ArchivDeutsches Ärzteblatt5/1996Börsebius über Aktien: Bruchlandung

VARIA: Schlusspunkt

Börsebius über Aktien: Bruchlandung

Rombach, Reinhold

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LNSLNS Es ist noch gar nicht lange her, da habe ich an dieser Stelle dringend vom Kauf von Bremer Vulkan-
Aktien abgeraten. Tags drauf rief mich ein kundiger Investor an und meinte, ich sei immer viel zu skeptisch, man müsse auch mal richtig was riskieren. Er habe just vor einer Woche Fokker gekauft und binnen drei Tagen vierzig Prozent Gewinn gemacht. Was ich denn zu einem solch tollen Ertrag sage. Sein Anleger-Motto sei: "Nur tote Fische schwimmen mit dem Strom."
Nun hat es sich mit Fokker also ausgeschwommen. Mit dem Abdrehen des Geldhahns durch die Konzernmutter Daimler-Benz ist ein Konkurs des ehemaligen niederländischen Vorzeigeunternehmens (fast) nicht mehr aufzuhalten, zumindest werden sich die armen Aktionäre auf einen Totalverlust einstellen müssen. Damit sind die Phantasien vieler Spekulanten, Daimler und die niederländische Regierung könnten es sich gar nicht leisten, so eine staatstragende Perle aufzugeben, wie eine Seifenblase zerplatzt. Wenn nur die Schulden hoch genug sind, spielen Tausende von verlorenen Arbeitsplätzen keine große Rolle mehr.
Im übrigen sieht die Sache beim Bremer Vulkan nicht viel besser aus. Gestern fiel der Aktienkurs dramatisch auf fast 20 Mark, heute hangelte er sich wieder mal nach oben. Zum Schluß der Börsensitzung notierten die Hanseaten rund 30 Prozent höher. Aber was heißt das schon für den, der bei 80 Mark noch vor rund einem Jahr eingestiegen ist. Auch beim Vulkan droht eine Riesenpleite. Die Schuldenberge sind viel zu hoch, neue Aufträge werden nicht kostendeckend hereingenommen, und kein Mensch weiß genau, wem das Unternehmen eigentlich gehört. Alle Welt munkelt von einem Großaktionär, bloß zu erkennen gibt er sich nicht. Komische Sache das.
Zurück zur Tagesordnung? Die Chose damit abtun, daß mal wieder einige wilde Zocker eins auf die Nase bekommen haben? Das sollte man nun gerade nicht tun. Ich erlebe immer wieder, daß gerade diese wilden Zocker im Freundeskreis, am Stammtisch oder im Sportverein mit ihren bombastischen Börsengewinnen, verbrämt mit einigen Fachausdrücken ("der muß ja richtig Ahnung haben"), erst den Neid der anderen wecken und dann die Nachahmungslust fördern.
Die Wahrheit ist eine andere. Ich habe noch keinen einzigen dieser Börsenwundermänner erlebt, der keine Börsenleiche im Keller gehabt hätte, vermutlich auch Fokker und Bremer Vulkan. Nur, davon erzählen will keiner, was man irgendwie auch wieder verstehen kann, wenn man von soviel Unfehlbarkeit geschlagen ist. Man darf solchen Leuten bloß nicht auf den Leim gehen. Das geht sonst arg ins Geld. Börsebius
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