werden sollte oder nicht“, sagte Balicer. Charlotte Kurz


Kommentar

Charlotte Kurz, Deutsches Ärzteblatt

Foto: André Wagenzik
Foto: André Wagenzik

Digitalisierung im Gesundheitswesen könnte so einfach sein – zumindest denkt man das nach einem Besuch in Israel. In Deutschland ist der Begriff für viele ein Schreckgespenst, die Israelis zeigen aber, wie lebendig, innovativ und leicht die Einbindung von digitalen Prozessen und Produkten in den medizinischen Alltag funktionieren kann. Der Mut und der Wille, neue Dinge auszuprobieren und dies auch bezahlen zu wollen (sowohl vonseiten der Krankenversicherungen als auch von den Patientinnen und Patienten), ist aber auch mit der relativ jungen Bevölkerung zu erklären, die nicht auf digitale Möglichkeiten in der Gesundheitsversorgung verzichten will. Auffallend ist auch der Ehrgeiz und die Innovationskraft der vielen Start-ups, die die Medizin besser machen – und viel Geld auf dem chancenreichen Gesundheitsmarkt verdienen – wollen. Vielleicht braucht es aber genau diese Mischung aus Neugier und Mut, Ideen auszuprobieren und zunächst nach Zukunftsmusik klingende Projekte zu testen, bei Erfolg in die Versorgung zu bringen und nicht aufgrund von diversen Bedenken sofort wieder einzudampfen.


Israelisches Gesundheitssystem im Überblick

Das heutige israelische Gesundheitssystem geht vor allem auf das Nationale Krankenversicherungsgesetz zurück, dass das israelische Parlament, die Knesset, 1994 verabschiedet hat. Damit wurde in Israel vor knapp 30 Jahren erstmalig ein verpflichtendes Krankenversicherungssystem für die Bevölkerung eingeführt.

Die Gesundheitsversorgung in Israel fußt auf den vier sogenannten Gesundheitspflegeorganisationen (Health Maintenance Organizations, HMO) Clalit, Leumit, Maccabi und Meuhedet. Diese bieten eine verpflichtende, universelle Krankenversicherung für die rund 9,4 Millionen israelischen Einwohnerinnen und Einwohner an. Die Organisationen sind gemeinnützig und nicht gewinnberechtigt und stehen mit der Auswahl an medizinischen Leistungen im direkten Wettbewerb zueinander. Clalit, das so viel wie die Allgemeine heißt, ist die größte HMO und versichert rund die Hälfte der israelischen Bevölkerung.

Die Grundversorgung, der sogenannte Gesundheitskorb, ist für die Bevölkerung kostenfrei. Allerdings gibt es private Versicherungen, die zusätzlich abgeschlossen werden können, um etwa bessere Leistungen im zahnmedizinischen Bereich oder einen schnelleren Termin bei Fachärzten zu erhalten.

Da die HMOs allerdings nicht nur versichern, sondern auch eigene Gesundheitsdienstleistungen anbieten und auch Krankenhäuser betreiben, ist es für die Bevölkerung, die in der grundlegenden Basisversorgung sind, hauptsächlich nur möglich bei Ärzten und in Praxen behandelt zu werden, die mit der jeweiligen HMO verknüpft sind. Die Bevölkerung Israels kann frei eine der vier HMOs auswählen und quartalsweise wechseln. Für die Finanzierung des Systems wurde eine Gesundheitssteuer eingeführt. Israel gibt dabei vergleichsweise wenig Geld für sein Gesundheitssystem aus. 2020 lagen die Ausgaben laut OECD-Daten bei rund 8,3 Prozent des Bruttoinlandprodukts (BIP). Zum Vergleich: Deutschland gab im gleichen Jahr rund 12,9 Prozent des BIPs für Gesundheit aus.


Vollautomatisiertes Rettungssystem auf zwei Rädern

Der Rettungssanitäter Raphael Poch vor dem Hauptquartier der Organisation United Hatzalah in Jerusalem. Foto: Charlotte Kurz
Der Rettungssanitäter Raphael Poch vor dem Hauptquartier der Organisation United Hatzalah in Jerusalem. Foto: Charlotte Kurz

Wie Digitalisierung im Gesundheitswesen auch tatsächlich Zeit einsparen kann, zeigt die Rettungsorganisation United Hatzalah, die ihren Hauptsitz in Jerusalem hat. Die ehrenamtliche Ersthelfer-Organisation läuft neben den staatlichen Rettungsdiensten und verfügt über eine Art Mandat des israelischen Gesundheitsministeriums. Sie zeichnen sich durch 6 200 Ehrenamtliche aus, die in ganz Israel per Smartphone erreichbar sind. Da die ausgebildeten Rettungssanitäter insbesondere mit Mopeds oder E-Bikes ausgestattet sind, können sie im Durchschnitt nach weniger als drei Minuten nach Notrufeingang am Unfallort sein und sich durch den oft dichten Verkehr schlängeln. In den Städten liegt die durchschnittliche Zeit sogar nur bei 90 Sekunden. Die Sanitäter sind deshalb so schnell, weil die Position der anrufenden Person automatisiert an umfunktionierte Smartphones der fünf Sanitäter weitergegeben werden, die sich gerade in der Nähe befinden. Damit sind sie deutlich schneller als örtliche Krankenwagen, die etwa zwischen neun und 25 Minuten nach dem Anrufeingang brauchen. United Hatzalah hat eine eigene Notrufnummer (1221), die staatliche Ambulanz wird unter der Nummer 101 erreicht. Beide sind vom Gesundheitsministerium verpflichtet, sich gegenseitig über den jeweiligen Notruf zu informieren, sodass beide Rettungsdienste anrücken können. United Hatzalah finanziert sich ausschließlich durch Spenden.

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