ArchivDeutsches ÄrzteblattOnlineFirst/2023Zwei Jahre Pandemie: Die psychische Gesundheit und Lebensqualität von Kindern und Jugendlichen – Ergebnisse der COPSY-Längsschnittstudie
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Die COVID-19-Pandemie geht mit seelischen Belastungen bei Kindern und Familien einher, wie zahlreiche Metaanalysen sowie die bundesweite COPSY-Studie (Corona und Psyche) zeigen (1, 2, 3). Zudem geraten Long-COVID-Symptome zunehmend ins Blickfeld (4). Die COPSY-Längsschnittstudie untersucht erstmals in bisher vier Befragungswellen (W1: 05–06/2020, W2: 12/2020–01/2021, W3: 09–10/2021, W4: 02/2022), wie sich die psychische Gesundheit und Lebensqualität von Kindern und Jugendlichen in den ersten zwei Pandemiejahren entwickelt haben und welche Risikofaktoren und Ressourcen dies beeinflussen.

Methoden

Insgesamt nahmen n = 2 319 Familien mit 7- bis 17-jährigen Kindern im Selbstbericht (11 bis 17 Jahre, n = 1 602) und jeweils ein Elternteil (7 bis 17 Jahre, n = 2 319) an der Studie teil. Die Familien wurden von Infratest-Dimap per Zufall ausgewählt und um Teilnahme gebeten. Die Stichprobe entspricht der Struktur der bundesdeutschen Grundgesamtheit von Eltern von 7- bis 17-Jährigen laut aktuellem Mikrozensus (2018). Die Längsschnittteilnahme war mit durchschnittlich über 80 % für alle Befragungswellen hoch (Befragungswelle 4: 83,6 %, initiale Responserate: 45,8 %). Es wurden international validierte Skalen eingesetzt (Grafik, Tabelle). Die Gesundheitsdaten wurden mittels deskriptiver Statistiken, Chi-Quadrat-Tests sowie logistischer Regressionen zur Berechnung der Assoziationen (Odds Ratio, OR) zwischen einer definierten Risikogruppe und den Outcomes adjustiert für Alter, Geschlecht und Alter-Geschlecht-Interaktion analysiert. Die Daten wurden mit präpandemischen Referenzwerten der BELLA-Studie (5), die als methodische Grundlage für die COPSY-Studie diente und deren Design, Stichprobenauswahl und Befragungsinstrumente nahezu identisch sind, verglichen.

Lebensqualität (somatische, psychische und soziale Lebensqualität im KIDSCREEN-10) und psychische Auffälligkeiten (emotionale, Verhaltens-, Hyper aktivitäts- und Peer-Probleme im SDQ
Grafik
Lebensqualität (somatische, psychische und soziale Lebensqualität im KIDSCREEN-10) und psychische Auffälligkeiten (emotionale, Verhaltens-, Hyper aktivitäts- und Peer-Probleme im SDQ
Psychosomatische Beschwerden von Kindern und Jugendlichen während der COVID-19-Pandemie
Tabelle
Psychosomatische Beschwerden von Kindern und Jugendlichen während der COVID-19-Pandemie

Ergebnisse

Die Kinder und Jugendlichen waren zu Beginn der COPSY-Studie (Welle 1) im Durchschnitt 11,9 Jahre (50 % Mädchen, 17,2 % mit Migrationshintergrund), die Eltern 43,1 Jahre alt (56,4 % Mütter, 57,5 % mittlerer Bildungsgrad). In Befragungswelle 4 war jedes fünfte Kind (20,4 %) schon einmal an COVID-19 erkrankt. Die Frage „Wie schwierig/belastend waren Veränderungen im Zusammenhang mit der Coronakrise für dich insgesamt?“ beantworteten 40,8 %/28,8 %/10,7 % mit „etwas“/„ziemlich“/„äußerst“. Der Anteil der Kinder und Jugendlichen mit niedriger Lebensqualität stieg von präpandemisch 15,3 % auf 35,1–47,7 %. Der Anteil der Kinder und Jugendlichen mit psychischen Auffälligkeiten stieg im Pandemieverlauf bis Befragungswelle 2 auf knapp ein Drittel an, sank zu Befragungswelle 3 leicht ab und stagniert seither bei 27,0–28,5 %. Bei selbstberichteten ängstlichen und depressiven Symptomen fand sich ein ähnlicher Trend (Grafik). Bei den berichteten Werten handelt es sich um selbstberichtete Symptome von psychischen Auffälligkeiten und nicht um diagnostizierte psychische Erkrankungen.

