ArchivDeutsches Ärzteblatt19/2000Konjunktur-Motor kommt auf Touren

VARIA: Wirtschaft - Berichte

Konjunktur-Motor kommt auf Touren

Dtsch Arztebl 2000; 97(19): A-1317 / B-1122 / C-1050

Kannengießer, Walter

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LNSLNS Der schwache Euro treibt den Export und die Preise in die Höhe. Es wird investiert und konsumiert. Die Arbeitslosenzahl sinkt langsam.

Alle reden vom Aufschwung. Endlich hat das wirtschaftliche Wachstum gewonnen. Der Export bleibt die treibende Kraft, doch auch die Aufträge aus dem Inland und die Investitionen nehmen seit einigen Monaten deutlich zu. Die Ökonomen sehen das klassische Verlaufsmuster eines sich inzwischen selbst tra-genden und verstärkenden Aufschwungs. Die Politik schreibt sich das Verdienst daran zu. Tatsächlich könnte die zu erwartende Steuerreform, auch wenn sie einseitig große Unternehmen begünstigt, Wachstumsimpulse auslösen. Auch haben die längerfristigen Tarifabschlüsse, obwohl sie nur wenig zum Abbau der Arbeitslosigkeit beitragen, das wirtschaftliche Klima verbessert.
Entscheidend für die Beschleunigung der Konjunktur sind aber
- die wachsende Dynamik der Weltwirtschaft, die die Folgen der Krisen in Asien und Russland schneller als erwartet verkraftet hat,
. die Hochkonjunktur in den Vereinigten Staaten, die leicht abgeschwächt auch bis in das Jahr 2001 hinein fortdauern dürfte,
. der schwache Euro, der den Export verbilligt und den Import verteuert,
. die Aussicht auf sinkende Ölpreise.
Das weltwirtschaftliche Szenario begünstigt jedenfalls die exportorientierte deutsche Wirtschaft. Das dürfte bis 2001 und möglicherweise auch darüber hinaus so bleiben, es sei denn, dass es in den USA zu einer deutlichen Konjunkturabschwächung käme. Wenn
die sechs wirtschaftswissenschaftlichen Institute in ihem „Frühjahrsgutachten“ für 2000 und 2001 ein reales Wachstum des Bruttoinlandsprodukts (BIP) von jeweils 2,8 Prozent voraussagen, so wird man dies aus heutiger Sicht eher als eine vorsichtige Schätzung bewerten müssen. Andere erwarten eine Wachstumsrate von drei Prozent und mehr. Die wirtschaftliche Dynamik geht vom Westen aus; der Osten hinkt deutlich nach.
Deutschland hat jedenfalls Anschluss an die konjunkturelle Entwicklung in der Euro-Zone gewonnen, für die ein Wachstum von 3,2 Prozent in diesem Jahr und von 2,9 Prozent im nächsten Jahr vorausgesagt wird. Dennoch bliebe die Dynamik der deutschen Konjunktur damit weiter hinter anderen Ländern der Euro-Zone zurück. Das hängt auch damit zusammen, dass nicht alle Wirtschaftsbereiche vom konjunkturellen Auftrieb erfasst sind, so die Bauwirtschaft, Teile des Handels und eine Reihe bedeutsamer Dienstleistungszweige wie das budgetierte Gesundheitswesen.
Die höchsten Zuwachsraten bei den Bestellungen (rund 6 Prozent aus dem Inland und 15 Prozent aus dem Ausland gegenüber dem Vorjahr) meldet das stark exportorientierte verarbeitende Gewerbe. Kräftig belebt hat sich vor allem die Nachfrage nach Investitionsgütern. Steigende Einkommen und Steuersenkungen dürften die Konsumenten-Nachfrage vor allem 2001 beleben.
