ArchivDeutsches Ärzteblatt30/1996Zehn Jahre HIV-Testung in den Blutspendediensten

MEDIZIN: Diskussion

Zehn Jahre HIV-Testung in den Blutspendediensten

Flegel, A.; Koerner, Klaus; Wagner, F.; Kubanek, Bernhard; Johannsen, Roloff

Zu dem Beitrag von Dr. med. Willy A. Flegel et al.in Heft 13/1996
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LNSLNSLNSLNS Unzutreffende Verallgemeinerungen
Die von den Mitgliedern der Arbeitsgemeinschaft Plasmaderivate herstellender Unternehmen betriebenen Plasmaphereseeinrichtungen standen nie im Verdacht und haben auch nie gegen ihre Herstellungserlaubnis verstoßen, vorschriftswidrige Blutproben gemischt oder erst gar nicht untersucht. Die Mitglieder dieser Arbeitsgemeinschaft "bezahlen" die Plasmapherese nicht, vielmehr erhalten Plasmaspender für ihren Aufwand (Zeit und Reisekosten) ebenso wie bei Einrichtungen zumindest vieler Blutspendedienste des Roten Kreuzes und staatlich-kommunalen Bluttransfusionsdiensten eine pauschale Aufwandsentschädigung; dies steht im Einklang mit den Empfehlungen des Arbeitskreises Blut des Bundesministeriums für Gesundheit. Die Mitglieder der Arbeitsgemeinschaft bringen in eigenen Plasmaphereseeinrichtungen nach dem höchsten Stand von Wissenschaft und Technik Humanplasma für die Fraktionierung, das heißt für die Herstellung hochentwickelter Pharmazeutika auf. Plasmen für Transfusionszwecke werden von den Mitgliedern nicht aufgebracht. Anders als bei nicht inaktivierbaren Blutkomponenten bestehen für Plasmaderivate Möglichkeiten zur Virusinaktivierung. Allein Plasmaderivate können seit mehr als zehn Jahren effektiv virusinaktiviert werden und gewährleisten eine hohe Sicherheit vor Infektionsübertragungen. Diese Verfahren sind im Verbund mit den Elementen Spenderauswahl, Spenden- und Pooltestung sowie look-back zu sehen, die zusätzlich zur Sicherheit der Plasmaderivate beitragen. Pharmazeutische Unternehmen wie die Mitglieder der Arbeitsgemeinschaft leisten einen wesentlichen Beitrag zur Selbstversorgung mit aus Humanplasma hergestellten Präparaten in Deutschland. Die pharmazeutische Industrie verfügte zu jedem Zeitpunkt über die erforderliche Herstellungserlaubnis und handelte in Übereinstimmung mit behördlichen und gesetzlichen Anforderungen. Die Arbeitsgemeinschaft wendet sich daher gegen unsachgemäße Differenzierung.


Dr. Roloff Johannsen, Vorsitzender,
Arbeitsgemeinschaft Plasmaderivate
herstellender Unternehmen
Karlsstraße 21 60329 Frankfurt/Main


Schlußwort
Eine Differenzierung erscheint uns gerechtfertigt und erforderlich, wenn sie sachlich begründet ist. Zur Abgrenzung von Blutkomponenten und Plasmaderivaten haben wir festgestellt, daß mehr HIV-Infektionen durch Plasmaderivate verursacht wurden als durch Blutkomponenten, Plasmaderivate nach wie vor überwiegend von Spendern aus außereuropäischen Ländern stammen und solche Spenderpopulationen eine höhere Virusprävalenz aufweisen als die mitteleuropäischen Spenderpopulationen. Diesen Feststellungen hat Herr Dr. Johannsen nicht widersprochen. Wichtige Aspekte zur Beurteilung und Erhöhung der Sicherheit von Blutkomponenten und Plasmaderivaten sind die Epidemiologie unter den Blutspendern, geographische Herkunft der Spender, Ergebnisse von Look-back-Untersuchungen, Spendeintervalle sowie Veränderungen dieser Parameter im zeitlichen Verlauf. Solche Daten werden für die Blutpräparate von staatlich-kommunalen Blutspendediensten und DRK-Blutspendediensten kontinuierlich erhoben und veröffentlicht. Bislang machen alle Mitglieder der Arbeitsgemeinschaft diese Daten ihrer Blutspenden nicht der Öffentlichkeit zugänglich. Im Artikel hatten wir nicht auf die Mitglieder der Arbeitsgemeinschaft Bezug genommen. Wir haben sie nicht verdächtigt, gegen ihre Herstellungserlaubnis zu verstoßen. Wir gehen davon aus, daß die Mitgliedsfirmen den höchsten Stand von Wissenschaft und Technik für die Fraktionierung und die Virusinaktivierung von Humanplasma einsetzen. Jedoch sind nicht alle Plasmapherese-Unternehmen Mitglieder von Arbeitsgemeinschaften. Wir müssen bestätigen, daß die "Aufwandsentschädigung" der Plasmapheresen im Einklang mit den Empfehlungen des Arbeitskreises Blut steht. Allerdings leisten Blutspender bei DRKBlutspendeaktionen ihre Blutspenden ohne eine vergleichbare finanzielle Zuwendung. Eine "pauschale Aufwandsentschädigung" könnte Personengruppen mit erhöhtem Virusrisiko zum Plasmaspenden verleiten, zumal – nach den Richtlinien zulässige – wöchentliche Plasmapheresen bei manchen einen hohen Beitrag zum Bestreiten der Lebenshaltungskosten ausmachen können. Einige europäische Staaten erreichen einen höheren Grad an Selbstversorgung mit Plasmaderivaten, obwohl dort Blut- und Plasmaspender auf "Bezahlung" oder "pauschale Aufwandsentschädigung" ganz verzichten, was wir für beispielhaft halten. Eine günstige Epidemiologie unter Blutspendern ist Voraussetzung für die Sicherheit von Blutkomponenten und Plasmaderivaten. Schon immer versorgen die öffentlichen Blutspendedienste ausschließlich mit Blutpräparaten von Blutspendern aus Deutschland. Um das Ziel der vollständigen Selbstversorgung mit Blutkomponenten und Plasmaderivaten durch Niedrigrisiko-Blutspender aus Deutschland zu erreichen, muß die soziale Leistung von unentgeltlichen Blut- und Plasmaspenden in der Bevölkerung noch mehr anerkannt werden.


Dr. med. Willy A. Flegel
Dr. rer. nat. Klaus Koerner
Dr. med. Franz F. Wagner
Prof. Dr. med. Bernhard Kubanek
Abteilung Transfusionsmedizin und DRK-Blutspendezentrale Ulm
Helmholtzstraße 10 89081 Ulm

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