ArchivDeutsches Ärzteblatt1-2/2023Arzneimittellieferengpässe: Geld für weniger Mangel

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Arzneimittellieferengpässe: Geld für weniger Mangel

Lau, Tobias

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Lieferengpässe bei generischen Arzneimitteln sind in aller Munde, umso mehr, seit Fiebersäfte für Kinder schwer zu bekommen sind. Eine Preisgestaltungs- und Vergütungsreform soll nun Abhilfe schaffen, indem sie mehr Geld ins System pumpt.

Foto: picture alliance/Westend61/Florian Küttler
Foto: picture alliance/Westend61/Florian Küttler

Der Gesetzgeber habe es mit der Ökonomisierung übertrieben: Das gilt laut Bundesgesundheitsminister Karl Lauterbach (SPD) nicht nur für die Krankenhausfinanzierung, sondern auch für den Arzneimittelmarkt. Vor allem das umstrittene System der Rabattverträge hat nach Ansicht von Kritikern einen derartigen Preisdruck erzeugt, dass die allermeisten Standardgenerika heute je in einer Handvoll Fabriken in China und Indien produziert werden – mit entsprechend fragilen Lieferketten.

Die Folge sind Engpässe bei mehr als 300 Arzneimitteln, darunter sensible Präparate aus Onkologie oder Pädiatrie. „Dass man in Deutschland nur schwer einen Fiebersaft für sein Kind bekommt, der im Ausland noch erhältlich ist, ist inakzeptabel“, erklärte Lauterbach bei der Vorstellung eines Eckpunktepapiers für ein Arzneimittelengpassgesetz.

Schnelle Wirkung

Das soll insbesondere bei den Kinderarzneimitteln schnell wirksam sein, indem es deren Preisgestaltung „radikal ändert“, kündigte er an: Ist ein Medikament für die Sicherstellung der Kinderversorgung erforderlich, dürfen die Kassen dafür keine Rabattverträge mehr aushandeln. Auch aus den Festbetragsgruppen fallen sie heraus. Als neue Preisobergrenze soll das Anderthalbfache der aktuellen Festbeträge gelten – die Kassen müssen für diese Arzneimittel also 50 Prozent mehr erstatten. Er habe die Kassen bereits gebeten, das sofort umzusetzen, erklärte Lauterbach. Er erwarte sich von dieser Maßnahme deshalb umgehende Wirkung. Das sehen die Arzneimittelgroßhändler anders: Es gebe schlicht nicht genug Ware, wandte der Großhandelsverband Phagro ein.

Auch den Ärztinnen und Ärzten sollen Erleichterungen winken: Sie sollen bei der Verordnung nun die Genehmigung zur Herstellung von Rezepturen ohne Angst vor einer Wirtschaftlichkeitsprüfung erteilen können. Wegen dieser würden so wenige Rezepturen hergestellt, sagte Lauterbach. Dieses „System der gegenseitigen Blockade“ löse er nun auf. Entsprechend zufrieden zeigte sich die Kassenärztliche Bundesvereinigung (KBV): Die Gesetzesinitiative gehe in die richtige Richtung, erklärte der Vorstandsvorsitzende Dr. med. Andreas Gassen.

Den Apotheken soll wiederum der Austausch bei Mangelmedikamenten erleichtert werden, indem eine Ausnahmeregel aus der COVID-19-Pandemie verstetigt wird. Lauterbach erfüllt damit eine immer wieder vorgetragene Forderung der Apothekerinnen und Apotheker. Die sollen künftig auch eine Vergütung von 50 Cent erhalten, wenn sie zwecks Umtausch Rücksprache mit einem Arzt halten müssen. „Das ist wirklich eine Frechheit“, zeigte sich Apothekerpräsidentin Gabriele Overwiening entrüstet. Es schaffe nur neue Bürokratie, ohne den Arbeitsaufwand adäquat abzubilden.

Neues Kriterium Standort

Bei Onkologika und Antibiotika hingegen soll eine Neuerung bei den Rabattverträgen Abhilfe schaffen: Der Produktionsstandort soll künftig ein Kriterium bei der Losvergabe sein. Ein Hersteller könnte dann einen Zuschlag bekommen, weil er in der EU produziert, auch wenn sein Präparat teurer ist. Diese Regelung soll auf andere Wirkstoffe und Indikationen ausgedehnt werden können.

Auch das Festbetragsgruppensystem soll über Kindermedikamente hinaus reformiert werden: Bei sich abzeichnendem Versorgungsengpass soll ein Festbetrag auf das Anderthalbfache angehoben oder die Festbetragsgruppe ganz aufgelöst und der Preis um 50 Prozent angehoben werden können. Der GKV-Spitzenverband sprach angesichts der Lockerung von Sparinstrumenten wie Rabattverträgen und Festpreisen von einem „Weihnachtsgeschenk für die Pharmaindustrie“, hielt sich mit Kritik an zusätzlichen Kosten für Kinderarzneimittel allerdings zurück. Tobias Lau

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