Der Preisanstieg hat sich bis auf 1,9 Prozent im März beschleunigt. Ausschlaggebend dafür war die Verteuerung der Einfuhr durch die Abwertung des Euro. Die Einfuhr hat sich um 11 Prozent gegenüber dem Vorjahr verteuert. Betroffen sind vor allem die Preise von Rohstoffen, wie Mineralöl, und Halbwaren. Der Anstieg der Benzin- und Heizölpreise dürfte jedoch nach der Ankündigung der Ölländer, die Förderung zu erhöhen, seinen Höhepunkt überschritten haben. Hinzu kommt ein statistischer Effekt. Im April letzten Jahres sind die Preise der Mineralölprodukte im Zuge der so genannten „Öko-Steuerreform“ massiv angehoben worden. Der Basiseffekt schlägt jetzt positiv auf die Preissteigerungen durch.
Die Zahl der Arbeitslosen ist zuletzt weiter zurückgegangen. Ende März wurden aber noch immer 4,14 Millionen gezählt; das sind rund 150 000 weniger als vor einem Jahr. Wenn man berücksichtigt, dass der Arbeitsmarkt im laufenden Jahr und auch künftig durch die demographische Entwicklung entlastet wird (mehr Alte scheiden aus, weniger Junge rücken nach), so wird deutlich, dass die Konjunktur am Arbeitsmarkt noch keine nachhaltige Wirkung zeigt. Die wahlpolitisch motivierten Erfolgsmeldungen eilen der tatsächlichen Entwicklung voraus. Auch die Zunahme der Beschäftigtenzahl ist, soweit bisher erkennbar, denkbar gering. Die Konjunktur müsste schon boomen, wenn sich die Prognose der Konjunkturexperten erfüllen sollte, dass die jahresdurchschnittliche Arbeitslosenzahl 2001 auf etwa 3,5 Millionen zurückgehen werde. Damit ergäbe sich dann eine Arbeitslosenquote von 8,8 Prozent (6,8 Prozent im Westen, 16,8 Prozent im Osten).
Die wirtschafts- und finanzpolitische Diskussion wird sich in den nächsten Wochen vor allem auf zwei Fragen konzentrieren.
1. Wie ist die wirtschaftliche Dynamik in Ostdeutschland zu verstärken und die dort noch immer hohe Arbeitslosigkeit zu verringern?
2. Die Konjunktur füllt die staatlichen Kassen; der Bund kann mit einem
gewaltigen Milliarden-Segen aus der Privatisierung und der Vergabe neuer Mobilfunklizenzen rechnen. Was soll mit diesem Geld geschehen?
Auf die erste Frage gibt es bislang noch keine plausible Antwort. Mit den staatlichen Mehreinnahmen könnten der Entlastungseffekt der Steuerreform verstärkt oder die hohe Staatsverschuldung abgebaut oder die Ausgaben für die Bildungspolitik, den Ausbau der Infrastruktur und für die Bundeswehr höher dotiert werden.
Unabweisbar und vertretbar ist zunächst eine stärkere Steuerentlastung. Diese hätte mehr als bisher geplant dazu beigetragen, die wirtschaftliche Dynamik zu steigern, das Steuersystem nachhaltig zu verbessern und auch einfacher zu gestalten. Damit würden die Chancen dafür deutlich verbessert, dass es zu einer längerfristigen Wachstumsphase käme und dann in den folgenden Jahren auch andere strukturell wichtige Aufgaben angegangen und seriös finanziert werden könnten. Walter Kannengießer


Tabelle
Konjunktur-Prognose (in Prozent)
Deutschland 2000 2001
Bruttoinlandsprodukt real 2,8 2,8
Privater Konsum 1,8 2,2
Investitionen 3,2 3,8
Bau 0,5 1,0
Ausfuhr real 9,3 6,4
Einfuhr real 6,5 6,5
Arbeitnehmerentgelte 2,3 3,0
Verbraucherpreise 1,5 1,3
Erwerbstätige (in Mio.) 36 265 36 545
Arbeitslose (in Mio.) 3 830 3 500
(Quelle: Frühjahrsgutachten der Institute)
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