Psychosomatische Beschwerden stiegen im Verlauf der Pandemie kontinuierlich an. Kinder und Jugendliche mit vorheriger COVID-19-Infektion leiden zu 60,8 % (W4) beziehungsweise 77,5 % (W3) unter mindestens drei Beschwerden, ihre Peers ohne vorherige COVID-19-Infektion dagegen zu 57,9 % (W4) beziehungsweise 53,8 % (W3) (Tabelle).

14,0–16,7 % der Kinder und Jugendlichen waren von einer Kombination aus folgenden Risikofaktoren betroffen:

Entweder es lag eine

  • psychische Erkrankung der Eltern oder
  • starke Belastung der Eltern durch die Pandemie oder
  • eine geringe Bildung der Eltern und ein enger Wohnraum (< 20 qm/Person) beziehungsweise Migrationshintergrund vor.

Kinder und Jugendliche mit diesem a priori konzeptualisierten Risikocluster hatten über die vier Befragungswellen eine 1,2- bis 4,3-fach erhöhte Chance beziehungsweise Risiko (OR) einer niedrigen Lebensqualität (OR: 2,0–3,0; p < 0,001−0,004), psychisch auffällig zu sein (OR: 2,6–4,3; p < 0,001), ängstliche (OR: 1,2–2,8; p < 0,001–0,453) beziehungsweise depressive Symptome (OR: 2,1–3,8; p < 0,001) zu haben und unter psychosomatischen Beschwerden (OR: 1,5–3,2; p < 0,001–0,013) zu leiden.

Fast alle Kinder und Jugendlichen konnten den Belastungen und Risiken ein positives Familienklima, mehr als drei Viertel starke personale Ressourcen und etwa die Hälfte eine gute soziale Unterstützung entgegensetzen. Kinder mit diesem kombinierten Ressourcencluster (in jeder Ressourcenvariable über dem 20. Perzentil) hatten eine auf 0,1–0,2 reduzierte Chance beziehungsweise Risiko (OR) einer niedrigen Lebensqualität (p < 0,001), psychischer Auffälligkeiten (OR: 0,1–0,2; p < 0,001), Angstsymptome (OR: 0,2–0,3; p <,001), depressiver Symptome (OR: 0,1–0,2; p < 0,001) und psychosomatischer Beschwerden (OR: 0,4–0,5; p < 0,001).

Diskussion

Auch nach zwei Jahren Pandemie war zu Jahresbeginn 2022 ein hoher Anteil von Kindern psychisch belastet. Insbesondere psychosomatische Beschwerden nahmen erneut leicht zu. Dies deckt sich mit internationalen Metaanalysen (2, 3). Für den präpandemischen Vergleich wurden Daten der methodisch vergleichbaren BELLA-Studie verwendet. Auch wenn die COPSY-Studie erstmals eine Entwicklung über zwei Pandemiejahre aufzeigt, können keine kausalen Rückschlüsse gezogen werden und es ist unklar, ob die Ergebnisse im Zusammenhang mit einer deutlichen Zunahme der COVID-19-Infektionen/Post- oder Long-COVID, der Wintersaison, einer kumulierten Belastung durch die Pandemie oder anderen Faktoren stehen. Die Mehrheit der Kinder und Jugendlichen konnte diesem Belastungserleben gute Ressourcen entgegensetzen. Auch wenn die Effektstärken insgesamt gering sind, bleibt jedoch ein nennenswerter Anteil der Kinder und Jugendlichen, welche auch zwei Jahre nach Pandemiebeginn noch psychisch auffällig waren (28,5 %) beziehungsweise zur Risikogruppe zählten (14,0 %). Diese Heranwachsenden benötigen Unterstützung, um ihre psychische Gesundheit zu stärken.

Anne Kaman*, Michael Erhart*, Janine Devine, Franziska Reiß, Ann-Kathrin Napp, Anja M. Simon, Prof. Dr. Klaus Hurrelmann, Dr. Robert Schlack, Heike Hölling, Prof. Dr. Lothar H. Wieler, Prof. Dr. Ulrike Ravens-Sieberer

*Die Autorin und der Autor teilen sich die Erstautorenschaft.

Zentrum für Psychosoziale Medizin, Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie, -psychotherapie und -psychosomatik, Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf, Hamburg (Kaman, Erhart, Devine, Reiß, Napp, Ravens-Sieberer), ravens-sieberer@uke.de

Alice-Salomon-Hochschule, Berlin (Erhart)

Infratest Dimap, Berlin (Simon)

Hertie School of Governance, Berlin (Hurrelmann)

Abteilung für Epidemiologie und Gesundheitsmonitoring, Fachgebiet Psychische Gesundheit, Robert Koch-Institut, Berlin (Schlack, Hölling)

Robert Koch-Institut, Berlin (Wieler)

Interessenkonflikt
Die Autorinnen und Autoren erklären, dass kein Interessenkonflikt besteht.

