ArchivDeutsches Ärzteblatt19/2000Denkmal: Auf Zeitzeugen hören

SPEKTRUM: Leserbriefe

Denkmal: Auf Zeitzeugen hören

Dtsch Arztebl 2000; 97(19): A-1257 / B-1049 / C-977

Haupt, Harald

Zu der Nationalen Gedenkfeier in Pirna-Sonnenstein und dem Beitrag „Kein Heilsversprechen rechtfertigt die Entscheidung über das Leben anderer“ von Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­terin Andrea Fischer in Heft 12/2000 und dem Kommentar zur „Präimplantationsdiagnostik Mensch von Anfang an“ von Joachim Kardinal Meisner in Heft 14/2000 sowie dem Beitrag „Schatten der Vergangenheit: Ein Denkmal wankt“ von Dr. Thomas Gerst in Heft 14/2000:
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LNSLNS Es ist sicher und nie bestritten worden, dass Prof. Ibrahim, wie auch andere deutsche Pädiater in der Nazizeit, Kinder, die (insbesondere wegen ihrer Behinderung) von der Diktatur bedroht wurden, geschützt und bewahrt hat. Es ist ebenso zweifelsfrei, dass derartige Rettungsversuche für die Retter in höchstem Maße lebensgefährlich waren. Daher bedurften sie sorgfältig gewählter Wege und Vorgehensweisen, von denen einige bekannt geworden sind. Ein solcher Weg bestand zum Beispiel darin, dass ein in der Klinik befindliches Kind, dessen Gefährdung erkannt worden war, dem Zugriff der Staatsorgane durch Verlegung in ein anderes Krankenhaus unter Verwischung des Weges entzogen und von dort in möglichst sichere Obhut entlassen wurde. Dass der wirkliche Grund der Verlegung nicht beim Namen genannt werden konnte, ist klar, deshalb musste man den Hinweis auf die Gefährdung in einer für Spitzel unverfänglichen Art formulieren und vereinbarte Codes verwenden. Es ist bekannt, dass sich Ibrahim ähnlicher Methoden bedient hat. Auf diese Weise konnten manche Kinder gerettet werden.
Um die Ziele der in der Klinik auftauchenden Kommissionen oder Gutachter zu erkennen, bedurfte es sicherlich großer Aufmerksamkeit. Nur so konnte man, falls man erkannte, dass sie ein Kind für die Euthanasie vormerkten, sogleich einen Vermerk darüber im Krankenblatt anbringen. Man stiftete dadurch bei den Nazi-Institutionen Verwirrung, gleichzeitig aber wurde deren Maßnahme dadurch behindert, dass die angestrebte strenge Geheimhaltung durch den Eintrag durchbrochen und Öffentlichkeit hergestellt wurde. Dass dies bei den Nazi-Institutionen unerwünscht war, zeigt die im Artikel zitierte Beschwerde des Leiters der Euthanasiemaßnahmen über derartige Eintragungen in Krankenblättern der Universitäts-Kinderklinik Jena an den damaligen Rektor der Universität Jena, Prof. Astel (der als Parteigänger der Nazis bekannt war).
Es klingt absurd, dass gerade Teile der Hilfsmaßnahmen, die zur Rettungsaktion eingesetzt wurden, heute gegen die Retter als Indiz für ihre Tötungsbeteiligung verwendet werden. Es muss schlimm um die Auseinandersetzung mit der Nazizeit in Deutschland bestellt sein, wenn man sich heute, mehr als ein halbes Jahrhundert nach Beendigung dieser entsetzlichen Diktatur, noch eher auf Aussagen oder Schrift-sätze von Nazifunktionären stützt, als Berichten von Zeitzeugen und Betroffenen der Naziverbrechen Glauben zu schenken, und dass Menschen, die damals unter Einsatz ihrer Existenz und ihres Lebens Menschen gerettet haben, heute als Mordhelfer diffamiert werden.
Vielleicht werden die Menschen in den nächsten zwei Jahrtausenden fähig werden, eine Mentalität zu überwinden, die gute Menschen zu vernichten sucht, weil sie ihr zu groß sind.
Prof. Dr. med. Harald Haupt, Marienburger Ufer 23 a, 47279 Duisburg

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