ArchivDeutsches Ärzteblatt19/2000Börsebius zum Euro: Tiefe Ängste

VARIA: Schlusspunkt

Börsebius zum Euro: Tiefe Ängste

Dtsch Arztebl 2000; 97(19): [60]

Rombach, Reinhold

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LNSLNS Mit den besten Vorschusslorbeeren ausgestattet, ging die Geburt des Euro vonstatten. Als neue Leitwährung sollte die europäische Valuta dem Dollar und dem Yen global Paroli bieten.
Heute herrscht Frust pur. Der Euro kann in vielen Augen den Anspruch einer Leitwährung nicht durchhalten, er ist vielmehr zur Leidwährung verkommen. So stöhnen zumindest die Kritiker, die es von Anfang an gewusst haben wollen. Der Grund für die entsetzten Blicke ist der stete Abstieg von 1,20 beim Start auf nunmehr erschreckende 0,89 Euro für einen Dollar. Erschreckend? Wirklich erschreckend?
Zugegeben, es mag einen schon erschrecken, wie sehr die Finanzmärkte den Euro nach unten prügeln. Jüngster Anlass sind die Beitrittsquerelen um Griechenland. So berechtigt die Kritik (immense Verschuldung) auch ist, so überzogen bleibt sie in diesem konkreten Fall allemal. Zu klein sind, relativ gesehen, die Dimensionen, in denen die griechischen volkswirtschaftlichen Daten tatsächlich ins Gewicht fallen. Es kommt ja auch keiner auf die Idee, Deutschland zu unterstellen, ökonomisch schwach auf der Brust zu sein, weil etwa das Saarland dem Steuerzahler bloß auf der Tasche läge.
Wahr ist gleichwohl, dass allenthalben eine tiefe Verunsicherung herrscht. Und es ist durchaus beunruhigend, auf welch populistischem Niveau die Euro-Dresche mittlerweile grassiert. Die Boulevard-Presse schreibt den Euro windelweich, die gleiche Journaille übrigens, die viele unerfahrene Anleger in den Neuen Markt gejagt hat („Der schnelle Weg zum Reichtum“ und so weiter), mit den entsprechend desaströsen Folgen.
Mittlerweile wird in Funk und Fernsehen schon die gesamte Währungsunion infrage gestellt. Die Folge: Je mehr Menschen den Warnungen Glauben schenken, umso größer wird der Druck auf die Währung selbst und natürlich auch auf die Zentralbank, irgendetwas (Verkehrtes) zu tun, nur damit etwas geschieht. Aktionismus in Reinkultur droht.
Ein Innehalten tut Not. Kein Mensch hat sich, als wir noch Dollar in Mark gerechnet haben, über einen Kurs von 2,15 Dollar für eine Mark aufgeregt, und das entspricht ja der aktuellen Parität Euro zum Dollar. Selbst bei 2,25 oder 2,35 Mark für einen Dollar käme kaum jemand auf die Idee, Totenglöckchen läuten zu lassen.
Das aber ist es nicht alleine. Fundamental ist der Euro alles andere als eine Prügelwährung. Bei einer Inflationsrate von 2 Prozent hierzulande ist der Euro allemal wertstabiler als der Dollar. Und rechnet man alle Faktoren zusammen, die den Wert einer Währung ausmachen (Leistungsbilanz, Produktivität, Inflation und Wachstumsaussichten), dann ist der Euro sogar klar unterbewertet. Der faire Wert müsste gut 20 Prozent höher liegen.
Mitte der 90er-Jahre lag die Deutsche Mark 30 Prozent über ihrem fairen Wert und Anfang der 80er 40 Prozent darunter. Die Erkenntnis daraus: Devisenmärkte neigen zu Übertreibungen, aber langfristig setzen sich immer die fundamentalen Daten durch. So wird es auch beim Euro kommen. Börsebius
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