Manuskriptdaten
eingereicht: 25.10.2022, revidierte Fassung angenommen: 02.01.2023

Zitierweise
Kaman A, Erhart M, Devine J, Reiß F, Napp, AK, Simon A, Hurrelmann K, Schlack R, Hölling H, Wieler L, Ravens-Sieberer U: Two years of pandemic: the mental health and quality of life of children and adolescents—findings of the COPSY longitudinal study.

Dtsch Arztebl Int 2023; 120. DOI: 10.3238/arztebl.m2023.0001

Dieser Beitrag erschien online am 17.01.2023 (online first) unter: www.aerzteblatt.de

►Die englische Version des Artikels ist online abrufbar unter:
www.aerzteblatt-international.de

1.
Schlack R, Neuperdt L, Junker S, et al.: Veränderungen der psychischen Gesundheit in der Kinder- und Jugendbevölkerung in Deutschland während der COVID-19-Pandemie—Ergebnisse eines Rapid Reviews. PsyArXiv 2022 (Preprint) CrossRef
2.
Ravens-Sieberer U, Kaman A, Devine J, et al.: The mental health and health-related behavior of children and parents during the COVID-19 pandemic. Findings of the longitudinal COPSY study. Dtsch Arztebl Int 2022; 119: 436–7 VOLLTEXT
3.
Ma L, Mazidi M, Li K, et al.: Prevalence of mental health problems among children and adolescents during the COVID-19 pandemic: a systematic review and meta-analysis. J Affect Disord 2021; 293: 78–89 CrossRef MEDLINE PubMed Central
4.
Lopez-Leon S, Wegman-Ostrosky T, Ayuzo Del Valle NC, et al.: Long-COVID in children and adolescents: a systematic review and meta-analyses. Sci Rep 2022, 12: 9950 CrossRef MEDLINE PubMed Central
5.
Otto C, Reiss F, Voss C, et al.: Mental health and well-being from childhood to adulthood: design, methods and results of the 11-year follow-up of the BELLA study. Eur Child Adolesc Psychiatry 2021; 30: 1559-77 CrossRef MEDLINE PubMed Central
Lebensqualität (somatische, psychische und soziale Lebensqualität im KIDSCREEN-10) und psychische Auffälligkeiten (emotionale, Verhaltens-, Hyper aktivitäts- und Peer-Probleme im SDQ
Grafik
Lebensqualität (somatische, psychische und soziale Lebensqualität im KIDSCREEN-10) und psychische Auffälligkeiten (emotionale, Verhaltens-, Hyper aktivitäts- und Peer-Probleme im SDQ
Psychosomatische Beschwerden von Kindern und Jugendlichen während der COVID-19-Pandemie
Tabelle
Psychosomatische Beschwerden von Kindern und Jugendlichen während der COVID-19-Pandemie
1.Schlack R, Neuperdt L, Junker S, et al.: Veränderungen der psychischen Gesundheit in der Kinder- und Jugendbevölkerung in Deutschland während der COVID-19-Pandemie—Ergebnisse eines Rapid Reviews. PsyArXiv 2022 (Preprint) CrossRef
2.Ravens-Sieberer U, Kaman A, Devine J, et al.: The mental health and health-related behavior of children and parents during the COVID-19 pandemic. Findings of the longitudinal COPSY study. Dtsch Arztebl Int 2022; 119: 436–7 VOLLTEXT
3.Ma L, Mazidi M, Li K, et al.: Prevalence of mental health problems among children and adolescents during the COVID-19 pandemic: a systematic review and meta-analysis. J Affect Disord 2021; 293: 78–89 CrossRef MEDLINE PubMed Central
4.Lopez-Leon S, Wegman-Ostrosky T, Ayuzo Del Valle NC, et al.: Long-COVID in children and adolescents: a systematic review and meta-analyses. Sci Rep 2022, 12: 9950 CrossRef MEDLINE PubMed Central
5.Otto C, Reiss F, Voss C, et al.: Mental health and well-being from childhood to adulthood: design, methods and results of the 11-year follow-up of the BELLA study. Eur Child Adolesc Psychiatry 2021; 30: 1559-77 CrossRef MEDLINE PubMed Central

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